District Five : Nicht mitspielen, aber weitermachen

Nr. 26 –

Die Zürcher District Five erproben seit über zehn Jahren, wie das Bandsein für sie am besten funktioniert: als Kollektiv.

die vier Musiker von District Five unterwegs im Wald
Eingespieltes Team: District Five haben sich im Jazzstudium kennengelernt und gehen seither gemeinsam den Weg als Band.

Es ist ein heisser Maitag in Zürich. Es wird spät dunkel, und der Asphalt strahlt noch bis in die Abendstunden Wärme ab. In der Stadt scheint alles in Bewegung zu sein, im «Helsinki» stehen die Tore seitlich offen, das Publikum quillt heraus auf den Vorplatz. Drängt man sich hinein, fühlt es sich dicht und schwitzig an, die Stimmung ist aufgekratzt, als wäre es viel später in der Nacht: District Five treffen sich hier einmal im Monat zum Konzert, immer sonntags. Heute aber ist Freitag, Plattentaufe, und die Band spielt ihr neues Album «Glut» einmal von vorne bis hinten durch, zusammen mit der Perkussionistin Bérénice Awa, die oft bei den Konzerten der Band mitspielt. «Es ist wie eine lange Meditation, die sich immer der Situation anpasst», sagt Saxofonist und Sänger Tapiwa Svosve zwischen zwei Songs. Songs, in denen viel auf einmal passiert, die in verschiedene Richtungen treiben, ausgelassen und weit klingen. Alle spielen mit viel Platz, auch ungemein fokussiert.

An diesem Abend im «Helsinki» wirkt diese Musik beinahe rauschhaft. Viele Freund:innen der Band sind gekommen, ein bisschen szenig ist es. «Es ist doch das Schönste, wenn ein Treffpunkt entsteht, die Leute ans Konzert kommen, weil sie wissen, diese und jene Person wird dort sein. Und dann spielt da auch noch eine Band», sagt Schlagzeuger Paul Amereller eine Woche später. Anfang Juni ist es noch einmal kühl in Zürich. District Five erscheinen zu viert zum Interview, vom «Helsinki» spazieren wir ins «Viadukt» zum Kaffeetrinken. Später fahren sie ins Tessin, ans kleine Éther Festival in Locarno, wo sie am Abend spielen. Man merkt dem Gespräch und ebenso der Musik an, dass sich diese vier schon lange kennen, einander sehr gern haben.

Eine andere Geschichte

Paul Amereller, Vojko Huter, Xaver Rüegg und Tapiwa Svosve sind seit über zehn Jahren District Five, als Formation entstanden während des Jazzstudiums an der ZHdK, hineingewachsen in eine Freundschaft. In eine Band, die schon lange keine blosse Jazzband mehr ist, es vielleicht gar nie recht sein wollte. Ach, Genres. Grunge-Jazz heisst es irgendwo. Manchmal sind die Songs auch zum Pop hin offen, fühlen sich nicht verkopft an, wie man das vielleicht erwarten könnte. Auf «Glut» sticht das ebenso konzentrierte wie verspielte «Push» heraus, zum ersten Mal bei District Five mit einem Gastinterpreten, und dann gleich mit dem New Yorker Poeten und Musiker Saul Williams. Aber auch das schnell und flimmrig vorantreibende «Twist the Wire» oder der grossartige letzte Track «Somewhere in Between», der leicht beginnt und immer dichter und bestimmter wird: keine Angst vor der grossen, gut eingesetzten Geste.

Im Gespräch ist manchmal nicht unbedingt klar, wovon diese vier jetzt sprechen: von der Band oder von der Freundschaft, weil das kaum auseinanderzudenken ist. Gut organisieren muss man sich in beiden, hoffentlich grosszügig sein und zulassen, dass nicht alle immer gleich ticken. Amereller, Huter, Rüegg und Svosve spielen alle auch in verschiedenen anderen Formationen. Bei District Five ist es ihnen besonders wichtig, dass keiner die anderen überschattet, alle Köpfe und Instrumente gleich wichtig sind, dieses Projekt gleich ausmachen. Dazu gehört auch eine faire Arbeitsteilung in all dem, was sonst noch ansteht. Den Adminarbeiten zum Beispiel, die zum Bandalltag ohne Management gehören. Man muss immer wieder darüber reden, je nachdem neu aushandeln, justieren.

Tapiwa Svosve, Paul Amereller, Vojko Huter und Xaver Rüegg laufen im Wald
Kommen langsam, aber sicher voran: Tapiwa Svosve, Paul Amereller, Vojko Huter und Xaver Rüegg.

Was bedeutet es heute, eine Band zu sein? «Wir verstehen uns als Kollektiv», sagt Amereller. Und Gitarrist Huter: «Wir wollen eine andere Story erzählen: Wie wichtig der soziale Aspekt ist, damit so eine Musik überhaupt entstehen kann.» Eine andere Story als die des Leadsängers, hinter dem noch eine Band spielt. Aus Marketingsicht sei das wohl nicht gerade die beste Strategie, fügt Bassist Rüegg an, und spätestens ab da dreht sich das Gespräch um die widrigen Umstände, denen man als unabhängige Musiker:innen ausgesetzt ist. Die Konzentration der Kommunikations- und Informationskanäle auf Social Media etwa, die Abhängigkeit von den Algorithmen der Grosskonzerne, die Art, wie aggressiv heute Marketing betrieben wird.

