Aus der Küche des Wahnsinns : Was Hansi und Gritli nicht lernen …

Nr. 26 –

Karin Hoffsten über föderalistische Kalamitäten

Den kennen Sie sicher: Auf die Frage, woher die Babys kommen, antwortet das amerikanische Büblein: «Die fertigt ein Roboter.» Das deutsche sagt: «Bei uns bringt sie der Storch.» Der Bub aus Frankreich meint, die kämen, wenn Mann und Frau Liebe machten, und der kleine Schweizer erklärt: «Das ist von Kanton zu Kanton verschieden.» Als ich den Witz zum ersten Mal hörte, fand ich ihn zwar lustig, aber welch schwerwiegende Implikationen der Pointe innewohnen, dämmerte mir erst im Verlauf meiner hiesigen Assimilation.

«Von Kanton zu Kanton verschieden – aber hoffentlich doch!», ruft es in Grossbuchstaben auf der Website der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektor:innen: Die Unterschiede seien «ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie». Aber manchmal finden die Direktor:innen dieses Zeichen doch etwas anstrengend, zum Beispiel, wenns um sprachliche Frühförderung geht.

Viele Kinder in der Deutschschweiz stehen vor grossen sprachlichen Herausforderungen, denn je nach Sozialstatus der Herkunftsfamilie kann der Wortschatz Dreijähriger stark variieren. Für fremdsprachige Kinder ist der Schweizer Dialekt gar die erste und Standarddeutsch die zweite Fremdsprache. «Die Bildungsungleichheit sei ein ‹vorschulisches, kein schulisches Problem›», zitiert der «Tages-Anzeiger» die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm.

Sprachförderung schon vor dem Kindergarten gilt als eine Art «Goldstandard» gegen das Problem. Doch die «funktionierende Demokratie» der kantonalen Hoheit setzt dem enge Grenzen. Obligatorisch – und erfolgreich – ist die Frühförderung bisher im Thurgau und in Basel-Stadt, andere Kantone arbeiten daran. Zürich, Bern und Luzern haben eine Einführung abgelehnt.

Aber vielleicht könnte man sich ja das vielstimmige Gejammer über die integrative Volksschule und den verzweifelten Ruf nach der Wiedereinführung von Sonderklassen sparen, wenn man die sprachliche Frühförderung flächendeckend einführte. Eine Menge Geld kosten die späteren Massnahmen nämlich auch.

Im Aargau hat man eine besonders originelle Lösung gefunden. Der Sprachtest für Kinder ist obligatorisch, die Kleinen anschliessend an der Frühförderung teilnehmen zu lassen, ist für die Eltern hingegen freiwillig. Das scheint mir ein bisschen so, als ob man Senior:innen, denen es an Fahrtüchtigkeit mangelt, die Entscheidung überlässt, ob sie weiter Auto fahren wollen. ●

Karin Hoffsten ist sich bewusst, dass sie dank einer sehr frühen Lektüre der von Dr. Erika Fuchs übersetzten Micky-Maus-Hefte privilegiert war.