Klimakonferenz in Bonn : Familientreffen der Klimadiplomatie

Nr. 26 –

Vor der COP im Herbst treffen sich Delegationen der teilnehmenden Länder so wie jedes Jahr zu Vorverhandlungen in Bonn. Man kennt sich.

eine Person vor einem Plakat mit der Aufschrift «1.5° C is not a number. It's a lifeline.»
1,5 Grad – und es wird noch heisser: In Bonn halten Diplomat:innen der Klimaerhitzung markige Worte entgegen.

Die Flammkuchen tauchen im Akkord auf den hölzernen Gartentischen des Rheinpavillons auf und verschwinden ebenso schnell wieder. Nur den mit Speck will niemand, die Leute schütteln reihum den Kopf und bringen dabei die weissen Badges, die sie alle um den Hals tragen, zum Baumeln. Das weisse Stück Plastik verschafft ihnen in diesen Tagen Zutritt zum World Conference Center in Bonn.

Immer im Herbst treffen sich die Klimadiplomat:innen der Welt an der Konferenz COP, um das Pariser Abkommen von 2015 weiterzuentwickeln. Die COPs sind mittlerweile Veranstaltungen mit mehreren Zehntausend Teilnehmer:innen und viel Medienpräsenz. Aber bevor die Delegierten dort hinfahren, kommen sie jedes Jahr im Juni nach Bonn. Hier sollen sie – dieses Mal sind es über 4000 Abgesandte von Staaten und nicht ganz 3000 Beobachter:innen – sich in Ruhe auf jene Texte verständigen, die an der COP dann – so die Hoffnung all jener, die noch an die Klimadiplomatie glauben – angenommen werden.

Seit die Teilnehmer:innen vor einem Jahr das letzte Mal hier waren, ist viel passiert. Unter Donald Trump sind die USA, der zweitgrösste CO₂-Emittent, aus dem Pariser Abkommen ausgetreten. Seither ist das Land auch nicht mehr in Bonn dabei. Andererseits hat die Generalversammlung der Uno soeben bestätigt, dass die Verfolgung des 1,5-Grad-Ziels für die Staaten Pflicht sei.

Dieses Jahr wird in Bonn in einer ganzen Reihe von Unterverhandlungsgruppen gestritten. Jede von ihnen wird einen Text zu einem Thema produzieren, zum Beispiel dazu, wie sich die Welt an die Klimaerhitzung anpassen soll. Diese einzelnen Texte werden dann zusammengesetzt, von den Abgesandten abgenommen und an die COP weitergeschickt. Zumindest, wenn es einigermassen gut läuft. Denn die riesige Maschinerie, zu der die internationale Klimadiplomatie geworden ist, wird chronisch blockiert, insbesondere in Bezug auf fossile Energien. Versammeln sich in Bonn dieses Jahr also 7000 Verzweifelte?

Montag im Rheinpavillon

Am Kopfende einer der Tischreihen im Rheinpavillon sitzt eine vierköpfige Freund:innengruppe zusammen und bespricht, wer wen daten könnte. Menschen setzen sich dazu, tauschen Linkedin-Kontakte aus und gehen wieder. Aber die Kerngruppe bleibt. Bonn, das sei immer eine ganz angenehme Mischung aus Familientreffen und dysfunktionaler Klimadiplomatie, sagt eine der Freund:innen. Die vier kennen sich schon lange. Alle engagierten sich schon als Jugendliche in der Uno oder in Umwelt-NGOs. Abgesehen davon sind sie divers zusammengewürfelt: Sie wurden auf drei verschiedenen Kontinenten geboren, bildeten sich an unterschiedlichen Orten für verschiedene Berufe aus und landeten über diverse Wege in der internationalen Klimapolitik. Eine Person meint, sie verbringe ihr Leben vor allem in dieser internationalen Klimabubble, weil ihr Land «ein Desaster» sei. Internationale Klimapolitik sei zwar auch ein Desaster, aber vielleicht tue sie hier trotzdem etwas Gutes. An den diesjährigen Verhandlungen vertreten die vier Freund:innen zwei verschiedene Länder, eine NGO und eine Uno-Organisation. Welche das sind, möchten sie, so wie auch ihren Namen, nicht in der Zeitung lesen.

Ihr Verhandlungsbereich sei blockiert, stöhnt eine junge Frau der Gruppe, während Virgin Mojitos nachbestellt werden. Der Saudis wegen, sagt sie, «aber was blockieren die hier nicht». Probleme bereitet ihr aktuell aber auch eine andere Gruppe von Staaten. Deren Blockade gedenkt sie aufzubrechen, indem sie die anderen am Tisch für Informationen anzapft.

Am nächsten Tag tauchen die Freund:innen mit müden Gesichtern im World Conference Center auf. Einst tagte im Untergeschoss des Gebäudes der Bundestag, in diesen Tagen wirkt es eher wie ein Flughafen. Vor den blauen Anzeigetafeln bleiben Menschen mit zusammengekniffenen Augen stehen, um herauszufinden, wohin sie hetzen müssen. Die Räume, in denen sie dann verschwinden, heissen wie die Standorte der Uno-Organisationen: New York, Genf, Nairobi, Wien. Wem der Monitor gerade keinen Raum zuschreibt, der bleibt in der Eingangshalle in einer der vielen Gruppen stehen und beugt sich über einen Laptop.