Es geht auch um Geese, jene New Yorker Indieband um Cameron Winter, die mit ihrem letztjährigen Album «Getting Killed» auf einmal kometenhaft aufstieg: zweifellos eine tolle Band, aber womöglich unter anderem mit Fakeprofilen auf Social Media gross gemacht, die sie erst zum Hype hochjubelten. Geese arbeitete dafür mit der Agentur Chaotic Good zusammen, die solche und weitere aggressive Marketingstrategien anbietet, die den Algorithmus manipulieren; auch andere Indiedarlings wie Oklou, Wet Leg oder Dijon gehören zu ihren Kund:innen. Das gab einigen Aufruhr in den Popecken des Internets, hatte man Geese doch gerade noch freudig als Beweis dafür gehandelt, dass es eventuell ein Bandcomeback geben könnte.

Und nun war dieser Hype gar kein echter, was auch immer das heissen soll: Sowieso ging es dabei schon in der Vergangenheit selten nur darum, wie gut ein Act tatsächlich ist, sondern um viele weitere Faktoren – heute macht Social Media davon (leider) einen Löwenanteil aus. Soll man Geese dafür verurteilen, mit unlauteren Mitteln gespielt zu haben? Oder wäre das naiv, weil Marketing heutzutage nun einmal so funktioniert? Lässt das kaputte Game jungen Musiker:innen gar nichts anderes übrig, als entweder mitzuspielen oder unterzugehen – oder gar nicht erst aufzutauchen?

Sich nicht einigeln

Am Tisch im «Viadukt» werden diese Fragen eher von der anderen Richtung her diskutiert: Wie wäre es möglich, sich als Szene abseits von all dem zu organisieren? «Wir wollen uns nicht vom Algorithmus policen lassen», sagt Svosve. Und Rüegg: «Vielleicht müssen wir zurück zur Mundpropaganda.» Kleine Sachen, wie einander Musik hin und her zu schicken, wie sie das seit Jahren aktiv pflegen, andere Formen des Austauschs: «Bezüglich Influencen … Es ist ja nicht schlecht, beeinflusst zu sein. Das sind wir alle, wir sind nicht allein. Die Frage ist nur, wo die Einflüsse herkommen», sagt Huter. Und Amereller: «Wir haben seit drei Jahren diesen Steady Gig im ‹Helsinki›, das ist unglaublich wichtig für uns als Band. Fürs Spielen, In-der-Musik-Weiterkommen, aber auch als Treffpunkt.»

Einen Hype hat es um District Five nie gegeben, auch wenn sie zweifellos eine tolle Band sind. Es scheint eher wie ein langsames Vorankommen, dafür hält das Projekt jetzt schon lange. Ziemlich rumgekommen sind sie doch, in den über zehn Jahren Bandgeschichte, 2024 erhielten sie zum Zehnjährigen den Kulturförderpreis des Kantons Zürich. Als Teil des Kollektivs Gamut waren sie auch immer wieder mal als Veranstalter tätig. Und wissen dadurch von beiden Seiten her, wie wenig selbstverständlich es geworden ist, als Band dieser Grösse eine Tour spielen zu können, irgendwohin zum Spielen eingeladen zu sein, dort nicht nur bezahlt, sondern auch bekocht und beherbergt zu werden. «Es gibt immer weniger Räume, wo wir uns als Szene treffen können, Orte, die kleineren Acts eine Bühne bieten. Das macht auch für uns als Band vieles kaputt», sagt Amereller.

Die vielen, für kleinere und alternative Zusammenhänge oft verheerenden Veränderungen in der Musikbranche sind in Gesprächen wie diesem derzeit fast unweigerlich Thema. «Dadurch, dass es uns als Band schon so lange gibt, bekommen wir diese Veränderungen direkt zu spüren», sagt Svosve. Das ist anstrengend, gerade wenn man sich damit auseinandersetzen, sich nicht einigeln will, wobei das für diese vier sowieso kein Thema zu sein scheint.

Die Lyrics auf «Glut» sind politischer als auch schon, nicht nur im schwindelerregenden Spoken Word von Saul Williams, sie sind ernsthaft und manchmal auf eine gute Art simpel. Ermüdungserscheinungen gibt es bei District Five offenbar nicht. Sie freuen sich darauf, «endlich wieder neue Songs zu schreiben», wie Amereller sagt, jetzt, wo das Album raus ist. Aber erst mal spielen. Und «Glut»? Ist ein guter, programmatischer Albumtitel, auf Englisch «Übermass» oder als Verb «überfluten», auf Deutsch etwas, das Hitze lange speichert. ●

▶ District Five: «Glut». Stone Pixels Records. 2026. Live im Helsinkiklub in Zürich, So, 28. Juni 2026.