Zehn Jahre Brexit : «… und dann noch der Brexit – alles lief schief»
Woher der wieder aufflammende offene Rassismus kommt und was Reform UK mit dem britischen Empire zu tun hat: Antworten von Autor Sathnam Sanghera.
WOZ: Sathnam Sanghera, vor zehn Jahren stimmten die Brit:innen für den Brexit. Wie blicken Sie heute auf den damaligen Volksentscheid?
Sathnam Sanghera: Er war eine Katastrophe. Ökonomisch, in Bezug auf unsere Mentalität als Land … alles! Eine totale Shitshow. Und man fühlt es täglich. Auf Reisen in die EU muss ich mich an der Grenze in eine lange Schlange stellen, und wir sehen jeden Tag, wie unser Land auf der internationalen Bühne an Ansehen verloren hat. 2016 begann alles schiefzugehen: Prince und George Michael starben – und dann noch das Brexit-Votum.
WOZ: War es auch in der Rückschau jener einschneidende historische Moment, für den man das Leave-Votum damals hielt?
Sathnam Sanghera: Ja. Unter anderem hat es unsere Politik über den Haufen geworfen. 2024 beispielsweise trat die Labour-Partei mit einem Brexit-freundlichen Wahlprogramm an. Sie hatten Angst, das Votum infrage zu stellen. Aber das war nicht nötig – sie hätten auch gewonnen, wenn sie sich gegen diesen Wahnsinn ausgesprochen hätten.
Der Empireman
Sathnam Sanghera (49) wuchs als Sohn indischer Einwander:innen in Wolverhampton auf. Nach dem Englischstudium begann er, als Reporter für verschiedene britische Zeitungen zu arbeiten. In seinen Büchern «Empireland» (2021) und «Empireworld» (2024) legt er dar, wie das Empire noch immer die britische Gesellschaft prägt. Gerade erschienen ist Sangheras neustes Buch: «Tonight the Music Seems So Loud: The Meaning of George Michael».
WOZ: Eine der wichtigsten politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre war der Aufstieg der radikalen Rechten in Form der Partei Reform UK. Ist auch dies eine Konsequenz des Brexits?
Sathnam Sanghera: Absolut. Wir sehen eine klare Kontinuität vom Brexit-Votum bis heute. Nach dem Referendum herrschte das Gefühl vor, wir müssten tolerieren, dass die Rechte Auftrieb habe. Das ist auch heute noch so. Die Presse etwa behandelt Reform UK mit ungewöhnlicher Nachsicht. Und ziemlich schlimme rassistische Kommentare und Xenophobie, die man regelmässig von den Tories, Reform UK und auch der Labour-Partei hört, werden toleriert.
WOZ: Die damalige Leave-Kampagne war durchzogen von Empirenostalgie und Nationalismus. Hat sich daran etwas geändert?
Sathnam Sanghera: Deprimierend ist, dass es sogar schlimmer geworden ist. Schauen Sie sich nur mal die Bildungspolitik von Reform UK oder den Tories an. Sie wollen einen Lehrplan, der «Nationalstolz» und Grossbritanniens «patriotische Geschichte» feiern soll – was wohl hiesse, dass alle problematischen Aspekte rausgekippt werden. Aber eine solche Geschichte gibt es nicht. Wird britische Geschichte unterrichtet, tritt das Empire in Erscheinung. Führende konservative Politiker:innen sagen, man solle nicht über die Vergangenheit streiten. Aber genau das ist der Job eines Historikers!
WOZ: Sie haben Ihr erstes Buch übers Empire 2021 veröffentlicht. Entsprang das Interesse auch der damaligen politischen Debatte?
Sathnam Sanghera: Nein, das Empire war damals in der Öffentlichkeit noch viel weniger präsent. Meine Freund:innen hielten es für ein schräges, esoterisches Thema. Aber es war etwas, über das ich mehr erfahren wollte. Im Sommer 2020, als ich mit dem Schreiben fast fertig war, kam Black Lives Matter. Plötzlich war das Thema überall. Ein BBC-Reporter sprach darüber, dass der Rassismus in den USA seine Wurzeln im Britischen Empire hatte. Und ich dachte: Genau darüber schreibe ich! Entsprechend war das Interesse an meinem Buch sehr gross. Und genau zu jener Zeit begann auch der Kulturkampf so richtig.
