Carlo Ginzburg (1939–2026) : Von der Kunst des Klein-Schauens
Mutmassen und Zweifel nagen lassen – vom Begründer der Mikrogeschichte lässt sich bis heute viel über Weltbetrachtung lernen.
Eben waren in der Staatsbibliothek zu Berlin an einer Feier des Wagenbach-Verlags Titel und Cover seiner Bücher über die Leinwand gewandert. Am nächsten Morgen kam die Nachricht: Der Historiker Carlo Ginzburg, Vertreter einer theoretisch voraussetzungsreichen und erzählerisch formbewussten Kulturgeschichte, war am Tag zuvor, am 16. Juni 2026, 87-jährig in Bologna verstorben.
Als mich die Nachricht erreichte, sass ich in Berlin-Wilmersdorf auf dem Fasanenplatz, eine Nebelkrähe ging vorbei, noch war die Sonne milde gestimmt, während das hohe Blätterdach bereits eine Zuflucht für kommende Hitzetage versprach. Gerade hatte ich einen Band mit Essays von Natalia Ginzburg, der Mutter Carlo Ginzburgs, geschenkt bekommen. Ich schlug das Buch auf und las darin, griff zum Handy und stürzte mich in die globale Nachrichtenflut, blätterte im Buch, suchte vergeblich die Nebelkrähe, griff zum Handy, las im Buch, schaute auf und gab die Nebelkrähe verloren.
Das Grosse im Kleinen
Leichterhand scheidet man oft die grossen von den kleinen Ereignissen, und Historiker:innen würden sagen, dass sich auch darin ihr Urteilsvermögen bewährt. Nicht selten jedoch führen solche Unterscheidungen zu Ärger. Im Roman «Les fleurs bleues» von Raymond Queneau will ein Herzog von seinem Kaplan wissen, wie die Hochzeiten seiner Töchter einzuordnen seien. Weit unterhalb der «Weltgeschichte im Allgemeinen» (das Konzil von Basel) und der «allgemeinen Geschichte im Besonderen» (die Kanonen des Herzogs), meint der Kaplan und platziert sie im Gewusel des Unbedeutenden, zählt sie «kaum zur Ereignisgeschichte. Allerhöchstens zur Mikrogeschichte.» Ein herzogliches Donnerwetter geht auf ihn nieder, und man versteht es: Natürlich zählt für den liebenden Vater, was für den unbeteiligten Betrachter von geringer Bedeutung sein mag.
Doch auch ein anderer Einspruch ist möglich. Was, wenn sich Weltgeschichte und allgemeine Geschichte in den Hochzeiten von Herzogstöchtern verbergen? Wenn das Grosse nirgends besser als im Kleinen fassbar wird? Tatsächlich könnte der Herzog argumentieren, statt zu toben, schliesslich sind in seiner Welt Heiraten machtpolitisch so bedeutsam wie Kanonen und Konzile.
Die Historikerin kann deshalb aus dem Ganzen die Pointe ziehen, dass historisches Gewicht eine Frage des genauen Hinsehens ist. Aus diesem Grund jedenfalls entdeckte Carlo Ginzburg in Queneaus Erzählung nichts weniger als einen Keim der «microstoria»: jener geschichtswissenschaftlichen Strömung, die, wie es sein Freund Giovanni Levi formulierte, nicht eine Betrachtung der «kleinen Dinge» ist, sondern ein Verfahren des «Klein-Schauens».
Das Buch, das dafür als stilbildend gelten darf, hatte Ginzburg 1976 publiziert: Aus der Gedankenwelt eines einzigen, dazu überaus sonderlichen Müllers erschliesst er in «Il formaggio e i vermi» («Der Käse und die Würmer») eine ganze bäuerliche Kultur, wie sie für das Friaul des 16. Jahrhunderts charakteristisch war: geprägt von Toleranz, Materialismus, Egalitarismus und Erfahrungsnähe. All das entfaltet der Autor als eine Erzählung, die ihren Charakter – den einer Untersuchung – nicht verbirgt, die sich in Sackgassen manövriert und wieder herausfindet, Mutmassungen formuliert und verwirft, Zweifel nagen lässt. «Der Käse und die Würmer» lässt sich deshalb auch – und heute mehr denn je – als ein Plädoyer für das geisteswissenschaftliche Buch lesen.
Am nächsten Tag fahre ich Richtung Süden. Es ist heiss geworden, der Regionalzug fährt ohne Klimaanlage und ist verspätet, gleichgültig gegenüber dem Ärger der Reisenden ruckelt er durch fränkische Weizenfelder und lässt in den Wäldern den Schatten links und rechts liegen. Mein Handy verliert den Empfang, und ich schlage mein Buch auf.
Blick aus einer versehrten Welt
Schreibende, lese ich bei Natalia Ginzburg, brauchen Gesprächspartner. Zum Zeitpunkt der Niederschrift des Essays war ihr Sohn Carlo ein solches Gegenüber. Der Essay enthält deshalb auch ein kleines Porträt des Historikers als Sohn und Kritiker: «Lachen und Vergnügen sprühen aus seinen kohlschwarzen Augen, seinem schwarzen, struppigen, wilden Kopf. Ich glaube, mich zu beleidigen, ist eine der Freuden seines Lebens. Seine Beleidigungen anzuhören, ist gewiss eine der Freuden meines Lebens.» Sie hätten in solchen Situationen viel zusammen gelacht. Mir fällt ein, wie Carlo Ginzburg sein Verständnis von «microstoria» definiert hat: als eine «aus grosser Nähe vorgenommene Untersuchung einer eng begrenzten Dokumentation».
Nähe war für diesen Historiker eine Erfahrung und eine Haltung: Ohne Nähe zum historischen Stoff lässt sich nicht sehen, was der Vergangenheit eigen war und warum sie gerade deshalb uns Heutigen etwas zu sagen hat. Denn um die Gegenwart ging es ihm so sehr wie um das Vergangene: Carlo Ginzburg, 1939 in eine jüdische und antifaschistisch engagierte Familie geboren, Sohn von Natalia und dem von den Nationalsozialisten ermordeten Leone, schrieb aus einer versehrten Welt.
In meinem Zugabteil hat sich derweil eine kleine, von der Hitze ermattete Schicksalsgemeinschaft gebildet. Drei halten ein Buch in den Händen. Jemand blättert um. ●
Die Historikerin Caroline Arni lehrt an der Uni Basel Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.