Flucht aus Gaza : «Palästina wird zum Abziehbild der Realität»
Hamza Howidy demonstrierte gegen die Gewaltherrschaft der Hamas und wurde gefoltert. Im Exil hat er nun ein Buch geschrieben über eine Heimat, die es nicht mehr gibt.
WOZ: Hamza Howidy, in Ihrem Buch beschreiben Sie ein oft schwieriges Leben: materielle Not, israelische Luftschläge, Verfolgung durch die Hamas. Trotz alldem schimmert immer wieder Ihre Liebe zu Gaza durch. Was vermissen Sie am meisten?
Hamza Howidy: Meine Mutter und meine Freund:innen. Traditionen wie Hochzeiten und den Ramadan. Wie wir beim Fastenbrechen draussen zusammensitzen – die Nachbar:innen, unsere Grossfamilie. Wie alle versuchen, gut zueinander zu sein. Das Leben kocht, und man fühlt sich in Wärme eingehüllt. Meine Mutter bereitet Ka’ak zu, mit Dattelpaste gefüllte Kekse. Diese Art von Zusammensein habe ich in Deutschland nicht erlebt.
WOZ: Gibt es Momente, an die Sie immer wieder zurückdenken müssen?
Hamza Howidy: An meine Ausreise im August 2023. Ich durchlebe immer wieder die Panik am Grenzübergang zu Ägypten. Die Angst, dass sie mich nicht durchlassen. Den Gedanken: Wenn ich jetzt nicht rausdarf, komme ich früher oder später wieder ins Foltergefängnis der Hamas. Und dann die Erinnerung, wie ich auf der ägyptischen Seite zum Auto laufe.
WOZ: Gibt es Buchpassagen, die besonders schwer zu schreiben waren?
Hamza Howidy: Diejenigen über die Folter im Gefängnis 2019 und 2023. Nie hätte ich damit gerechnet, eines Tages öffentlich darüber zu sprechen. Diese Erinnerungen hervorzukramen, war schwierig. Das Buch ist in Zusammenarbeit mit Judith Poppe entstanden. Mal habe ich ihr Entwürfe geschickt und wir haben sie zusammen bearbeitet, mal habe ich ihr alles erzählt. Für die Gefängnisszenen haben wir uns in einem Café getroffen. Alles laut auszusprechen, war eine Erleichterung.
WOZ: Was berichten Ihnen die Menschen in Gaza heute über ihren Alltag?
Hamza Howidy: Meine Familie lebt jetzt in Kairo, und auch fast alle meine Freund:innen sind geflohen. Die, die geblieben sind, sagen mir: Wir leben wie im Mittelalter – seit bald drei Jahren in Zelten und ohne Strom. Ein Bildungssystem gibt es nicht mehr. Die Lebensmittelpreise haben sich zwar normalisiert, aber weil es keine funktionierende Wirtschaft gibt, kann sich kaum jemand etwas leisten. Die meisten meiner Freund:innen, die noch dort leben, arbeiten bei NGOs wie dem IKRK, doch World Central Kitchen zum Beispiel entlässt jetzt Leute. Andere haben sich mit journalistischer Arbeit etwas dazuverdient. Diese Arbeit ist gefährlich, und nicht alle sind bereit dazu, weil Israel gezielt Journalist:innen attackiert. Ich schätze, von zehn Menschen wollen neun Gaza verlassen. Doch selbst wenn du eine Genehmigung zur Ausreise hast – Ägypten lässt im Moment nur fünfzig Personen pro Tag durch. Ich spüre die Verantwortung, zu helfen, so gut ich kann.
WOZ: Wie blicken Sie auf die Zukunft Gazas?
Hamza Howidy: Jede:r hat einen Vater, einen Bruder, eine Mutter oder eine Schwester verloren. In vielen Familien gibt es nur ein oder zwei Überlebende. Die Menschen sind verzweifelt und warten. Nach dem Waffenstillstand wurden viele Versprechen gemacht, aber keines eingelöst. Von der Hamas geht militärisch keine Gefahr für Israel mehr aus – für die Menschen in Gaza aber schon. Benjamin Netanjahu wird bis zu den israelischen Wahlen im Herbst ein Spiel spielen: Er will eine Illusion von Sieg vermitteln und die Hamas dazu bringen, unter Friedensfahnen ihre Waffen niederzulegen. Aber das ist gegen deren Ideologie. Sie würden lieber sterben.
