Kulturbesetzung in Basel : Bauen am Utopieraum

Nr. 25 –

Auf dem Gelände einer ehemaligen Kleinbasler Chemiefabrik kommen sich die Interessen von Kapital, Quartier und Stadtjugend in die Quere.

der Club Humbug auf dem Areal der ehemaligen Kleinbasler Chemiefabrik
Nicht die erste Wiederbelebung: In einer ehemaligen Fabrikhalle auf dem Areal wurde zwischenzeitlich der Club Humbug betrieben. Nach der Besetzung bereitet sich eine Band auf ihren Auftritt vor.

Als der Künstler Mike Huber* durch die weitläufigen Flure seines früheren Atelierhauses spaziert, überkommt ihn plötzlich ein beklemmendes Gefühl. Langsam sickert die Dunkelheit der Nacht in die Gänge, der Strom wurde längst abgestellt im Gebäude K104 der ehemaligen chemischen Fabrik im Basler Klybeckquartier. Huber betrachtet den kahlen Raum, der mal seiner war und nun mit neuem Leben gefüllt werden soll. Er zeigt auf die Graffitis. «Wem gehört die Stadt?», steht an einer Stelle.

K104 gehört dem Versicherungskonzern Swisslife. Es soll mitsamt den umliegenden Gebäuden des riesigen Komplexes abgerissen werden, schon nächstes Jahr. Und dann, irgendwann, soll dort ein ganz neues Quartier entstehen. Ausser es kommt alles anders.

Sieben Jahre lang hatte Huber dort im Rahmen einer Zwischennutzung neben dreissig anderen Künstler:innen ein eigenes Atelier. Davor war die Gruppe in einem Atelierhaus in der Basler Kaserne, bis diese umgebaut wurde. Ein Teil der Gruppe zog nun für eine weitere Zwischennutzung auf ein Kleinbasler Industrieareal. Dort fanden die Künstler:innen verdächtigen Staub und untersuchten diesen, worauf herauskam, dass die Räume – und nun auch die darin entstandenen Werke – mit Asbest verseucht sind.

grosses Transparent an der Fassade des «Zack»
Türe mit einem Graffiti «MACHT KAPUTT WAS EUCH KAPUTT MACHT»

Stadt ohne Rückzugsräume

Huber will zurück ins K104. Die Chancen dafür sind zumindest nicht gleich null, denn das Gebäude und zwei weitere sind seit gut zwei Wochen besetzt. Aktivist:innen haben auf dem Klybeckareal eine «Zone Autonome Culturelle Klybeck», kurz Zack, ausgerufen. Ihre Forderung: Swisslife soll die besetzten Gebäude «vertrags- und fristlos der Selbstverwaltung von unten überlassen».

Wie diese Selbstverwaltung verläuft, ist beeindruckend anzusehen. Vergangenen Freitag, während Huber durch sein altes Atelier führt, läuft unten in einer ehemaligen Fabrikhalle ein Konzert. Auf dem Vorplatz hat jemand einen Swimmingpool aufgestellt. Es wird an Skaterampen gezimmert, ein Nähatelier und eine Velowerkstatt haben die Arbeit aufgenommen. Tausende sind an die grossen, eintrittsfreien Partys gekommen, die an den Wochenenden stattgefunden haben. Clubsterben? Wie wärs damit, die Kommerzialisierung zurückzufahren? Auf den verwinkelten Dachlandschaften sitzen Teenager:innen um Handylicht und hören Musik. An den Mauern üben sich Kids aus dem Quartier im Sprayen. Irgendwann in der Nacht lässt jemand ein riesiges Transparent an der Fassade runter, das zur Verteidigung Rojavas aufruft.