WOZ: Bei diesen Culture Wars geht es um gesellschaftliche Themen – Migration, Rassismus, die Rechte von trans Menschen. In Grossbritannien dreht sich die Debatte zudem um das Empire. Wie haben Sie diese erlebt?
Sathnam Sanghera: Zu Beginn war das Echo auf mein Buch sehr positiv. Ich hatte drei Zoom-Calls am Tag, trat in Podcasts auf, Unternehmen wie Google oder Diplomat:innen vom Aussenministerium luden mich ein, um übers Empire zu sprechen. Unzählige Leute aus dem Establishment suchten Rat, wie sie das Thema angehen sollten. Und dann kam die Gegenreaktion, die bis heute anhält und sogar zugenommen hat.
WOZ: Was für eine Reaktion war das?
Sathnam Sanghera: Rassistische Beschimpfungen. Anfangs beschränkten sich diese auf die sozialen Medien, da war noch Pandemie. Als ich dann mit Lesungen anfing, schrien mich regelmässig Leute im Publikum an. «Schande, Skandal!», riefen sie. Darum habe ich fast ganz mit öffentlichen Events aufgehört.
WOZ: Warum haben viele Brit:innen Mühe, übers Empire zu sprechen?
Sathnam Sanghera: Es gibt viele Gründe. Der wichtigste in meinen Augen ist, dass das Empire für viele eine persönliche Angelegenheit ist. Sie haben Vorfahren, die Kolonisator:innen waren – und weil wir eine multikulturelle Gesellschaft sind, gibt es auch viele, deren Vorfahren kolonisiert wurden. Jemand, der hört, wie eine nichtweisse Person über die Nuancen des Empire redet, interpretiert es oft so – bewusst oder unbewusst –, als werde der Grossvater beschuldigt, er sei ein Rassist. Die anderen wollen nicht akzeptieren, dass es am Empire auch etwas Positives gab. Ein weiterer wichtiger Grund ist eine Erinnerungskultur, in der der Zweite Weltkrieg im Zentrum steht.
WOZ: Wie meinen Sie das?
Sathnam Sanghera: Der Zweite Weltkrieg ist unser nationaler Mythos: Vereinfacht dargestellt, waren wir «die Guten», die gegen die bösen Nazis kämpften. Dieses Schwarzweissdenken prägt noch immer unser Selbstverständnis. Und dann kommen Leute wie ich und sagen: Was unsere imperiale Geschichte anbelangt, waren wir nicht immer die Guten – wir haben sogar sehr schlimme Dinge getan. Das fordert ihr Selbstbild heraus. Besonders, wenn wir dann noch darauf hinweisen, dass Grossbritannien eine wichtige Rolle spielte bei der Entwicklung des «wissenschaftlichen» Rassismus, der die Nazis stark beeinflusst hat – die absurde Behauptung, dass Rassen biologisch verschieden seien.
WOZ: Hat der heutige Rassismus seine Wurzeln im Empire?
Sathnam Sanghera: Es ist etwas komplizierter. Antisemitismus beispielsweise gab es schon Hunderte Jahre vor dem Empire. Andererseits gibt es eine klare Beziehung zwischen heutigen rassistischen Haltungen und jenen, die im Empire vorherrschten. Die Gewalt gegen nichtweisse Menschen, die die Brit:innen in den Kolonien ausübten, fand später eine Parallele in der rassistischen Gewalt im Grossbritannien der 1950er bis 1970er Jahre. Auch der moderne britische Faschismus begann in der Schlussphase des Empires: In den 1950er Jahren wurde die Kampagne League of Empire Loyalists gegründet, die später zur rechtsextremen National Front wurde. Diese Leute glaubten, sie seien anderen Ethnien überlegen, weil sie weiss sind. Hätte man einem Briten zur viktorianischen Zeit gesagt: «Weil du weiss und britisch bist, herrschst du über ein Viertel der Welt», hätte er zugestimmt. Solches Denken war damals normal. Viele der heutigen rassistischen Stereotype gehen auf jene Zeit zurück – zum Beispiel hat die Behauptung, nichtweisse Männer stellten eine Gefahr für weisse Frauen dar, ihre Wurzeln im Empire: Weisse Frauen vor der «dunklen Gefahr» schützen zu müssen, war damals ein gängiges koloniales Motiv.
