Public Viewing : «Nach jeder Flasche Bier ein Glas Wasser»

Nr. 25 –

Besser Fussball schauen, wie geht das? Im Zürcher Café Boy haben sich ein paar linke Fussballfreaks eine Oase eingerichtet.

Menschenmenge im Aussenbereich des Public Viewing «Zum glatten Köbi»
Hier darf man noch Fan sein: Das Public Viewing «Zum glatten Köbi» gibt es schon seit mehr als zwanzig Jahren – und ist längst Kult. 

Baum hat es sich auf einer Liege bequem gemacht. Ueli Herzig heisst der Mann eigentlich, aber weil er vor Jahrzehnten in einem Theaterstück mal einen Baum gespielt hat, nennen ihn jetzt alle Baum. Es ist Viertel nach drei – nachts. Auf der Leinwand spielt Haiti gegen Schottland. Im Saal Rosa Luxemburg halten sich noch vierzehn Hartgesottene auf. Die meisten sind nicht mehr besonders konzentriert aufs Spiel – ganz im Gegensatz zu Baum: «Wenn ich Fussball schauen kann, bin ich zufrieden.»

Der Saal liegt im Untergeschoss des Café Boy, dieses Restaurants mit der sozialdemokratischen Geschichte im Zürcher Kreis 4. Jedes einzelne Spiel der Fussballweltmeisterschaft der Männer wollen sie hier am Public Viewing «Zum glatten Köbi» zeigen, wie Baum stolz erklärt, «als Einzige der Stadt». Die Abendspiele laufen oben im Restaurant, bei schönem Wetter auch draussen. Für die Nachtspiele ist der Saal im Keller hergerichtet. An den Wänden hängen Fotos ikonischer Fussballmomente. Im Schacht vor dem Fenster ist eine Holzbank montiert – ein improvisiertes Fumoir. Um die Nachbar:innen zu schonen, wird der Verkehr im Treppenhaus nachts aufs Minimum beschränkt.

Subversive Fotomontage

Es ist also nicht das letzte Spiel dieser Nacht, um sechs Uhr früh läuft noch Australien gegen die Türkei. «Wir haben eine Reservation von der Konkurrenz, ein paar Leute von einem anderen Public Viewing», sagt Baum. «Die wollen schauen, ob wirs wirklich durchziehen.»

Neun Stunden früher, draussen vor dem Café Boy. Ein paar gute Plätze vor den Bildschirmen sind bereits besetzt. Erst ein paar rot-weisse Trikots erinnern daran, dass hier nicht einfach ein normaler Sommerbarabend anbricht.

Michael Vonplon sitzt an einem der Tische und ist unschlüssig. Als Linker habe er ein schlechtes Gewissen wegen dem, was die Fifa wieder abziehe. So wie schon vor vier Jahren, als die WM in Katar unter anderem mit tödlichen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der Stadien Schlagzeilen machte. «Aber am Schluss schauen wirs halt trotzdem.»

Portraitfoto von Ueli Herzig
Er gründete die Alternative Liga mit, kickte einst gegen die Trotzkisten und war lange beim FCZ in der Fansozialarbeit tätig: Ueli Herzig, besser bekannt als Baum.

Vonplon hat viel Liebe für Fussball. Er sitzt oft in der Südkurve beim FCZ. Einer der grössten Fussballmomente seines Lebens war, als er bei einem Showspiel in Peking Maradona hat spielen sehen. Über zwanzig Jahre ist es her, dass er mit «Zum glatten Köbi» angefangen hat: einem etwas anderen Public Viewing, längst Kult, liebevoll gemacht und ohne Trara, mit Auftritten von Bands und DJs und gelegentlichen Spitzen gegen den Konzernfussball. Genau genommen gab es damals den Begriff «Public Viewing» noch gar nicht – es ist ein sogenannter Scheinanglizismus, also ein englisches Wort, aber nur mit deutscher Bedeutung, geprägt vor der WM 2006.

«Vielleicht mache ich den ‹glatten Köbi› dieses Jahr zum letzten Mal», sagt Vonplon. Die Frage, die mitschwingt, spricht er nicht aus: Wird es eigentlich jedes Mal schwieriger werden, die WM zu geniessen? Eine Frau am Nebentisch, die sich als Francine vorstellt, ergänzt die Unterhaltung mit einer optimistischen Schlussnote: «Der Fussball bringt die Welt zusammen, das war schon immer so. Wir werden es durch alle Krisen schaffen!»

