Geopolitik im Nahen Osten : «Und wo war denn die EU?»

Nr. 26 –

Gewonnen habe den Krieg gegen den Iran niemand, sagt Politikwissenschaftler Volker Perthes. Die Krisendiplomatie offenbare aber globale Machtverschiebungen.

Strassenszene in Teheran
«Dass Grossmächte nicht mehr in der Lage sind, Kriege gegen Regionalmächte zu gewinnen, ist bemerkenswert»: Das Regime im Iran bleibt an der Macht. Majid Saeedi, Getty

WOZ: Volker Perthes, stehen wir vor einem Ende des Kriegs gegen den Iran?

Volker Perthes: Wir stehen vor einem Ende des Irankriegs, der am 28. Februar begonnen hat. Aber wir stehen nicht vor einer Lösung aller Probleme, die es zwischen dem Iran und den USA, zwischen Israel und dem Iran wie auch zwischen dem Iran und der internationalen Gemeinschaft gibt. Vermutlich haben wir auch nicht die letzte Runde bewaffneter Auseinandersetzungen unter Beteiligung des Iran erlebt.

WOZ: Die Hisbollah und Israel, die sich im Libanon weiterhin bekriegen, sitzen aber nicht mit am Verhandlungstisch. Dabei sehen Expert:innen dort den eigentlichen Knackpunkt der Verhandlungen. Teilen Sie die Einschätzung?

Volker Perthes: Kurzfristig schon, langfristig nicht unbedingt. Mit den USA und dem Iran wollen die beiden Seiten, die jetzt verhandeln, aus diesem Krieg raus. Die Regierung Israels hingegen sieht darin ein «unfinished business», weil keines ihrer Kriegsziele umgesetzt wurde: Weder hat der Iran einen echten Regimewechsel durchgemacht, noch ist er entscheidend abgerüstet, noch ist sein Nuklearprogramm unter internationale oder amerikanische Kontrolle gekommen. So dreht sich derzeit vieles um den Libanon, denn die iranische Seite hat ein Ende des Krieges im Libanon zur Voraussetzung dafür erklärt, jene Punkte zu verhandeln, die den US-Amerikaner:innen viel wichtiger sind: die Strasse von Hormus und perspektivisch dann das iranische Nuklearprogramm.

Spezialist für Geopolitik

Der deutsche Politikwissenschaftler Volker Perthes (68) ist profilierter Kommentator internationaler Politik und Kenner des Nahen Ostens. Er war in verschiedenen Funktionen für die Uno tätig, so als Leiter der Uno-Mission Unitams im Sudan sowie als Berater des Uno-Sondergesandten für Syrien; in dieser Funktion leitete er die Arbeitsgruppe für Waffenruhen. Von 2005 bis 2020 stand Perthes dem aussen- und sicherheitspolitischen Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin vor. Im Februar 2026 erschien sein Buch «Die Multipolarisierung der Welt. Ein geopolitischer Wegweiser», in dem er die Chancen und Herausforderungen einer multipolaren globalen Ordnung beschreibt.

Portraitfoto von Volker Perthes

WOZ: Wie viel Einfluss kann Präsident Donald Trump denn auf Israels Premierminister Benjamin Netanjahu nehmen?

Volker Perthes: Der amerikanische Druck wirkt durchaus. Die israelische Regierung hat im Grundsatz ein Ende des Krieges angekündigt. Das heisst vor allem: keine Angriffe nördlich des Litani, also nördlich der von Israel besetzten Zone im Süden des Libanon. Gleichzeitig gibt es innerhalb der Regierung Netanjahus Kräfte, die aktiv versuchen, das Rahmenabkommen zu unterlaufen, indem sie davon sprechen, dass der ganze Libanon brennen müsse.