WOZ: Für viele Palästinenser:innen steht ausser Frage, dass Israel einen Genozid an ihnen begangen hat. In Ihrem Buch kommt der Begriff nicht vor. Eine bewusste Entscheidung?
Hamza Howidy: Das Buch erzählt meine persönliche Geschichte. Terminologie stand da nicht im Vordergrund. Auch wenn Israel einen Völkermord begangen hat, bin nicht ich diesem zum Opfer gefallen. Davon abgesehen glaube ich nicht, dass Israels Ziel die Auslöschung aller Palästinenser:innen ist. Sie wollen Gaza und das Westjordanland ethnisch säubern und die dort lebenden Menschen in Länder wie Ägypten vertreiben. Das ist ein Unterschied.
WOZ: Gibt es einen innerpalästinensischen Diskurs über diese Begrifflichkeiten?
Hamza Howidy: In der palästinensischen Diaspora herrscht ein unhinterfragter Konsens, dass es sich um einen Völkermord handelt. Für die Menschen in Gaza spielt es keine Rolle, ob jemand die israelische Kriegsführung Genozid nennt oder nicht. Was für sie zählt, sind andere Dinge: Wann beginnt der Wiederaufbau? Wann wird die israelische Armee aus Gaza abziehen? Wie können wir die Hamas stürzen?
WOZ: Heute sind Sie von Menschen umgeben, die Ihr Leben vor der Flucht nie begreifen können. Ist das Exil eine Form von Unsichtbarkeit?
Hamza Howidy: Das ist es. Manchmal fühlt es sich gut an und manchmal beschissen. Das Buch schreiben zu dürfen, sehe ich als Errungenschaft. Doch manchmal werde ich auf Panels eingeladen und merke: Vor mir sitzt eine total eindimensionale Zuhörer:innenschaft. Gerade an Unis, die eigentlich Komplexität aushalten und Orte von echtem Diskurs sein sollten, enttäuscht mich das. Alles wird zur Performance, Palästina zum vereinfachten Abziehbild der Realität. Ich versuche, den Fokus von Worthülsen wie «Antiimperialismus» oder «Antibesatzung» aufs Individuum zu verschieben. Gleichzeitig will ich mich selbst nicht nur über meine Identität als Palästinenser definieren.
WOZ: Bestimmt nicht einfach.
Hamza Howidy: Es gibt viel Neues, das ich ausprobieren will. In die Sauna gehen zum Beispiel. Ich habe in meinem Leben nur den arabischen Kreistanz getanzt, war nie Party machen, habe nie Salsa getanzt. Das versuche ich jetzt zu meistern: Teil dieser neuen Gesellschaft zu werden. Aber die meisten meiner sozialen Kontakte leben in Berlin. Ich muss auf unbestimmte Zeit im Flüchtlingsheim in Wesel im Ruhrgebiet bleiben, fürchte, hier noch Jahre festzustecken.
WOZ: Sie erhielten in Griechenland Asyl, wurden dort aber von Hamas-Sympathisanten bedroht. Fühlen Sie sich in Deutschland sicher?
Hamza Howidy: Ich fürchte nicht ständig um mein Leben, aber in Sicherheit wähne ich mich auch nicht. Ich warte auf einen Gerichtstermin, bei dem entschieden wird, ob ich bleiben darf. Diese Ungewissheit ist belastend. Wir teilen uns zu viert ein Zimmer: drei Afghanen und ich. Ich spreche hier aus dem Treppenhaus des Flüchtlingsheims mit Ihnen, weil ich nicht will, dass jemand mithört, dass man mich als zionistischen Verräter oder Kollaborateur mit Israel beschimpft wie schon oft in der Vergangenheit.