WOZ: Rassistische Vorfälle haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen – jüngstes Beispiel sind die pogromartigen Krawalle in Belfast von vergangener Woche. Macht das Vereinigte Königreich einen Schritt zurück?
Sathnam Sanghera: Ich glaube, dass wir uns früher etwas vorgemacht haben. In den 1990er und frühen 2000er Jahren hatten viele das Gefühl, wir hätten den Rassismus besiegt. Oder dass er zumindest nicht mehr ein so grosses Problem sei. Aber er lebte im Untergrund weiter. Rassistische Vorurteile befanden sich noch immer in den Köpfen vieler Leute, aber sie behielten sie für sich. Jetzt gibt ihnen der Aufstieg der radikalen Rechten die Gelegenheit, solchen Vorurteilen wieder freien Lauf zu lassen. So muss denn jede Generation den Rassismus aufs Neue bekämpfen.
WOZ: Was für eine Rolle spielen die Medien?
Sathnam Sanghera: Die sozialen Medien sind besonders problematisch: Sie sind total unreguliert. Als braune Person kann man gar nichts mehr sagen, ohne rassistisch beschimpft zu werden. Ich habe gerade ein Buch über die Band Wham! und George Michael geschrieben und poste oft dazu. Und was folgt in den Kommentaren? Rassismus. Michael sei ein «guter Migrant» gewesen, seine Eltern Griech:innen und keine «dreckigen Muslime». Hä? Wir reden von Popmusik, was soll das! Selbst Nigel Farage beklagte sich kürzlich, dass seine nichtweissen Kandidat:innen für die Kommunalwahl auf X beschimpft werden.
WOZ: Andererseits ist der Rassismus in Grossbritannien weniger ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern – und Studien zeigen, dass die Brit:innen sich mehrheitlich wohlfühlen in der multikulturellen Gesellschaft.
Sathnam Sanghera: Das stimmt. Ich würde sagen, mit der Ausnahme von Singapur ist Grossbritannien das erfolgreichste multikulturelle Land der Welt. Der Rassismus nimmt in der breiten Bevölkerung insgesamt sukzessive ab, zumindest was den alltäglichen Kontakt zwischen den Menschen betrifft. Städte wie London sind diesbezüglich weit fortgeschritten. Und ich glaube, genau das ruft auch diese Gegenreaktion hervor – darum hat es die radikale Rechte auf London abgesehen.
WOZ: Sie meinen das Bild der Stadt als multikulturelle Hölle, in der angeblich muslimische Gangs das Sagen haben und weisse Menschen Angst haben müssen?
Sathnam Sanghera: Ja, die Rechte ist geradezu besessen von dieser Wahnvorstellung, die nichts mit der Realität zu tun hat. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Die multikulturelle Gesellschaft funktioniert insgesamt gut – und das missfällt den Rechten. Sie wollen nicht, dass wir alle miteinander auskommen.
WOZ: Auch in Bezug auf die Konversation übers Empire hat es Fortschritte gegeben. Seit einigen Jahren diskutiert man in Grossbritannien offener über koloniale Schuld und Sklaverei, Raubgut in britischen Museen und Möglichkeiten der Wiedergutmachung.
Sathnam Sanghera: Ja, die Haltungen haben sich verändert. Während in Politik, Medien, Westminster und auf Social Media ein Kulturkampf tobt, ist die breitere Öffentlichkeit gemäss Umfragen sehr differenziert: Rund drei Viertel finden, man sollte in der Schule über Kolonialismus und Sklaverei reden. Und die meisten sind der Meinung, dass das Empire gute wie schlechte Seiten hatte. Genau deshalb wird ja auch der Kulturkampf geführt: um diese Entwicklung zu stoppen. Gewisse Leute investieren viel Zeit und Aufwand in den Versuch, zu verhindern, dass sich die Brit:innen ihrer imperialen Vergangenheit auf ausgewogenere Weise nähern. Man könnte sagen, der Kulturkampf ist ein Symptom des britischen Erfolgs. Freilich scheint es mir nicht immer so, weil ich persönlich an vorderster Front bin. ●