Die Zack bietet Jugendlichen Räume, die es in Basel nirgendwo mehr gibt, Orte, um sich sichtbar zu machen – Orte, um sich zu verstecken. Basel ist eine Stadt ohne solche Rückzugsräume geworden, wo Ungesteuertes, Ungefördertes, Unprofitables entstehen kann. Die Nischen auf den alten Industriearealen sind alle geschlossen, das Land zu wertvoll, um es den Menschen zu überlassen. Areal für Areal wird erst stillgelegt, dann zwischengenutzt und schliesslich mit grossen Überbauungen belegt. Diese grosse Transformation liegt im Interesse der Investoren, aber auch im Interesse der Stadt, die mehr Wohnraum benötigt.

Im Klybeck kauften 2019 Swisslife und Rhystadt, ein Konsortium verschiedener Investoren, den Pharmakonzernen Novartis und BASF ihre alten Produktionsstätten ab, die aufgegeben worden waren, als die Produktion in Tieflohnländer verlagert wurde. Dem Kanton, so die Gerüchte, war der Preis von 1,2 Milliarden Franken zu hoch, weil er sich davor fürchtete, was dort alles an Unheil im Boden schlummert. Zahlreiche Giftstoffe wurden in der Zwischenzeit festgestellt, doch ein Sanierungsplan liegt bis heute nicht vor.

Das bringt immerhin Verzögerungen bei der unausweichlichen Gentrifizierung für das stark migrantisch geprägte Arbeiter:innenquartier mit sich, wo die Mieten noch vergleichsweise tief sind. Verzögerungen eigentlich doch auch, um die unbelasteten Teile des Areals sinnvoll zu nutzen, bis sie von den Investoren in Wert gesetzt werden. In den letzten sieben Jahren gab es dort einen Club, besagte Atelierräume und eine Halle, um Padel zu spielen. Dann kündigte die Zwischennutzungsfirma die Untermietverträge, um die noch lange nutzbaren Gebäude für den Abbruch frei zu machen.

Passive Politiker:innen

Politisch ist es seit der Besetzung erstaunlich still geblieben. Während sich die linke Schickeria an den Apéros der angelaufenen Art Basel tummelt, entsteht in der Zack das kultur- und gesellschaftspolitisch spannendste Experiment seit der Besetzung der alten Stadtgärtnerei Mitte der 1980er Jahre. Bis zu hundert Personen kommen an die täglichen Vollversammlungen der Zack und bauen einen Utopieraum für eine viel zu eng eingefasste Jugend.

Lorenz Meier* und Sabine Locher* gehörten zu den Besetzer:innen der Stadtgärtnerei. Heute trifft man sie ab und zu in der Zack an, wo sie manchmal am Einlass helfen und manchmal an der Bar – wo man sie gerade braucht. Was sie an damals erinnere? «Die unglaubliche Energie. Das Gemeinschaftsgefühl. Das Strahlen in den Gesichtern», sagt Locher. Meier sagt, was anders ist: «Die Gesprächskultur hat sich verändert. Es wird Rücksicht aufeinander genommen, es gibt diese Macker nicht mehr, die Frauen den Raum genommen haben.» Beide betonen, dass sie nicht in der Zack seien, um den Besetzer:innen Ratschläge zu geben, sondern, wenn schon, um von ihnen zu lernen.

Ratschläge könnten sie den linken Politiker:innen erteilen. Als 1986 die Stadtgärtnerei besetzt wurde, war Basel fest in konservativer Hand und die Stimmung gegenüber linksautonomen Aktivist:innen ähnlich feindselig wie heute. Da besuchten die beiden SP-Regierungsräte Remo Gysin und Mathias Feldges die Besetzung und stellten danach an einer eigenen Medienkonferenz eine Gegenöffentlichkeit her. Heute sind in Basel die Interessen von Kapital und Sozialdemokratie fest verschränkt.

