Kunst : Göttliche Materialorgien

Nr. 26 –

Cao Fei ist eine Meisterin der schillernden Subversion, wie zwei Ausstellungen in Mailand und Basel zeigen.

Still aus dem Video «Asia One»: ein aufblasbarer Oktopus neben einer Paketrutsche in einem Lagerhaus
Liebe in Zeiten der Automatisierung: Im Video «Asia One» verhandelt Cao Fei ein Beziehungsdreieck zwischen zwei Angestellten und einem Warenhausroboter (in Anwesenheit eines Oktopus). Courtesy Sprüth Magers

Der Boom der KI fordert auch die zeitgenössische Kunst heraus. Künstler:innen experimentieren mit den neuen Instrumenten. Zu den spannenderen Resultaten gehört das, was man als neues Genre einer Kunst der Technikfolgenabschätzung klassifizieren könnte.

Eine der kraftvollsten Exponent:innen einer solchen nicht nur ästhetisch, sondern auch gesellschaftlich brisanten multimedialen Kunst ist die chinesische Künstlerin Cao Fei. Seit Jahren seziert sie die lebensweltlichen Folgen der informationstechnologischen Revolution. Mit ihren filmischen Werken zur Logistik legt sie das Nervensystem des unaufhaltsamen Aufstiegs Chinas und der Globalisierung blank. Neuerdings interessiert sich Fei für Drohnen. «Dash» heisst ihr jüngster Werkkomplex, den die Fondazione Prada Milano zeigt. «To dash», herumflitzen, bezeichnet ihr Bewegungsmuster.

Feis Recherche dreht sich um vordergründig harmlose landwirtschaftliche Drohnen. Sie verbinden sich in China und Südostasien mit dem optimistischen Zukunftsszenario der «smart agriculture». In diese führt die Künstlerin uns mithilfe eines Settings ein, das an eine Industriemesse erinnert: mit Dokumentationsmaterial, Demovideos, einem Modell der Agrodrohnenfirma XAG und sogar einer gameartigen VR-Simulation.

Mit der Drohne wird Landwirtschaft zum Spiel, lernen wir. Schluss mit der ungesunden Arbeit im Pestizidnebel! Mühelose Bedienung der App auch durch Frauen oder Ältere. Die Gamifizierung der Landwirtschaft lockt sogar die längst abgewanderte Jugend zurück ins Dorf. Ein Thema, das in China aufgrund der absehbar besonders rasanten Schrumpfung und Überalterung der Bevölkerung hochbrisant ist. Konstruktive Lösungen werden händeringend gesucht, Agrodrohnen bieten sich als kleine Helfer an. Kurz blitzt der Verdacht auf, dass die Firma XAG ein hyperironischer Fake ist (nein, ist sie nicht).

Oder ist die nach wie vor in China lebende Künstlerin, die Interviews zu politischen Fragen kategorisch ablehnt, gar ein besonders hochgezüchtetes Trojanisches Pferd? Eine ganz spezielle Kreuzung von Marketing und Propaganda, Kunst mit chinesischen Eigenschaften sozusagen? Immerhin gelingt ihr seit gut zwanzig Jahren der Spagat, sowohl an angesehenen westlichen als auch an bedeutenden chinesischen Biennalen und Kunstinstitutionen gleichermassen präsent zu sein. Luxusfirmen wie Prada, Louis Vuitton oder Audemars Piguet, die in China (noch) grosse Geschäfte machen, fördern sie vorbehaltlos.

Das funktioniert, weil Cao Fei eine Meisterin der indirekten Kritik ist. So hält sie etwa in «Dash» gleich noch die kaleidoskopartige Brechung des agrofuturistischen Fortschrittsnarrativs in Form sich verästelnder Parallelerzählungen parat. Nach der XAG-Gehirnwäsche etwa landen wir in einer eindrücklichen Präsentation historischer Propaganda zur Modernisierung der Landwirtschaft in der Volksrepublik China seit Mao. Dessen wichtigstes Modernisierungsprojekt ist bekannt als «Grosser Sprung nach vorn», nur mündete dieser «Sprung» bekanntlich in eine humanitäre Katastrophe: Er führte um 1960 zu einer Hungersnot mit Millionen Toten.

Altäre für Drohnen

Die Künstlerin ritzt zwar auch hier kein Tabu; die Partei hat die damaligen Fehler längst eingestanden. Aber mit der historischen Folie zeigt sie, warum die heutigen Werbediskurse von Firmen wie XAG auf fruchtbaren Boden fallen: Sie reaktivieren etablierte Propagandamodelle und bewirtschaften die gerade in China tief verwurzelte Angst vor Hunger. Angesichts der immer brüchigeren Wohlstandsversprechen der Kommunistischen Partei Chinas – Stichwort Immobilienkrise – ist das durchaus brisant.

