Spatzen auf Kanonen : Bis zum bitteren Ende
Jetzt bloss nicht nostalgisch werden! Die Toten Hosen haben Ende Mai ihr letztes Album veröffentlicht und gehen auf endgültige Abschiedstour, am Wochenende spielen sie in Bern und in Zürich. Man hätte beinahe aufgeatmet und die Sache ad acta gelegt – wäre da nicht dieses über zweistündige Doppelalbum mit den neusten breitbeinigen Balladen und Stadionhymnen im ersten Teil, im zweiten mit Covers von 25 Lieblingsliedern der Hosen, aufgenommen mit deren jeweiligen Interpreten (Wolf Biermann, Feine Sahne Fischfilet, Einstürzende Neubauten, Antilopen Gang und so weiter, und ja, bis auf Bettina Wegner ausschliesslich Männer). Und wäre da nicht Frontmann Campino, 63 Jahre alt, der sich derzeit in den Feuilletons mit zahlreichen Interviews ausbreitet (zugegeben, die Toten Hosen waren und sind bis heute riesig, 44 Jahre Bandgeschichte nicht wenig, ihr Abschiednehmen ist durchaus ein Grossanlass).
Es werde wohl, ziemlich sicher, höchstwahrscheinlich kein neues Album mehr geben, sagte der frischgebackene Vater (2025 kam das zweite Kind) zu Tamedia. Dass nicht allenfalls, vielleicht, womöglich trotzdem noch hie und da ein Hosen-Song erscheinen werde, wenn ein Thema zu stark unter den Nägeln brenne: sicher nicht ausgeschlossen. Man fragt sich bloss, zu welchem Thema: Irgendwas übers Saufen? Ein Fussballsong mit frischem Dreh? Das zig millionste grauslige Heteroliebeslied? («Komm, ich zeig dir, wie gross meine Liebe ist / Und bringe mich für dich um» aus dem Überhit «Alles aus Liebe» von 1993 ist nicht die einzige haarsträubende Zeile, die Hunderttausende und auch die Autorin dieses Texts schon mal inbrünstig mitgegrölt haben.)
Also doch nicht fertig? «Hier hat mir der liebe Gott auf schönste Art und Weise gezeigt, dass man nichts im Leben planen kann», sagte Campino zur Geburt seines zweiten Kindes gegenüber der «Welt». Vielleicht wird auch der liebe Gott ihm als einziger schonend beibringen können, dass die Hosen-Platten schon lange nicht einmal besonders heimlich im Schlagerregal rumstehen (da kann sich Campino noch so händeringend als «Punk» distanzieren). Ist ja nichts Schlimmes. Wir dürfen gespannt bleiben. ●
Die Autorin war viele Jahre lang glühender Ärzte-Fan. Selbstverständlich ist dieser Text trotzdem vollkommen objektiv.