Jean Ziegler (1934–2026) : Empörung und heiliger Zorn
Mit dem Soziologen Jean Ziegler ist eine prägende Schweizer Persönlichkeit gestorben. Über das Vermächtnis eines öffentlichen Intellektuellen.
«Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaben»: Der Inhalt von Jean Zieglers frühem Buch und sein bitter-ironischer Titel treffen noch immer zu. Fünfzig Jahre später tauchen Schweizer Privatbanken und die letzte Grossbank mit ihren Altlasten immer wieder im Zusammenhang mit Korruptionsfällen auf, fliesst immer noch dubioses Geld in die Schweiz, machen in der Schweiz beheimatete Rohstoffhändler im gegenwärtigen Trump-Krieg das grosse Geld. Und die offizielle Schweiz tut immer noch so, als sei da gar nicht viel zu bedenken oder gar zu ändern.
Ziegler brach damals, 1976, ein Tabu. Sein Buch machte erste kritische entwicklungspolitische Analysen und Forderungen öffentlich und breitenwirksam. Nach ihm konnte der Bankensektor nicht mehr ganz so unbehelligt weisswaschen. Jean Zieglers unbeirrt vorgetragene Analysen und Polemiken hatten durchaus eine Langzeitwirkung. Sie schufen ein Klima, in dem Fragen nach der Verantwortung und einer Kontrolle des Finanzsektors und der Grosskonzerne etwa im Rohstoffbereich nicht mehr ignoriert werden konnten.
Vor knapp zwei Jahrzehnten hat sich die Schweiz – vor allem unter ausländischem Druck – bequemt, etwas schärfere Regeln zur Überwachung von Geldströmen und Diktatorengeldern zu entwickeln. Die Konzernverantwortungsinitiative zeigte, dass Zieglers einst als radikal und irreal verspottete Ideen durchaus eine Volksmehrheit finden konnten. Ihr Scheitern durch das undemokratische Ständemehr hat die Schweiz jedoch hinter den EU-Standard und sogar hinter formale US-Standards zurückgeworfen. Überhaupt ist die Schweiz in den letzten Jahren wieder zum Courant normal zurückgekehrt. Staatsanwaltschaften verfolgen lieber Whistleblower:innen als die von diesen sichtbar gemachten Missstände in der Finanzwirtschaft. Die Lobby von Rechtsanwält:innen im Parlament verhindert immer noch eine entsprechende Rechenschaftspflicht für ihre Branche.
Geld und Hunger
Jean Ziegler hat zwei Seiten derselben Medaille untersucht: einerseits die Finanzwirtschaft, zuerst in der Schweiz, dann weltweit; andererseits die daraus folgenden ökonomischen Verheerungen, insbesondere die globalen Hungersnöte.
Wenn er zuerst als Kritiker des Schweizer Finanzplatzes bekannt wurde, so analysierte er diesen immer eingebettet in die weltweiten Finanzströme. Deren Bedeutung hat ja ständig zugenommen, und so beschäftigte sich Ziegler insbesondere in den letzten Jahren mit den sogenannten Geierfonds, Hedgefonds, die herabgestufte Schulden von armen Ländern billig aufkaufen, gegen Schuldenschnitte opponieren und Regierungen zu verheerenden Rückzahlungen zwingen; oder mit Private-Equity-Vehikeln, die etwa in schwächelnde Firmen im Globalen Süden investieren und sie dann ausweiden.
In der Schweiz wurde Ziegler heftig angegriffen, im Ausland gerne als Zeuge zitiert. Wenn darin von seinen Kritiker:innen eine billige Retourkutsche für die «Schweizer Erfolgsgeschichte» vermutet wurde und wird, so belegt das gerade Zieglers These von der Selbstgefälligkeit der Schweiz – über jeden Verdacht erhaben. Verschiedentlich war er für die Uno tätig, vor allem ab 2000 als deren erster Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Er lieferte sechs Jahresberichte ab, teilweise auf einzelne Länder, teilweise auf übergreifende Probleme wie die Zerstörung der Umwelt und der Landwirtschaft konzentriert. Durch seine Arbeit war er insbesondere in Ländern des Globalen Südens hoch angesehen und wurde mehrfach in seinem Uno-Amt bestätigt.
Wie Zieglers politisches Engagement entstand, ist hinlänglich bekannt. Bei soziologischen Untersuchungen sah er in den 1960er Jahren in Afrika Hunger und Ausbeutung. Kontakte mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir in Paris schärften seine kritische Weltanschauung. Vor allem aber steht da die von ihm selbst bis zur Anekdote abgeschliffene Begegnung mit Che Guevara 1964 bei einer Konferenz in Genf: Der riet ihm, nicht mit nach Kuba zu kommen, sondern im Westen, im Zentrum des Monsters, zu kämpfen.
Die öffentliche Figur
Erica Deuber Ziegler hat ihren Ehemann unterstützt und an seinen Projekten mitgearbeitet. Dabei hat sie selbst Karriere als Kunsthistorikerin und Politikerin gemacht. Sie war Abteilungsdirektorin im Genfer Kulturdepartement, Forschungsleiterin am Museum für Völkerkunde von Genf und sass siebzehn Jahre lang für die Alliance de gauche im Genfer Grossen Rat.
Bei Jean Ziegler liess sich die öffentliche Figur nicht immer von der privaten trennen. Er sei, sagen selbst – oder gerade – seine Gegner:innen, bei all seiner polemischen Kritik persönlich einnehmend gewesen, sei für seine Überzeugungen eingestanden, ja, habe immer wieder Mut bewiesen. Doch das entschärft Zieglers inhaltliche Kritik, als ob sie als Ausdruck seiner Persönlichkeit halt nicht so ganz ernst zu nehmen sei.
