Leser:innenbriefe

Nr. 26 –

Und die Nachfrage?

«Ökokommunismus: ‹Wir brauchen einen dunklen Sozialismus›», WOZ Nr. 24/26

Gemäss Kohei Saito lautet das Problem, dass sich der Kapitalismus am Profit orientiere: «Produziert wird, was Gewinne verspricht – nicht, was notwendig oder gesellschaftlich sinnvoll wäre.» Was er dabei vollkommen verkennt: Profit entsteht nur, wenn Waren und Dienstleistungen auch eine Käuferschaft finden. Diese lässt sich zwar mit Werbung beeinflussen – letztlich aber entscheiden die Konsument:innen autonom, welche Produkte sie «sinnvoll» finden und zum geforderten Preis kaufen oder nicht (so viel Mündigkeit sollten auch und gerade wir Linken den Menschen zubilligen).

Der Kampf für ressourcen- und klimaschonendes, sinnvolles Wirtschaften muss also nicht bei den profitgierigen Anbietern ansetzen, sondern bei der Nachfrage. Deren Lenkung kann demokratisch legitimierte Regulierungen und Verbote von Produkten erfordern; wünschenswerter sind Bildung, Aufklärung, Lenkungsabgaben, finanzielle Anreize oder das Bereitstellen von Infrastruktur für die Kreislaufwirtschaft (Brockenhäuser, Secondhandplattformen …). So verläuft der Weg zu vernünftigerem Konsum – vulgärmarxistisches Profitbashing hilft da nicht weiter.

Toni Koller, Bern

Gefährdetes Kulturgut

«Spatzen auf Kanonen: Gut gemeinte Schnapsidee», WOZ Nr. 24/26

Mit Vergnügen habe ich den Artikel gelesen. Allerdings liegt die Autorin in einem Punkt daneben: Eine Aufnahme in die Unesco-Liste bedeutet nicht automatisch, dass ein Ort unter eine Käseglocke gestellt wird. Venedig kämpft derzeit nicht gegen den Unesco-Welterbe-Titel, sondern dagegen, auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes zu landen.

Vielleicht wäre das sogar die passendere Kategorie für die Zürcher Langstrasse, gefährdet durch Gentrifizierung, Overtourism, steigende Mieten und periodische Ausbrüche städtischer Erregung – gewissermassen der «Italienerkrawall» in Dauerbetrieb, einfach mit besserem Kaffee und mehr Craft Beer.

Die Langstrasse als Unesco-Welterbe ist tatsächlich eine Schnapsidee. Die Langstrasse als gefährdetes Kulturgut hingegen? Das wäre wenigstens konsequent. Schliesslich verschwinden auch dort langsam jene Menschen und Milieus, die das Quartier einst ausmachten – ähnlich wie in Venedig die Einheimischen den Touristen weichen.

Vielleicht sollte man deshalb nicht über eine Unesco-Auszeichnung lachen, sondern sich fragen, weshalb Orte erst dann schützenswert erscheinen, wenn sie bereits dabei sind, ihre Seele zu verlieren.

Claudio Vallan, Olten

Knochen- und Feinarbeit

«Analyse: Die Schweiz tickt anders», WOZ Nr. 25/26

Danke vielmal für euer grossartiges Manifest, für euren Aufruf, zu feiern, für alle Beiträge und Kommentare gegen die SVP-Initiative. Wir haben eine fantastische Wende hingelegt!

Der Artikel in der letzten WOZ hat in mir eine besonders grosse Resonanz erzeugt. Diese Schweiz, die anders tickt, stand auf den Schultern jener Bewegungen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf lustvolle und mutige Art diesem Land einen neuen Widerstand vorgelebt haben: die Black-Lives-Matter -Demos, der Frauenstreik, die Ausstellung «Wir, Saisonniers …» in Genf, Biel und Zürich, Kollektive wie Solidarité sans frontières, Map-F, Spaz, die Klimajugend, das Ensemble des Theaters Hora, die Parity Group der ETH, Samirs Film über die Arbeiter:innenklasse, das Institut Neue Schweiz, die Aufarbeitung der «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen», die Anerkennung des Leidens der Jenischen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das Roma Jam Session Art Kollektiv, das Besetzer:innenkollektiv des Bührer-Areals am Quais du Bas 30 in Biel, die Allianz gegen Racial Profiling, Bla*Sh, der Gender-Campus der Uni Bern, die Unia, der VPOD – you name it …

Die Dynamik hin zu einem deutlichen Nein in so kurzer Zeit wäre ohne die schöpferische, kraftvolle, breite öffentliche Vorarbeit (Knochen- und Feinarbeit!) all dieser Menschen nicht möglich gewesen. Wann immer ich sie darum bat zu mobilisieren, haben sie, ohne zu zögern, in ihren Netzwerken gegen die Initiative mobilisiert. Ein ganz grosses Dankeschön an sie für ihr grosses Engagement! Da liegt ein grosses Potenzial für die Demokratisierung der Schweiz.

Paola De Martin, Vorstandsmitglied Verein Tesoro, per E-Mail