Kunst : Die grosse Macht des schönen Scheins
Bei Karen Kilimnik verschmelzen Kunstgeschichte und Popkultur zu einer Märchenwelt.
Karen Kilimnik interessiert sich keineswegs nur für die Gegenwart. Das wird beim Betreten ihrer jüngsten Einzelausstellung in der Galerie Eva Presenhuber sofort deutlich. Ihre Arbeiten eröffnen eine Welt aus Symbolen und funkelnden Projektionen – irgendwo zwischen Kunstgeschichte, Märchen und Glamour. Die Ausstellung versammelt Gemälde und Skulpturen, viele davon brandneu.
In ihrer Bildsprache bedient sich die 71-jährige US-Malerin kindlicher Materialien wie Sticker und Glitzer. Sie greift gleichermassen auf Modezeitschriften wie auf den kunsthistorischen Kanon zurück und setzt vermeintlich banale Motive wie Blumen und Interieurs mit grosser Geste in Szene.
Schon im ersten Raum stechen Kilimniks opulente Blumenarrangements ins Auge. Werke wie «Hotel de Paris» oder «The Egerton House Hotel, London – Tea Time» zeigen luxuriöse Hotelsuiten mit üppigen Bouquets. In hellen Gelb- und Rottönen skizziert die Künstlerin fotografisch anmutende Ausschnitte aristokratischer Interieurs – Bühnenbilder für Prunk und Eleganz. Ein Spiegel, der wie im Wasser schwebt, lässt auf das zentrale Thema der Ausstellung schliessen: die Verführungskraft der Bilder; und der träumerische Zauber des schönen Scheins.
Glamour als Camouflage
Im Hauptraum der Zürcher Galerie dann das Herzstück: «flower Bouquet Mt Olympus» (2026), ein Arrangement aus Blumen in Pastelltönen, auf einem viktorianisch anmutenden Beistelltisch drapiert. Kilimnik nennt das eine «Mise-en-scène-Skulptur» – ein Begriff, der viel über ihren Ansatz aussagt. Das Werk bündelt zentrale Motive ihrer Kunst: Eskapismus, die Lust an der Inszenierung, Camp (also die «Liebe zum Unnatürlichen», wie Susan Sontag es nannte). Bei genauerem Hinsehen sieht man, dass die Blumen nicht echt sind. Was wie als Ausdruck natürlicher Schönheit erscheint, entpuppt sich als sorgfältig komponierte Illusion.
Im Spiel mit Schein und Realität deutet sich ein weiteres Motiv an: Glamour. Im Pressetext wird auf die ursprüngliche Bedeutung des schottischen glamer verwiesen – ein täuschender Zauber, der die Welt funkelnder erscheinen lässt, als sie ist. In Kilimniks Arbeiten wirkt Glamour auch als verfremdende Camouflage. Immer wieder überwuchern florale Ornamente historische Szenen und verwandeln sie in dekorative Fantasiewelten. Motive von Krieg, Herrschaft und männlichem Stolz werden von süsslichen Verzierungen überlagert – und damit auch subtil ins Lächerliche gezogen.
Was erklärt die Anziehungskraft dieser Arbeiten? In einer Kunstwelt, die von Selbstreflexivität und Distanz geprägt ist, rehabilitiert Kilimnik Schönheit als Ideal – jedoch in all ihrer Doppelbödigkeit. Ausgangspunkt sind dabei oftmals Reproduktionen historischer Gemälde, die die Künstlerin mit blumigen Plastikstickern collagiert, fotografisch vergrössert und anschliessend malerisch überarbeitet.
In «The Procession, Flower Rulers Village, The City» (2026) verwandelt Kilimnik etwa die Darstellung eines Diplomaten auf dem Weg zu den Friedensverhandlungen von Münster, die 1648 im Westfälischen Frieden mündeten, in eine märchenhafte Fantasieszene. Auch hier wird die Huldigung staatlicher Macht, die das historische Vorbild prägt, von übertriebenen Blumenformen überwuchert. In anderen Werken bearbeitet sie Schlachtengemälde oder Reiterporträts wie das von Wilhelm III. Dazwischen, immer wieder: Blumen, Kutschen, anmutige Gesten – Relikte einer vergangenen Welt, die hier romantisch überzeichnet wird.
Elton John als Aristokrat
Kilimniks Gemälde handeln auch vom Nachleben dieser Relikte. Ihre Motive wirken bisweilen wie Gespenster, die glitzernd durch die Gegenwart spuken. Nie ist ganz klar, ob man es mit Kommentar, Fantasie oder subtiler Parodie zu tun hat. Im dritten Raum verdichtet sich das. Eine zweite Skulptur präsentiert acht Fabergé-Eier auf einem mit Kunstschnee bestreuten Marmortisch, umgeben von Gemälden von Interieurs aus verschiedenen Schaffensphasen der Künstlerin. Ins Auge fallen vor allem die grellgelben Bilder von Elton Johns Londoner Wohnsitz. Formal unterscheiden sie sich kaum von den Darstellungen historischer Salons. Der Popsänger Elton John wird hier als Teil desselben Bilduniversums inszeniert wie Aristokraten und Märchenfiguren.
Die Ausstellung lebt von solchen Verschiebungen. Kilimniks Bildwelt ist üppig und ornamental – teils hart an der Grenze zum Kitsch. Doch darin liegt auch ihre Stärke. Die Künstlerin zeigt auf, wie Bilder sich verwandeln und neue Bedeutungen annehmen. Schönheit erscheint zugleich als Macht, Ideal und Illusion. Deutlich wird dies etwa in «The Flower Bouquet by the Juggler Magician». Das Gemälde greift das Motiv des Blumenstrausses erneut auf, zerlegt ihn jedoch in vereinzelte Farbtupfer. Der Strauss ist andeutungsweise noch als solcher erkennbar, scheint sich jedoch förmlich zu verflüchtigen – als würde der dahinterliegende Zauber verblassen.
Mit Preisen zwischen 20 000 und 120 000 Euro sind die Werke in dieser Ausstellung Teil jenes Luxusmilieus, das sie selbst verhandeln. Man verlässt die Galerie mit dem Eindruck, eine Welt durchquert zu haben, wo Kunstgeschichte, Glamour und Popkultur unablässig ineinander übergehen – und der schöne Schein seine ganz eigene Wirklichkeit entfaltet. ●
▶ «Karen Kilimnik» in: Zürich, Galerie Eva Presenhuber, Waldmannstrasse 6. Bis 24. Juli 2024.