Leitartikel : Verzweiflung ist nicht angebracht

Nr. 26 –

Kurzfristige Abkühlung finden wir vielleicht im See, aber die langfristige in einem neuen Wirtschaftsmodell, meint Sarah Schmalz.

Man könnte in diesen Hitzetagen in eine entspannte Lethargie verfallen, wäre da nicht das Unheilvolle, das mitschwingt. Diese düstere Ahnung, die Jahr für Jahr klarere Gestalt annimmt. Dieser Sommer führt schonungslos vor Augen, wie nahe an die Kipppunkte uns das Nichthandeln bereits geführt hat, wie verheerend die Auswirkungen der Klimaerhitzung heute schon sind. Die Gewässer in Europa erhitzen sich in Rekordzeit, was in naher Zukunft zu Problemen bei der Trinkwasserversorgung führen kann. Felder vertrocknen. Menschen sterben.

So wie in Zürich, wo beim heftigen Unwetter von letztem Freitag ein Ast auf eine Jugendliche herunterstürzte. Expert:innen warnen schon lange vor dieser Gefahr, weil durch den Klimawandel nicht nur die Gewitter stärker werden, sondern auch die Bäume morscher.

Die sozialen Folgen des Klimawandels sind zwar global sehr ungleich verteilt, doch der Sommer wird auch hier immer mehr zur Gefahr. Ein Fakt, der unterschwellig auch bei all jenen Unbehagen auslösen muss, die bislang auf die Krise mit Verdrängung reagieren. Während die bisherige Normalität erodiert, wird verzweifelt an ihr festgehalten – und die Erderhitzung mit Flügen ans Mittelmeer und klimatisierten SUVs weiter angeheizt. Strategien für Privilegierte, die sich die Abschottung gegen die Klimakrise leisten können.

Man könnte verzweifeln: Die Klimabewegung ist tot – so heisst es. An den Schaltstellen der Macht sitzen Männer, die den fossilen Faschismus vorantreiben und auf das Grundgefühl der zunehmenden Erosion barbarische Antworten liefern: Einbunkerung, nationalistische Abschottung, weisse Vorherrschaft. Doch Verzweiflung ist nicht angebracht, denn die Zukunft ist nicht so vorherbestimmt, wie sie sich bisweilen anfühlt.

Zuversicht lässt sich aus der Tatsache schöpfen, dass Erosion immer auch Potenzial für progressive Aufbrüche bietet. Der sich anbahnende Klimakollaps legt offen, dass das Versprechen eines grünen kapitalistischen Wachstums hinfällig geworden ist. Die Klimabewegung hat sich vor diesem Hintergrund zwar verkleinert, aber auch radikalisiert. Kapitalismuskritik ist hier zum Konsens geworden. Global vernetzen sich Expert:innen, die alternative Wirtschaftsmodelle entwickeln, die sich an Wachstumsgrenzen und Allgemeinwohl orientieren. Und sie drängen damit an eine breitere Öffentlichkeit: Als Anfang Juni 45 Ökonom:innen aus der ganzen Welt einen «Global Justice Report» mit Vorschlägen für den gerechten Umbau der Wirtschaft veröffentlicht haben, bot ihnen das linksliberale Leitmedium «Guardian» viel Platz, um diese Vision in einem Gastartikel zu präsentieren.

Damit diese Konzepte zum Durchbruch kommen, muss die Protestbewegung in ihrer radikalisierten Form wieder wachsen und den Status quo herausfordern.

Viele Schäden, die der Klimawandel bereits verursacht hat, sind weitgehend unumkehrbar, etwa das Abschmelzen grosser Teile des Grönlandeises oder der Anstieg des Meeresspiegels. Andere Folgen jedoch wären reversibel, würden wir die CO₂-Reduktion möglichst rasch drastisch senken: Die Temperaturen würden sich stabilisieren – und dann wohl über Jahrzehnte bis Jahrhunderte wieder sinken. Extremwetterereignisse würden abnehmen; auch die Erwärmung der Meere und ihre Versauerung liessen sich langfristig wieder entschärfen. Diese Prozesse würden alle sehr langsam vonstattengehen. Und doch: Wäre es nicht ein fundamental anderes Lebensgefühl, wenn die Katastrophen, die uns heute heimsuchen, nicht die Vorboten einer noch schlimmeren Zukunft wären? Wenn wir heute damit begännen, die versehrte Welt langsam für kommende Generationen zu reparieren – so gut das eben noch geht? ●