Theoretisch könnten die USA ihre finanzielle Unterstützung und Waffenlieferungen an Israel einstellen, aber meines Erachtens wird das nicht geschehen. Etwas anderes ist wichtiger: Netanjahu hat einen Teil seiner Popularität in Israel auf seine sehr gute Beziehung mit Donald Trump und den USA gebaut. Der Rückhalt Israels innerhalb der demokratischen wie republikanischen Basis ist aber zurückgegangen. Künftig wird Israel nicht mehr mit jedem Versuch, Dinge militärisch zu lösen, ohne Widerspruch durchkommen. Das schadet Netanjahu innenpolitisch – und darin liegt das Druckmittel der USA.

WOZ: Liest man die Schlagzeilen der vergangenen Woche, scheint es so, als habe die iranische Regierung mit diesem Rahmenabkommen auf der ganzen Linie gewonnen. Interpretieren Sie es auch so?

Volker Perthes: Ich bin da ein bisschen, aber auch nur ein bisschen zurückhaltender in meinem Urteil. Ich würde es so formulieren: Die USA haben den Krieg zusammen mit Israel begonnen, aber sie haben ihn nicht gewonnen. Und das iranische Regime hat mindestens nicht verloren. Allein schon deswegen, weil es nicht kapitulieren musste. Aber wenn das ein Sieg für den Iran ist, dann ist es ein Pyrrhussieg, denn die materiellen Schäden sind massiv. Eine Million Menschen haben gemäss iranischen Ökonom:innen ihre Arbeit verloren. Die Inflation ist in den hohen zweistelligen Bereich gestiegen, Lebensmittel sind für viele unerschwinglich geworden. Industrieanlagen und Häfen wurden zerstört oder schwer beschädigt, der Wiederaufbau wird Jahre dauern und Milliarden kosten.

WOZ: Wie hat sich die Position der Verbündeten des Iran in der Region im Lauf des Krieges verändert?

Volker Perthes: Die wurde geschwächt. Die Hisbollah im Libanon hat sich ja schon seit Ende 2023 aufseiten der Hamas in den Krieg gegen Israel eingebracht und dabei erhebliche Verluste erlitten. Mittlerweile haben wir im Libanon eine Regierung, die aktiv dafür eintritt, die Hisbollah zu entwaffnen; in Washington finden direkte Verhandlungen zwischen israelischen und libanesischen Vertretern ohne Hisbollah-Beteiligung statt. Die Hisbollah kann, ähnlich wie die oben erwähnten Extremisten in Israel, nur noch versuchen, das Rahmenabkommen zu unterminieren.

Geostrategisch gesprochen: Die Hisbollah kann zwar noch den Iran unterstützen, was sie auch zu tun versuchte, aber der Iran kann sie nicht mehr schützen. Ähnliches sehen wir im Irak, wo einige der proiranischen Milizen, etwa die Asaib Ahl al-Hak, zugestimmt haben, ihre Waffen an den Staat abzuliefern. Die Proxys haben erkannt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sie tun konnten, was sie oder das iranische Regime wollten.

WOZ: Im Rahmenabkommen ist die einst dominante US-Forderung nach einem Ende der Unterstützung für die Proxys aber nicht enthalten.

Volker Perthes: Nicht alles, was strittig ist, kann Teil dieser Verhandlungen sein, die würden ansonsten rasch überfrachtet. Wirklich wichtig ist einerseits die Zukunft des iranischen Atomprogramms. Dabei geht es nicht um Schwarz oder Weiss, sondern um viele Detailfragen. Was macht der Iran mit seinen Vorräten an hochangereichertem Uran? Wird es wieder Inspektionen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) geben? Darin liegt der Kern des Konflikts zwischen dem Iran und der internationalen Gemeinschaft. Andererseits braucht es Gespräche über die Zukunft der Strasse von Hormus, da müssen vor allem auch die Anrainerstaaten mitreden, also die Emirate, Saudi-Arabien, Katar und andere. Das wird nicht innerhalb der nächsten sechs Wochen passieren, während die US-iranischen Verhandlungen laufen.

WOZ: Die Beratungen fürs Wiener Abkommen über das iranische Atomprogramm von 2015 dauerten fast zwei Jahre. Die Verhandlungen jetzt sind auf sechzig Tage angelegt. Wie realistisch ist es denn, dass wir Fortschritte sehen?