WOZ: In einem CNN-Interview kritisierten Sie die Hamas, die deutsche Polizei bot Ihnen darauf Schutz an. Das nahmen Sie als positiv wahr. Gleichzeitig werden propalästinensische Aktivist:innen – auch jüdische – kriminalisiert.
Hamza Howidy: Ich kann die Reaktionen aufgrund der deutschen Geschichte nachvollziehen. Aber die Behörden verschwenden ihre Ressourcen darauf, Aktivist:innen wegen Parolen wie «From the River to the Sea» nachzujagen und sie zu bestrafen, statt echte Kriminelle ausfindig zu machen.
WOZ: 2024 gaben Sie der rechten «Jerusalem Post» ein Interview. Ihre Aussagen lesen sich wie eine Rechtfertigung Israels. Zum Beispiel: «Das Problem mit früheren israelischen Angriffen ist, dass sie nicht stark genug waren, um der Hamas ein Ende zu bereiten.» Bereuen Sie diese Veröffentlichung?
Hamza Howidy: Ich musste vieles auf die harte Tour lernen. Ich hatte nie mit Journalist:innen zu tun, und plötzlich kam ein Schwall von Interviewanfragen. Ich verstand nicht, wie meine Geschichte von aussen dirigiert und gelenkt wird, und habe viele Fehler gemacht. Es sieht in dem Interview so aus, als ob die Hamas die alleinige Schuld an der Situation trage, als ob Israel gar nicht existieren würde. Heute bin ich vorsichtig geworden. Ich würde immer noch mit der «Post» sprechen, aber besser überprüfen, was in der Endfassung steht.
WOZ: Einige Zeit nach dem 7. Oktober 2023 posteten Sie: «Ich habe all meine früheren Tweets gelöscht und mich entschlossen, neu anzufangen, weil ich glaube, dass meine Wut auf die Hamas mich blind gemacht hat für viele Verbrechen, die gegen uns Palästinenser begangen wurden und die nicht zu rechtfertigen sind.»
Hamza Howidy: Als ich Gaza verliess, kochte in mir eine unbändige Wut. Auf die Hamas, aber auch auf unsere Gesellschaft. Heute erkenne ich, dass das die falsche Art von Wut war. Aber nach all den Repressionen fühlte es sich wie ein leichter Ausweg an, zu hassen und alles Palästinensische zu dämonisieren. Das hat mir anfangs den Blick für die schreckliche humanitäre Situation im Krieg vernebelt.
WOZ: Sie haben an einer Holocaust-Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag teilgenommen. Eingeladen hatte Sie der Politiker Armin Laschet, ein Fürsprecher Israels. Überraschte Sie da die arabische Kritik?
Hamza Howidy: Ich weiss, wo Laschet politisch steht. In einigen Punkten stimme ich ihm zu und kritisiere jene, mit denen ich nicht einverstanden bin. Ich boykottiere Menschen nicht wegen ihrer Positionen.
WOZ: Viele, die Israel unterstützen, entmenschlichen Palästinenser:innen öffentlich und sagen dann: «Schaut her, wir haben einen guten gefunden: Hamza Howidy! Er stimmt uns zu.»
Hamza Howidy: Diese Leute sollen ruhig glauben, dass sie mich als Vorzeigepalästinenser für ihre eigenen proisraelischen Narrative vereinnahmen können. Doch wie ich Beziehungen dieser Art navigiere, liegt in meiner eigenen Verantwortung. Bevor dir als Palästinenser in Deutschland irgendjemand zuhört, musst du erst eine Million Mal am Tag den Terror der Hamas verurteilen. Wenn ich schon eine Bühne bekomme, will ich daraus Nutzen für die Leute in Gaza ziehen. Ich habe im Bundestag zum Beispiel deutlich artikuliert, warum ich die Kürzungen der Gelder für das Uno-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge, UNRWA, ablehne. ●
Hamza Abu Howidy: «Muscheln am Strand von Gaza. Erinnerungen an ein zerstörtes Land». S. Fischer Verlag. 240 Seiten.