Durch den Monat mit Greis (4) : Herr Vuilleumier, ist das Leben nüchtern besser?

Nr. 26 –

Wo der Berner Rapper das Glück findet und wie er sich seinen Lebensabend als Senior vorstellt.

Portraitfoto von Grégoire Vuilleumier
«Überraschenderweise haben sich meine Zuverlässigkeit und meine finanzielle Situation eher verschlechtert, seit ich nicht mehr trinke»: Grégoire Vuilleumier.

WOZ: Grégoire Vuilleumier, was ist Glück für Sie?

Grégoire Vuilleumier: Für mich war Glück lange etwas Unerreichbares. Es brauchte dafür etwa Erfolg und Anerkennung, externe Faktoren, die ich nicht alle beeinflussen konnte. Mittlerweile hat sich das verändert: Ausschlafen, fernsehen mit meiner Frau, an ein Konzert nach Zürich – das ist Glück für mich.

WOZ: In einem Video des «Berner Bündnisses gegen Depression» sagen Sie, dass viele Ihrer Probleme mit Kreativität zu tun hätten, Glück aber nicht leistungsabhängig sein sollte.

Grégoire Vuilleumier: Voll. Wir tun ja alle gern so, als wären wir nicht «judgy» gegenüber dem Unproduktivsein, aber dem muss man schon aktiv etwas entgegenhalten. Wir, also meine Frau, unser Kind und ich, sind komplett zappelig, hyperaktiv, immer aufgedreht. Dadurch sind wir schon auch viel am Leisten, aber eigentlich finden wir Chillen das Geilste. Glück durch Leistung kostet mehr, als es bringt.

WOZ: Weil man sich dafür anstrengen muss?

Grégoire Vuilleumier: Weil es überhaupt kostet. Das rechnet sich nicht, sondern bleibt ein Run: Nichts mit Leistung ist endlich, es geht immer weiter. Ich habe mir doch allen Ernstes von 18 bis 48 gedacht: «Jetzt ist es gerade ein bisschen viel, aber in zwei Wochen sieht es besser aus …» Nach dreissig Jahren denke ich: Moment mal!

WOZ: Manchmal gibt es einen guten Grund für den Ausnahmezustand.

Grégoire Vuilleumier: Ja, wenn zum Beispiel jemand von meinen Liebsten Unterstützung braucht. Dann muss man füreinander da sein, als Team. Und für sich selber, damit man nicht ausfällt, wie beim Fussball. «Unger Druck isch d’Crew in Form», sagt Krust, unser «Trainer» bei der Band PVP, jeweils.

WOZ: Sie sagen, Älterwerden habe Ihnen geholfen im Umgang mit den Depressionen.

Grégoire Vuilleumier: Das beste Gegenmittel sind die Referenzen, die Erfahrung durch das Älterwerden.

WOZ: Was hilft Ihnen sonst?

Grégoire Vuilleumier: SSRI, also Antidepressiva. Dadurch habe ich begriffen: Meine Depressionen sind nicht selbstverschuldet, sondern stammen von Problemen mit dem Serotoninspiegel, einem Mangel an bestimmten Hormonen. Es braucht vor allem Entstigmatisierung. Diabetes ist beispielsweise nicht besonders stigmatisiert, Depressionen, Bipolarität und Borderline dagegen schon.

WOZ: Die Zeiten, in denen Sie getrunken haben, sind vorbei. Wie viele Tage sind es nun?

Grégoire Vuilleumier: Wenn man hundert Tage geschafft hat, dauert es zu den nächsten hundert richtig lange … heute sind es 913. Es ist wirklich easy. Letztlich funktionieren viele Drogen so: Man ist überzeugt, die «instant gratification», die Belohnung im Moment, lohne sich – dabei ist es ein unglaublich schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis. Manchmal wusste ich am nächsten Morgen kaum mehr, wie ich heisse. War es schlimm? Ja, es war schlimmer! Ja, dann machs doch nümm …

WOZ: Regelmässiger Alkoholkonsum kann Depressionen verstärken.

Grégoire Vuilleumier: Für mich hat unser Alkoholkonsum auch etwas Unzeitgemässes, Reaktionäres. Es ergibt vielleicht Sinn, wenn man in der Mine malochen muss, harte körperliche Arbeit leistet – wenn das Leben per se hart ist.

WOZ: Finden Sie das Leben nüchtern besser?

Grégoire Vuilleumier: Überraschenderweise haben sich meine Zuverlässigkeit und meine finanzielle Situation eher verschlechtert; ich versuche noch zu verstehen, woran das liegt. Vielleicht hatte ich auch übermässige Erwartungen an das Leben ohne Alkohol. Dann kam die erste depressive Episode, und ich dachte: «Oh my god! Nooo … nicht mal trinken kann ich! Was soll ich denn jetzt machen?» Ich bin aber auch gern unter Leuten, die trinken: Moodmässig geht das gut, alles repetieren, was jemand sagt – das fägt!

WOZ: Haben Sie eigentlich Suchtverlagerung?

Grégoire Vuilleumier: Natürlich! Am Anfang megastark: Haribo-Tuttifrutti und Rauchmandeln. Im Moment bin ich bei Granola und Joghurt – ich kann das doch nicht einfach durch Zufriedenheit mit meiner Existenz substituieren.

WOZ: Ihr Künstlername ist Greis. Wie stellen Sie sich das Leben vor, wenn Sie mal einer sind?

Grégoire Vuilleumier: Ich will zehn Jahre Schlaf nachholen! Mein Traum ist: relaxt zu sein. So, dass meine Frau und ich denken: Wir haben es geschafft, jetzt können wir chillen! Geht ihr andern doch wandern oder nach Bali. Ich will eine Serie schauen oder eine Romcom – das ist für mich «quality time». Mein Sonnenuntergang. Wenn wir das schaffen, freue ich mich.

WOZ: Aktuell ist hingegen viel los: Letzte Woche erschien Ihr neuer Song «Dumm» mit der Berner Band Prix Garanti. Bald folgt die letzte Single vom Album «Us üs wird nüt» mit PVP und Fischermätteli Hood Gäng …

Grégoire Vuilleumier: … dann Plattentaufe und Tour, und die erste Single von Krust. Es geht weiter, Schlag auf Schlag. Der Trainer sagt immer, wir sollen uns auch gut erholen, damit wir weiterhin konstant spielen. Wir bleiben alle hier und spielen weiter. Aus uns wird vielleicht nichts, aber wir geben trotzdem alles. ●

Grégoire Vuilleumier alias Greis (48) lebt mit seiner Familie in Bern. Die Tour zum Album «Us üs wird nüt» startet am 28. August 2026 mit der Plattentaufe im «Bierhübeli» in Bern.