Biopiraterie : Königinnen im Briefumschlag
Der internationale Handel mit Ameisen nimmt zu. Die Tiere lassen sich problemlos online bestellen – auch wegen grosser rechtlicher Lücken.
Im Gerichtssaal am internationalen Flughafen von Nairobi wurden im April ungewöhnliche Beweismittel präsentiert: rund 2200 Ameisen, verpackt in kleinen Kapseln.
Mitarbeiter:innen der kenianischen Wildtierschutzbehörde hatten diese bei einer Gepäckkontrolle entdeckt. Sie identifizierten rund 2000 Exemplare der Art Messor cephalotes, auch bekannt als Afrikanische Riesenernteameisen. Die Tiere zählen zu den grössten Ameisen weltweit, und sie sind auch darum bei Hobbyhalter:innen begehrt. Der Marktwert einer Königin liegt bei rund 185 Franken, so die Ermittler:innen.
Grundsätzlich ist die Ausfuhr von Wildtieren und Pflanzen in Kenia verboten. So wurde der Angeklagte, ein chinesischer Staatsbürger, wegen «Biopiraterie» zu einer Haftstrafe von einem Jahr und einer Geldstrafe von knapp 10 000 US-Dollar verurteilt. Angesichts des zunehmenden Ameisenschmuggels in Kenia und der ökologischen Auswirkungen dieses Handels solle die Strafe abschreckend wirken, erklärte die Richterin.
Das war schon der dritte Ameisenfall innerhalb eines Jahres, den die Justiz in Kenia verhandelt hat. Seit einigen Jahren wird der kenianische Ameisenforscher Dino Martins immer wieder zum Flughafen von Nairobi gerufen. «Ich war sehr schockiert», sagt er über den neusten Fall. «Nicht nur wegen der schieren Anzahl der Tiere, sondern auch, weil es sich dabei um Ameisenköniginnen handelte.» Martins, ehemaliger Direktor des Turkana Basin Institute, eines Biologieinstituts mit Sitz in Nairobi, gilt als einer der führenden Ameisenforscher Afrikas. «Der Schmuggel mit Ameisen nimmt zu, und das macht mir Sorgen», sagt er. Vergangenes Jahr stoppte die Wildtierschutzbehörde vier Männer, die sich selbst «Ameisengang» nannten. Darunter waren zwei neunzehnjährige Belgier, die 5500 Königinnen nach Europa schmuggeln wollten. Bei den beschlagnahmten Tieren handelte es sich laut Martins um junge Königinnen. Solche tragen noch Flügel, um ausfliegen und neue Nester gründen zu können. «Wenn man Königinnen in diesem kritischen Moment einsammelt, unterbricht man einen zentralen Schritt für die Entstehung neuer Kolonien.»
Fairtrade-Ameisen gibt es nicht
Einer, der Ameisenhaltung seit Jahren als Hobby betreibt, ist Michael Hensel aus Süddeutschland. Er möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden. Während des Studiums suchte er nach einem Haustier, das wenig Betreuung benötigt. Über einen Zeitungsartikel stiess er auf die Ameise. «Bei Ameisen spielt es keine grosse Rolle, ob ich heute oder morgen füttere», sagt er. Viele Arten kommen mit einfacher Zuckerlösung aus. Früher hielt Hensel fast dreissig Kolonien in einem eigens für sie eingerichteten Zimmer. Heute sind es noch vier. «Exotische Arten» wie die Messor cephalotes seien bei Halter:innen besonders beliebt, sagt Hensel. Die Afrikanische Riesenernteameise etwa hält keine Winterruhe und beeindruckt durch ihre Grösse.
Wer sich für Ameisen interessiert, findet im Internet problemlos Angebote. Zahlreiche Onlineshops verkaufen lebende Königinnen und ganze Kolonien. Mit wenigen Klicks lassen sich Tiere aus Afrika, Asien oder Lateinamerika bestellen – auch Riesenernteameisen, wie sie immer wieder am Flughafen von Nairobi beschlagnahmt werden.
Die WOZ hat mehr als zehn Onlinehändler in verschiedenen europäischen Ländern zur Herkunft ihrer Tiere befragt. Selbst Anbieter, die auf ihren Websites mit «ethischem Handel» und «Importgenehmigungen» werben, machten dazu kaum Angaben oder beantworteten die Anfragen nicht. Das verweist auf ein grundlegendes Problem: Der Handel mit Ameisen bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Ein grosser Teil der Ameisenköniginnen im Onlinehandel stamme direkt aus der Wildnis, sagt Dino Martins, denn anders als viele andere Tiere liessen sich Ameisen nur schwer züchten. Die Königinnen paaren sich meist während sogenannter Schwarmflüge in der Luft – ein Vorgang, der unter künstlichen Bedingungen kaum reproduzierbar ist.