Dazu beigetragen haben auch die Zwischennutzungen, mit denen seit der alten Stadtgärtnerei leer stehende Gebäude bespielt werden, um sie kulturell und wirtschaftlich aufzuwerten, ohne die Kontrolle abzugeben. Doch eine Zwischennutzung wollen die Besetzer:innen in der Zack sowieso nicht – sondern eine Dauernutzung. Kämpferisch sind sie, optimistisch nicht besonders. Vor ein paar Tagen lieferte ein Velokurier einen Drohbrief von Swisslife aus, in dem der Konzern ein Ultimatum stellte und allerlei Straftatbestände geltend machte. «Sie werfen den Besetzer:innen Sachbeschädigung vor», sagt der Künstler Mike Huber. Dabei könne es doch keine grössere Sachbeschädigung als einen Abriss geben. Die Hoffnung vor Ort ist, dass die Besetzung wenigstens noch die Art-Woche überdauert. Der Verlust bei einer Räumung wäre für die Aktivist:innen gross. Doch für die Stadt und ihre Jugend wäre sie riesig. ●

* Name geändert.

Nachtrag vom 9. Juli 2026 : Vertane Chancen in Basel

Einen kurzen Augenblick lang war dieser Hitzesommer in Basel auch ein Sommer der Hoffnung. Ende Mai besetzten Aktivist:innen auf dem Klybeckareal im Norden der Stadt mehrere Gebäude und riefen das Zack aus, die «Zone Autonome Culturelle Klybeck».

Innert kürzester Zeit entstand dort ein lebendiger, selbstverwalteter Freiraum. Es fanden Konzerte statt, Skaterampen wurden aufgebaut, ein Nähatelier sowie eine Velowerkstatt eingerichtet. Und zu den kostenlosen Partys kamen an den Wochenenden Tausende, die meisten davon Jugendliche. Die älteren Besucher:innen wiederum erinnerten sich an die Besetzung der ehemaligen Stadtgärtnerei Mitte der achtziger Jahre. Zwei Jahre hatte die Besetzung damals Bestand, bis heute eine der prägendsten und grössten in der Schweiz.

Dem Zack blieb hingegen nur gerade ein Monat. Letzten Mittwoch räumte die Kantonspolizei Basel-Stadt, unterstützt von Polizeikräften aus weiteren Kantonen, frühmorgens die besetzten Gebäude. Diese waren zwar leer, aber zwei Aktivist:innen hatten sich auf dem Dach verschanzt und harrten dort noch eineinhalb Tage aus. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Hausfriedensbruch. Am Tag der Räumung versammelten sich nach und nach mehrere Hundert Menschen in der Innenstadt, um gegen das erzwungene Ende der Besetzung zu demonstrieren. Und gegen Swisslife.

Der Versicherungskonzern hat als Besitzer des Gebäudekomplexes Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung erstattet – und damit die rechtliche Grundlage für die Räumung gelegt. Swisslife will das Areal – allerdings erst nächstes Jahr – abreissen lassen. Um ein neues Quartier aus dem Boden zu stampfen.

Dabei wäre das Zack für Basel eine grosse Chance gewesen, gerade für die Jugendlichen, die in der Stadt kaum noch Orte finden, die sie unkommerziell gestalten und prägen können. Wie gross dieses Bedürfnis ist, hat auch die immense Zahl der Menschen gezeigt, die das Zack während seines kurzen Bestehens besucht und belebt hatten. Eine Chance wäre es auch für eine Debatte zur Stadtentwicklung gewesen, darüber, wem die Räume und Häuser gehören und wem sie offenstehen sollen. Stattdessen griffen die üblichen Muster.

Weite Teile der lokalen Politik und Medien standen der Besetzung ablehnend gegenüber, bestenfalls neugierig, und auch vom zumindest nummerisch starken linken Block in der Pharmastadt kam wenig substanzielle Unterstützung. Die strukturellen und existenziellen Fragen, die die Besetzer:innen in den Raum warfen, blieben so leider ohne Resonanz. Immerhin zeigen sie sich kämpferisch. In ihrem lesenswerten Communiqué zur Räumung schreiben sie: «Das war erst der Anfang. Wir sehen uns.»