Der Grosse Raub : Ausschwärmen gegen die Abrechnung
Enis Maci über Sümpfe und Screensaver
Durch meterhohes Schilf ins Zentrum des Sumpfes schlittern. Hölzerne Stege, Algen wie Nixenhaar. Hier befindet sich die Floating University (Status: fully defunded, Laune: seltsam gut). Hier spricht Larisa Jašarević über Bienen und islamische Metaphysik. Warum nicht, hatte ich gedacht, als ich mich bei Höchsttemperaturen aus der Wohnung schleppte. U-Bahn erst, grell erleuchtete Porenabgründe; jetzt singen die Frösche, und Tigermücken umschwärmen das Podium. Bienen schwärmen aus, wenn ihr Stock vor Honig überquillt, sagt Jašarević. Wenns ihnen hervorragend geht. Sie glauben an die Zukunft. Sie bauen eine neue Stadt.
Ist sie verwandt mit der Stadt aus Papst Leos KI-Enzyklika, in der Gott und Menschheit wohnen? Gibt es, um das Wort einer Überlebenden abzuwandeln, überhaupt Gott zwischen all den Bärten? Oder ist es eher, wie der Autor Richard Brautigan schreibt: «I like to think / (it has to be!) / of a cybernetic ecology / where we are free of our labors».
Den Bienen käme so was nicht in den Sinn. Es ist immer noch die Königin, die für die Reise ins Unbekannte begeistert, ihre Alliierten zusammenruft, die ihr antworten: ein Pfeifen, ein rhythmisches Atmen. Jašarević macht es vor.
Klebriger Schatten. Der einzige Wind, der weht, bewegt die Pixel auf dem Fernseher hinter ihr, der gewehrgleich seines Einsatzes harrt. Im Microsoft-Screensaver morpht eine kambodschanische Pagode zu einer irgendwie irischen Hügelkuppe zum Unterwasserpanorama zur Einbogenbrücke über türkisem Wasser.
Und Jašarević atmet ein und aus, flach und schnell, wie die Ausschwärmenden in Bosniens gebirgigem Nordosten, die Beine schwer vor Heilung, Pollen, Enzian. Solange noch Bienen ausschwärmen, spricht der Engel, wird das Jüngste Gericht nicht eintreten. Der Tag der Abrechnung, die Auswertung der ganz grossen, der kosmischen Excel-Tabelle deines kleinen Lebens. Kipppunkte, Schwellenwerte, Eins-Komma-Dings-Grad-Ziel.
Jašarevićs Heimatgegend ist von einem Bannkreis aus Zechen umgeben. Da ist der Ort, der schon so heisst: Tuzla, Salzbergwerk. Die Stadt sackt ein, mittlerweile, ein Brustkorb im Ausatmen, und niemand, der sich umdrehte, zur Salzsäule erstarrte, zur Stütze. Da ist das Lithium, das noch ausgehoben werden wird, in Majevica. Green energy, rare earths, europäische Unabhängigkeit, was juckt einen da noch, wie das zustande kam, die Reinheit, das Staatswesen. Was juckt eine das Lob der indigenen Selbstverwaltung, wenn das Land der Sámi am Polarkreis zum selben Zwecke neu kartiert wird.
Salzwasser in meinen Kniekehlen, ein Kind wird gestillt, ein anderes schneidet sich am Schilf, ein Mann schlägt eine Mücke tot, das Blut auf seinem Oberschenkel ist nicht seines. Der Sumpf konserviert Leichen und Träume. Er sammelt, was Lacan das Reale nennt und was niemals mit der Realität (deren geheimer Leim es ist) verwechselt werden darf: Nixenhaar, das sich um deine Fesseln schlingt, als Kette oder Rettungsring.
(Unterdessen kämpfen die Demonstrant:innen in Albanien weiter gegen Einhegung und Vertreibung. Neben dem Erhalt der Lagune von Narta fordern sie die Aufhebung des als «Gebirgspaket» bekannt gewordenen Gesetzes, das den Verkauf öffentlichen Grundes für einen symbolischen Euro zwecks Privatisierung von Wäldern und Quellen ermöglicht.) ●
Enis Maci ist Autorin und lebt in Berlin.