Ab und zu dringen Sprechchöre zu ihnen, in regelmässigen Abständen lassen die Konferenzorganisator:innen zivilgesellschaftliche Gruppen in einem mit Sperrbändern abgetrennten und von Security bewachten Bereich neben der Mensa Pappschilder in die Höhe halten. Die Menschen über ihren Laptops wenden ihre Köpfe nur in jenen seltenen Momenten, in denen das Megafon eine der «Climate Justice Now»-Wiederholungen besonders unangenehm rückkoppelt.

Teilnehmer:innen der Klimakonferenz bei einer spontanen Strategiebesprechung
Die Verhandlungen sind chronisch blockiert: Spontane Strategiebesprechung von Teilnehmer:innen der Klimakonferenz.

Mittwoch in Nairobi

Felix Wertli ist Umweltbotschafter der Schweiz. Der Geograf ist Ende vierzig und hat seine Funktion seit gut drei Jahren inne. Gefragt nach der Stimmung hier, sagt er, dass «in den Verhandlungen die Stimmung nicht immer im Vordergrund steht». Wichtig seien die konkreten Artikel, über die hier verhandelt werde. Zum Beispiel treibe ihn gerade Artikel 2.1c um, in dem es um Finanzflüsse geht: darum, sie in klimafreundliche Bahnen zu lenken.

Das wichtigste Ziel für ihn in Bonn und an der diesjährigen COP, die in der Türkei stattfinden wird, sei es aber, die «Friends of Science»-Koalition zusammenzuhalten, die sich gerade formiert und auf deren Pressekonferenz er sich an diesem Tag vorbereitet. Dieser Staatenkoalition geht es wiederum nicht um einzelne Artikel, sondern um Grundsätzliches, wie sich an dieser Pressekonferenz zeigen wird.

Der Raum «Nairobi 4» ist für Pressekonferenzen gedacht und füllt sich nur selten. Am Mittwochnachmittag ist er aber gerappelt voll. Eine Vertreterin des Sekretariats wird diese Pressekonferenz später als «Highlight» von Bonn bezeichnen, sicher nicht ein besonders gutes Zeichen für die Resultate der Konferenz.

Auf der Bühne sitzt Felix Wertli für die Schweiz mit Vertreter:innen etwa aus Nepal, Fidschi und Sierra Leone, den erwähnten «Friends of Science», und er wählt markige Worte. Es geht darum, wie die Wissenschaft an diesen Verhandlungen – und in diesen Zeiten – attackiert werde und dass es sie zu verteidigen gelte. Gefragt, wer genau die Wissenschaft angreife, will aber niemand die Missetäter:innen nennen. Das müsse man nicht, sagt Sindra Sharma, die auf der Bühne die Zivilgesellschaft vertritt, «das wissen Sie ja schon alle». Eine Pressekonferenz, eigens um Verhandlungsparteien anzuschwärzen, die aber niemand namentlich nennen will: Das Spiel mit Information ist in Bonn allgegenwärtig. Doch tatsächlich wissen alle, dass Saudi-Arabien einen fossilen Block anführt, der Verweise auf die Wissenschaft abzuschwächen versucht.

Abschluss in New York

Am Donnerstagabend um acht sind die feinsäuberlich alphabetisch mit Ländernamen beschrifteten Plätze im Plenarsaal «New York» fast alle leer. Es ist der letzte Tag der Konferenz, hier werden sich alle einfinden, wenn sich die Verhandlungsgruppen in ihren Themenbereichen auf einen Text geeinigt haben. Doch das wird noch lange dauern. In jener Gruppe, in der es um die Anpassung der Welt an die Klimaerhitzung geht, schlagen sich die Verhandler:innen zum Beispiel «immer noch die Köpfe ein», sagt eine aus der Freundesgruppe vom Montag im Vorbeigehen. Sehr vereinfacht gesagt ist das Problem: Der Globale Süden will, dass der Globale Norden verspricht, die Finanzierungszusagen für die Anpassung im Globalen Süden zu verdreifachen. Der Globale Norden weigert sich.

Am Ende stellen fast alle Unterverhandlungsgruppen ihre Texte fertig. Kurz vor Mitternacht einigen sich die Delegierten in «New York» zum Beispiel darauf, wie ein gerechter Übergang in eine klimafreundlichere Welt aussehen soll. Dass dabei wenig substanziell Neues entsteht, hört man auch dem Uno-Klimachef Simon Stiell an, der an der Konferenz bemängelt, dass das Verhalten mancher «Gruppen» ein «Rezept für Stillstand» sei und es nichts bringe, bereits vereinbarte Verpflichtungen wieder auf den Tisch zu bringen. In manchen Punkten konnten sich die Delegierten gar nicht einigen: Die Frage, ob die Mittel zur Anpassung an die Klimaerhitzung im Globalen Süden verdreifacht werden sollen, bleibt etwa unbeantwortet. Die Resultate aus Bonn werden jetzt an die COP geschickt. Dort werden sie weiterverhandelt. Und sofern sich die Länder einigen können, werden sie offiziell zu einem Teil des Regelwerks rund um das Pariser Abkommen.

Die Freund:innengruppe trifft sich an diesem Abend nicht mehr. Jemand ist schon früher abgereist, die anderen beendeten die Arbeit in verschiedenen Gruppen zu unterschiedlichen Zeiten. Spätestens im November werden sie sich wiedersehen, wenn im türkischen Antalya die COP beginnt. Und sich dabei auch über die neusten Entwicklungen im Privatleben updaten. ●