«Zum glatten Köbi» war über die Jahre in verschiedenen Lokalen der Stadt zu Gast. Im Café Boy sind dieses Jahr verschiedene Leute aus der linken Ecke der Fussballszene beteiligt. Statt eines didaktischen Rahmenprogramms hat man sich da und dort für subversive Einwürfe entschieden. Am 2. Juli startet eine kleine satirische Kunstausstellung. Werbung während der Übertragung wird ausgeblendet, wos geht. Gleich nach dem Schweiz-Spiel ist auf den Bildschirmen das Foto einer legendären Aktion zu sehen: 1995 protestierte das Schweizer Team beim Einlaufen vor einem Qualifikationsspiel mit einem Transparent gegen französische Atomtests: «Stop it Chirac». Heute ist der Name des französischen Präsidenten mit einer Fotomontage durch «Trump» ersetzt.

jubelnde Menschenmenge im Aussenbereich des Public Viewing «Zum glatten Köbi»
farbige Girlanden mit Fussball-Sujets im Aussenbereich des Public Viewing «Zum glatten Köbi»

Gegen die Verbotskultur

Ach ja, das Schweiz-Spiel. Kurz vor Anpfiff drängt sich ein unauffälliges Fanpublikum dicht ums Café Boy, das Trottoir fasst zusätzliche Klappstühle, hinten stehen sie bis auf die Sihlfeldstrasse. Ein paar Jugendliche logieren auf parkierten E-Velos. Auf den Tischen stehen Pitcher Bier. Drinnen aufgeregtes Gewusel, der DJ spielt einen Hit des österreichischen Liedermachers Rainhard Fendrich: «Es lebe der Sport» reimt sich auf «Er is gesund und macht uns hoat».

Dass es gegen das eigentlich heillos unterlegene Katar so hart werden würde, das hätten viele trotz antrainierter Skepsis wohl nicht gedacht. Abgesehen von den Toren gibt dieses Spiel wenig zu schreien. Einmal geht ein «Buh» durch die Menge, als der verhasste Fifa-Boss ins Bild rückt.

Zigarettenpause im unterirdischen Fumoir. Baum ist eine prägende Figur der linken Fussballkultur der Stadt. In den Siebzigern gründete er die Alternative Liga mit, kickte im Team der Punks gegen die Trotzkisten oder gegen das Team der Wohlgroth. Lange war er beim FCZ in der Fansozialarbeit tätig. Dann erzählt er von einer Gruppe von etwa vierzig Mexikaner:innen, die am ersten WM-Tag mit einer Protestaktion vor dem Fifa-Museum im Enge-Quartier an die durch Staat und Kartelle zum Verschwinden gebrachten Menschen erinnerten. «Dann kamen alle hierher und schauten sich das Spiel an», sagt Baum, der Stolz ist ihm anzuhören. Ein Teil der Einnahmen aus einem Tippspiel geht an diese politische Arbeit in Mexiko.

Wie schafft er das, Fussball schauen bis acht Uhr morgens? «Nach jeder Flasche Bier ein Glas Wasser», sagt Baum. Er sei jetzt 66, anders gehe es nicht mehr.

Hinter den Stuhlreihen steht eine kleine Bar, dahinter Liv Mahrer, die sonst für die SP im Gemeinderat sitzt. Es sei ihre zweite Barschicht in Folge, sagt sie, sie sei heute erst um neun Uhr früh im Bett gewesen. Sie holt ein alkoholfreies Pale Ale aus dem Kühlschrank.

Public Viewings waren auch im Stadtparlament ein Thema, die Alternative Liste (AL) wollte ein Verbot auf öffentlichem Boden, aus Protest gegen die «aktuellen menschenrechtsunwürdigen Zustände in den USA». Bei der WM in Katar 2022 hat die Stadt ein solches Verbot noch erlassen, dieses Jahr war die Forderung chancenlos. Auch Mahrer ist nicht einverstanden mit der AL: «Ich finde, die Linke muss sich den Fussball zurückerobern.»

Die Spiele zeigen und sich auseinandersetzen mit dem, was schief‌läuft, spielerisch und lustvoll, das sei doch sinnvoller als ein Boykott. Mahrers Herz schlägt für den Klubfussball, Länderspiele schaut sie aus reiner Freude am Spiel. «Manchmal frage ich mich, was das soll, Nationen anzufeuern», sagt sie – just in dem Moment schiesst Katar den Ausgleichstreffer gegen die Schweiz. Im Saal Rosa Luxemburg scheint sich die Enttäuschung in Grenzen zu halten. Das nächste Natispiel kann nur besser werden. ●