Gelegentlich mag einem Zieglers Sprache als allzu polemisch aufgestossen sein. Aber was ist an seiner Polemik übertrieben oder überholt?
Elon Musk ist soeben Billionär geworden, kann damit seine rechtsextreme Meinungsmacht verstärken, befeuert die Herrschaft der Börse und nimmt uns via Pensionskassen in Geiselhaft. Die grösste kapitalistische Nation mutiert zum Mafiastaat. Schweizer Hedgefondsmanager reisen samt Luxusuhr und Goldbarren ins Weisse Haus und betreiben unverhüllt Wirtschaftspolitik in eigenem Interesse. Die UBS-Spitze versucht, die Landesregierung zu erpressen. Ist da nicht Empörung angebracht?
Die Arbeitsbedingungen in der Sweatshop-Industrie in Asien und Afrika sind erbärmlich, arme Staaten bleiben in der Verschuldungsspirale gefangen, durch wirtschaftliche Ausbeutungsmechanismen und strukturelle Gewalt schreitet die Umweltzerstörung voran, und Millionen Menschen hungern und sterben. Ist da nicht heiliger Zorn notwendig?
Ja, Zieglers Zorn hatte einen religiösen Beiklang. Sein erstes Buch hiess «Die Lebenden und der Tod», darin untersuchte er den kulturell unterschiedlichen Umgang mit dem Tod. Der Tod war ihm ein ewiger Stachel. Gerade daraus leitete er sein Engagement ab: «Daher gilt es, jeden Tag ein Maximum an Sinn, Gedanken, Worten und Handlungen hervorzubringen, damit das Bewusstsein dem Nichts im Augenblick des Todes ein Höchstmass an Sinn entgegenzusetzen hat», heisst es im Buch.
Binäre Sichtweise
Polemik und Pathos haben ihre Schwächen. Jean Ziegler hat sein Leben lang an einer bipolaren Weltsicht festgehalten: der imperialistische Westen gegen den ausgebeuteten Süden. Da liess er sich im Zeichen des Antiimperialismus auf unhaltbare Allianzen ein. Zudem wurde und wird dies der multipolaren Welt nicht gerecht. Wo und wie wären denn Putins Russland, Xis China und Modis Indien einzuordnen? Selbst im als Chiffre gebrauchten Globalen Süden geraten die Interessen durcheinander: Argentinien versus Brasilien, Südafrika sozial scharf in sich gespalten. Ziegler hat die sozialen Gegensätze im Auge behalten, aber er reproduzierte auch dort die binäre Sichtweise: die Herrschenden gegen das Volk, die da oben gegen uns da unten. Zuweilen romantisierte er, und der Einsatz fürs Volk stiess gelegentlich mit seiner Schwärmerei für individuelle Held:innenfiguren zusammen.
Und da ist der Vorwurf, er sei im Umgang mit Zahlen und Namen nicht immer verlässlich gewesen. Das hat ihn mehrfach in teure Gerichtsverfahren geritten. Ja, man musste bei ihm etliches überprüfen und einige Details korrigieren. Aber man wusste, worauf man sich mit ihm einliess, und dafür gibt es schliesslich uns Redaktorinnen und Korrektoren.
Schmälern solche Einwände seine Verdienste? Die Fehlurteile bezüglich mancher Autokraten sind unentschuldbar und beschädigten auch seine Arbeit beim Uno-Menschenrechtsrat. Auf der anderen Seite hielt er dort, berechtigt, am Zusammenhang von Menschenrechten mit Sozialrechten fest. Und seine Fehler schmälern die konkreten Analysen von westlicher Wirtschaftsmacht und menschlichem Leid im globalen System nicht.
Nicht nur Fundamentalist
Dabei beschränkte sich Zieglers Arbeit nicht auf seine Untersuchungen zur Finanzbranche und globalen Ökonomie. Schon die frühen Studien über den Umgang mit dem Tod zeigten, wie er an kulturellen Verhaltensweisen interessiert war, und sein Interesse an historischen Formen des Alltags befeuert alle seine Bücher. In «Ändere die Welt» von 2014 schrieb er geradezu eine Geschichte der Menschheit, mit einer eigentümlichen Mischung von systemtheoretischen, vage marxistischen Ansätzen, historischem Material, persönlichen Anekdoten und politischer Polemik. Spannend, anregend, zuweilen vorschnell und ärgerlich, zuweilen unerwartet. So beklagte er von einer kritischen Staatsanalyse her die überbordende Bürokratisierung, auch am Beispiel Genf – da tönte er schon beinahe libertär.
Als langjähriger Genfer SP-Nationalrat hinterliess er wenig praktische Spuren, dazu fehlte ihm die Geduld. Umgekehrt war er nicht nur der blindwütige Fundamentalist, wie er als Zerrbild dargestellt wurde. Denn als überzeugter Multilateralist stand er zur Uno und entwickelte für diese konkrete Änderungsvorschläge gegen innen und aussen. So forderte er, von linken globalisierungskritischen Positionen nicht unbestritten, verstärkte multilaterale Uno-Einsatztruppen. Als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung schlug er 2008 ein Moratorium für Biotreibstoffe vor, um deren Auswirkungen auf die lokalen Landwirtschaften zu kontrollieren. Auch sprach er sich immer wieder, ganz pragmatisch, für multilaterale Abkommen und für mehr gegenseitige Rechtshilfe beim Kampf gegen die Wirtschaftskriminalität aus.
Jean Ziegler ist am 10. Juni im Alter von 92 Jahren seiner Parkinsonerkrankung erlegen. In Erinnerung bleiben wird er als flammender Kritiker und Warner, als ein notwendig angriffiger, polemischer Intellektueller. ●