Kommentar : Ahnungslos auf dem Acker
Bei der Agrarforschung des Bundes zu kürzen, ist keine gute Idee, findet Bettina Dyttrich.
Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung, streicht 58 Vollzeitstellen. Das gab der Bund letzte Woche bekannt. Aufgrund der bereits beschlossenen Sparmassnahmen sei eine «thematische Fokussierung des Forschungsportfolios notwendig». Heute hat Agroscope 951 Vollzeitstellen.
Lange ging es in der staatlichen Agrarforschung vor allem um eins: höhere Erträge. Mehrmals fanden bei Agroscope Gentechversuche von fragwürdigem Nutzen statt. Doch die Institution auf das Problematische zu reduzieren, würde ihr nicht gerecht.
Heute wird erfreulich breit und divers geforscht: etwa über resistente Rebsorten, die Bekämpfung von Problempflanzen ohne Herbizide oder den Umgang mit Wasserknappheit; über die Fragen, wie stark Spritzmittel zur Belastung mit den «Ewigkeitschemikalien» PFAS beitragen; welcher Sauerteig besonders gesund ist und welche Folgen es hat, wenn der Altersdurchschnitt der landwirtschaftlichen Betriebsleiter:innen steigt. Das ist nicht Forschung für «die Bauern» – sie kommt der breiten Bevölkerung zugute.
Das Wetter wird unberechenbarer: Hitzewellen, Dürren, Starkniederschläge. Ausgerechnet in diesen Zeiten bei der Agrarforschung zu sparen, ist fahrlässig. Und die Ernährung ist hierzulande noch lange nicht nachhaltig. Auch eine Bevölkerungsumfrage zu diesem Thema gehört zu den aktuellen Aktivitäten von Agroscope. Nachhaltig heisst unter anderem: mehr pflanzliche, weniger tierische Lebensmittel – ein Thema, auf das die meisten landwirtschaftsnahen Politiker:innen allergisch reagieren. Zwei davon sitzen bekanntlich in der Regierung. Ist dem Bundesrat die eigene Forschungsanstalt zu progressiv geworden?
Wenn der Bund die Forschung ausdünnt, entstehen nicht nur gefährliche Wissenslücken. Es gibt auch genug profitorientierte Firmen, die gern in die Bresche springen. Dann kommen die Infos über Dünger und Spritzmittel direkt vom Chemiekonzern, Tierhalter:innen werden von der Futtermittelindustrie beraten. Nachhaltiger wird die Branche damit ganz sicher nicht. ●