Volker Perthes: Hätten wir nur rationale Verhandlungsteilnehmende ohne innenpolitische Agenda, dann wäre es möglich, sich in kurzer Zeit auf etwas zu einigen – auf ein revidiertes Wiener Abkommen zum Beispiel. Hier haben wir aber Verhandlungen zwischen zwei hochpolitisierten Partnern. Ich denke mal, dass in sechzig Tagen kein fertiges Ergebnis vorliegen wird, sondern dass wir erneut politische Bekundungen zu hören bekommen werden. Wenn wir aber so lange keine Sicherheitsgefährdung haben, dann sind wir schon einen ganzen Schritt weiter.

WOZ: Es sind Länder wie Pakistan und Katar, die in diesen Verhandlungen den Lead übernommen haben. Lässt sich darin auch die «Multipolarisierung der Welt» erkennen, die Sie in Ihrem letzten Buch beschrieben haben?

Volker Perthes: Ja, das passt ins Bild. Dass heute internationale Grossmächte, also globale Pole wie die USA oder Russland, nicht mehr in der Lage sind, Kriege gegen mittlere Regionalmächte wie den Iran oder die Ukraine zu gewinnen, ist allein schon bemerkenswert. Und dass dann andere als Vermittler ernst genommen werden, zeigt auf, dass sich hier neue regionale Pole entwickeln. Wer heute diplomatisch auf der Welt Positives erreichen will, kommt an diesen nicht mehr vorbei. Und wo war denn eigentlich die Europäische Union in diesem Konflikt? Sie hat ihn nicht verhindern können, und sie hat auch nichts zur Vermittlung beigetragen. Die Schweiz kann zumindest sagen, sie habe ein Hotel zur Verfügung gestellt.

WOZ: Welche Rolle sollte Europa jetzt einnehmen?

Volker Perthes: Wichtig ist, dass Europa jetzt sehr rasch das Gespräch mit allen Golfstaaten beginnt, insbesondere mit Saudi-Arabien und dem Iran. Beim Wiener Abkommen steckte zum Beispiel sehr viel europäische Expertise drin, und man sollte anbieten, diese erneut einzubringen. Notfalls im Stillen: Die USA werden keinesfalls offiziell die Hilfe jener Akteure beanspruchen, mit denen damals Barack Obama zusammengearbeitet hat. Keine Chance. Man könnte aber versuchen, hinter den Kulissen einzuwirken, etwa über die IAEO.

Europa könnte auch anbieten, zur Minenräumung in der Strasse von Hormus beizutragen. Zudem denken die arabischen Golfstaaten sehr intensiv über alternative Export- und Importkorridore nach. Da geht es um die Verbreiterung von Pipelines, etwa jener von der saudischen Ostküste zum Roten Meer, oder auch um neue Bahnverbindungen von der Arabischen Halbinsel in Richtung Türkei und Europa. Als Empfängerin vieler der transportierten Güter sollte Europa mit seinem Kapital und seiner Expertise ins Spiel kommen. Wie übrigens auch, wenn es um den Libanon geht.

WOZ: Wie meinen Sie das?

Volker Perthes: Insbesondere Frankreich hat sehr gute Beziehungen ins Land, und das ist von immenser Bedeutung. Es könnte sich daran beteiligen, den libanesischen Staat zu stabilisieren. Dieser braucht Unterstützung.

WOZ: Von welcher Form der Unterstützung sprechen Sie?

Volker Perthes: Ich meine das ganze Spektrum von wirtschaftlicher über politische bis hin zu militärischer Hilfe. Noch gibt es die Beobachtermission Unifil, die 1978 geschaffen wurde zur Sicherung des Waffenstillstands zwischen Israel und dem Libanon, den es mittlerweile nicht mehr gibt. Dieses Mandat läuft zum Jahresende aus. Der Uno-Sicherheitsrat wird diskutieren müssen, was an ihre Stelle tritt. Gibt es eine neue Uno-Mission, die zur Einhaltung eines Waffenstillstands beitragen kann? Die europäischen Staaten werden gefordert sein, denn die USA werden sich daran nicht beteiligen. ●