Gleichzeitig unterliegen Ameisen kaum internationalen Handelsbeschränkungen. Sie gelten nicht als bedrohte Tiergruppe und stehen deshalb nicht im Fokus des Washingtoner Artenschutzabkommens Cites. Im internationalen Recht ist ihr Handel weder grundsätzlich verboten noch umfassend reguliert. Kenia verbietet zwar die Ausfuhr sämtlicher Wildtiere und Wildpflanzen ohne Genehmigung, doch Ameisenschmuggel aufzudecken, ist schwierieg. Anders als Elfenbein oder Nashornhorn lassen sie sich problemlos im Handgepäck oder per Post transportieren.
In Europa bestehen nur wenige gesetzliche Hürden. Auf Anfrage erklärt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, die Einfuhr von Ameisen sei nicht durch spezifische tierseuchenrechtliche Bestimmungen geregelt. Ameisen fielen zudem nicht unter die Tierschutzgesetzgebung. Für ihre Einfuhr sei weder eine Bewilligung noch eine Artenschutzkontrolle vorgeschrieben.
Hoher Gewinn, wenig Risiko
Auch abgesehen vom Geschäft mit den Ameisen habe der Onlinehandel mit Wildtieren in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagt der Biologe und Psychologe Russell Gray. Das Geschäft finde heute längst nicht mehr nur auf obskuren Websites statt, sondern auch auf gängigen Plattformen.
Während mehr als eines Jahres erfasste Grays Team über 21 000 Datensätze von mehr als sechzig Onlineshops. Sie werteten Hunderttausende Inserate für den Verkauf lebender Tiere aus. Der Gesamtwert der untersuchten Angebote belief sich auf umgerechnet rund 66 Millionen US-Dollar. Gerade für den Verkauf kleiner Tiere und Insekten sei der Onlinehandel attraktiv, sagt Gray. Sie liessen sich leicht verschicken und erzielten oft hohe Preise. «Wenn wir den gesamten Onlinehandel mit Wildtieren betrachten würden, kämen wir wahrscheinlich auf ein Volumen in Milliardenhöhe.» Zugleich sei es schwierig, die Geldflüsse nachzuvollziehen. Viele Verkäufer:innen nutzten keine klassischen Zahlungswege, sondern geschlossene Bezahlsysteme.
Auch die Ameisenszene organisiert sich heute fast vollständig online. Früher hätten sich Halter:innen vor allem auf Facebook ausgetauscht, sagt Hensel. Inzwischen seien Plattformen wie Discord wichtiger geworden. Dort diskutieren Nutzer:innen über Haltung, Zucht und neue Arten.
Der Biologe Chris Shepherd vom Center for Biological Diversity beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Noch wirke die Ameisenhaltung wie ein Nischenhobby. Doch die Fälle aus Kenia zeigten, wie rasch daraus ein lukrativer Markt entstehen könne. Im Vergleich zu anderen Formen der Kriminalität seien die Gewinne hoch und die Risiken gering, sagt er. Genau darin sieht er die Gefahr. Sobald seltene Arten hohe Preise erzielten, werde die organisierte Kriminalität auf den Handel aufmerksam. Die bisherigen Strafen seien kaum abschreckend – die beiden Belgier, die der «Ameisengang» angehörten, kamen mit Geldstrafen davon.
Shepherd fordert deshalb strengere internationale Regeln. In offenen Briefen hat er Cites aufgefordert, sich mit dem Handel von Ameisen auseinanderzusetzen. Besonders beunruhigen ihn die ökologischen Folgen. Viele Arten hätten ein erhebliches invasives Potenzial. Gelangten sie ausserhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets in die Umwelt, könnten sie ganze Ökosysteme verändern und wirtschaftliche Schäden verursachen.
Ameisen haben keine politische Lobby
Die möglichen Folgen zeigen sich auch in der Schweiz. In Basel, Zürich und im Wallis breitet sich derzeit die aus Nordafrika stammende Grosse Drüsenameise aus. Die Tiere besiedeln Verteilerkästen und verursachen Strom- und Internetausfälle. Ihre riesigen Kolonien unterhöhlen Fundamente und Pflastersteine. In Muttenz wurde Anfang 2025 eine grosse Kolonie entdeckt. Die Bekämpfung gilt als schwierig und teuer. Shepherd betont zwar, dass die meisten invasiven Ameisenarten über Pflanzenimporte nach Europa gelangen und nicht über den Onlinehandel. Trotzdem berge auch dieser ein Risiko. Niemand könne garantieren, dass die Tiere nicht irgendwann ausgesetzt würden.
Hobbyameisenhalter wie Hensel kennen diese Diskussionen. Er rät dazu, bei nachlassendem Interesse Kolonien weiterzugeben oder fachgerecht zu töten, statt sie freizulassen. Für Shepherd ist das keine ausreichende Antwort. Solange der internationale Handel mit Ameisen weitgehend unreguliert bleibe, werde die Nachfrage wachsen, und unverantwortliches Verhalten lasse sich nicht verhindern. Das Problem sei vor allem politischer Natur. «Schon beim Geschäft mit Tigern oder Primaten ist es schwierig, Regierungen zum Handeln zu bewegen», sagt er. «Ameisen haben für viele schlicht keine Priorität.» ●