Auch Cao Feis gnadenlose Dokumentation der Begleiterscheinungen der «smart agriculture» spricht Bände, sobald man etwas genauer hinschaut: Die Agrodrohnen mögen die Landarbeit erleichtern, schaffen aber neue Abhängigkeiten. Die Drohnen entstehen in monotoner Fabrikarbeit und brauchen wie alle Technologie aufwendigen Support. Ökologie? Eher Fehlanzeige. Ein einziger Sandsturm verwandelt ein «smartes» Aufforstungsprojekt am Rand der Wüste Taklamakan in ein Plastikmülldebakel. Auch regelt niemand, was da so alles versprüht wird.

Enthusiastische vietnamesische Drohnenbäuer:innen haben wohl die Geschichte ihres eigenen Landes vergessen: Mit Flugzeugen versprühten die Amerikaner im Vietnamkrieg das hochgiftige Entlaubungsmittel Agent Orange, das schwerste Missbildungen bei einer ganzen Generation zur Folge hatte. Cao Fei spart militärische Themen nur allzu deutlich aus. Denn dass sämtliche herkömmlichen Verteidigungsstrategien seit dem Aufkommen militärischer Drohnen Makulatur sind, sehen wir seit dem Krieg gegen die Ukraine. Dass sich Landwirtschaftsdrohnen ganz nebenbei auch ideal zur Überwachung eignen, liegt ohnehin auf der Hand.

Die Recherchen von Cao Fei gipfeln in einem mit Fantasy-Elementen versetzten Kunstfilm, zu dem sie ihr reichhaltiges Material verwebt. Es geht ihr dabei um das animistische Verhältnis der Landwirt:innen zu den Agrodrohnen: Man errichtet ihnen sogar Altäre. Im vertiefenden Katalog wird dazu passend die von Günther Anders schon 1956 ausgerufene «Antiquiertheit des Menschen», seine Hilflosigkeit angesichts des rasanten technologischen Wandels, zitiert.

Feis künstlerische Strategie lässt platte Technologiekritik alt aussehen. Sie setzt uns gezielt einer Flut widersprüchlicher Informationen aus: «Smart agriculture» hat positive wie negative Aspekte. Aber wer trägt die Verantwortung für negative Folgen? Die erschütternde Antwort, die die gewiefte Künstlerin suggeriert, lautet: Niemand.

Eifersüchtige Roboter

Es trifft sich gut, dass das Kunstmuseum Basel Gegenwart Cao Feis vielschichtigem Werk derzeit eine umfassende Retrospektive mit dem Titel «Testimonies to the Near Future» widmet. Unmittelbar mitreissend sind die Hip-Hop-Clips aus verschiedenen Metropolen im Parterre, sozusagen Tiktok-Soziologie. Mit genügend Zeit kann man in Feis umfangreiches Filmschaffen eintauchen. Das gesamte Haus entpuppt sich als Modell einer fiktiven Stadt, bestehend aus älteren und neueren Werkgruppen. Den roten Faden bildet neben Feis künstlerischem Interesse an der Filmgeschichte, an Performance und musikalischen Subkulturen ihre Auseinandersetzung mit der entfesselten chinesischen Warenproduktion.

So entlarvt ihr Video zu den Arbeitsbedingungen für die Kuriere der «letzten Meile» beim chinesischen Liefergiganten JD ein ausbeuterisches System. Das voll automatisierte Warenlager Asia One in Schanghai macht sie (mit Dreherlaubnis der Firma, die sicher stolz auf ihre Roboter ist) zur Kulisse einer hintersinnigen Dreiecksstory zwischen zwei Angestellten und einem eifersüchtigen Roboter.

Die Schau gipfelt in der Apotheose einer Materialorgie made in China. Man kann sich in einem Pool mit vielen rosa Plastikbubbles suhlen, den ein aufgeblasener blauer Krake überwacht. Inmitten der Bubbles beschleicht einen jedoch auch der Gedanke, dass Feis bisher sehr erfolgreicher witzig-subversiver Ansatz, ein auch weltweit aus dem Ruder gelaufenes System mittels exzessiver Bestätigung kritisch vorzuführen, hier, wie wir, in der Menge der bunten Bubbles unterzugehen droht. ●

▶ Die Ausstellung «Dash» in der Fondazione Prada in Mailand läuft noch bis am 28. September 2026, «Testimonies to the Near Future» im Kunstmuseum Basel bis am 11. Oktober 2026.