Film : In Schönheit sterben
Aus der Steppenlandschaft des Yucatán tritt uns Leon (Andrés Catzín) entgegen. Auf einem Holzpfahl erwartet ihn ein menschlicher Schädel, den er in seinem schlichten Zuhause behutsam auf den Küchentisch legt. Nachts betrachtet er von seiner Hängematte aus ein fernes Gewitter, am Morgen darauf, wie eine Gruppe von Arbeitern das Land um sein Haus herum zu vermessen beginnt. In der kosmologischen Vision der Maya, denen Leon angehört, verläuft die Zeit nicht linear, und auch die Grenzen zwischen Traum und Realität, Natur und Mensch, Leben und Tod sind nicht von entscheidender Bedeutung.
In einer ausladenden Villa im selben Dorf wohnt die todkranke Lena (Ángela Molina), eine ehemalige Literaturprofessorin. Dass sie nicht mehr gegen das Sterben ankämpft, bedeutet nicht, dass sie sich damit abgefunden hätte. Dank der mystischen Vermittlung durch Lenas Hund sollen sich nun die beiden unterschiedlichen Schicksale verbinden. Leon, der weder schreiben noch lesen kann, erhofft sich Hilfe bezüglich des Landes, das ihm weggenommen werden soll. Lena hingegen glaubt, in ihm eine Begleitung für ihre Reise in die andere Welt gefunden zu haben. Während sein Haus von den Baggern zerstört wird, träumt sie sich auf ein Bett unter einem Baum, von dem aus kleine Flammen herabregnen, die sie allmählich in Brand setzen, ohne dass sie dabei Schmerzen verspürt.
Der Westschweizer Germinal Roaux («Fortuna») inszeniert dieses Aufeinandertreffen entgegengesetzter Sphären in langsamen Schwarzweissbildern von hypnotischer Schönheit. Sein Hintergrund als Fotograf ist dabei so offenkundig wie seine Reverenz an das traumartige Kino von Apichatpong Weerasethakul. «Cosmos» ist getragen von der Erhabenheit der Bilder wie auch des naturbetonten Sounddesigns.
Ein «Gedicht» über den Sinn und die Endlichkeit des menschlichen Daseins habe er schaffen wollen, sagt Roaux – und legt damit auch die beträchtliche Fallhöhe des Films fest, in dem wir uns «selbst erkennen und vielleicht etwas Wesentliches wiederfinden» könnten. So aufrichtig seine Faszination für das indigene Gegenüber ist: Dass hier einmal mehr der Vertreter einer extrem benachteiligten Klasse einer seelisch armen Vertreterin der Oberschicht dank ursprünglicher Spiritualität den Weg zum Licht weisen darf, ist einem harmonisch-versöhnlichen Gesamtbild nicht gerade zuträglich. ●
▶ «Cosmos». Regie und Drehbuch: Germinal Roaux. Schweiz/Frankreich/Mexiko 2025. Jetzt im Kino.