Psychologie : Mantra der optimierten Gesellschaft
Seelische Widerstandskraft kann lebensrettend sein – doch die politische und ökonomische Instrumentalisierung von Resilienz verdeckt auch Verantwortung.
Pasqualina Perrig‑Chiello führte während ihrer jahrzehntelangen Forschungsarbeit viele biografische Interviews. Doch ein Geschwisterpaar blieb ihr besonders im Gedächtnis. Die beiden waren über achtzig Jahre alt, als die Berner Entwicklungspsychologin erstmals für ihre Forschung zu Gesundheit und Wohlbefinden im Alter mit ihnen sprach. Die Frau und der Mann waren einst Verdingkinder gewesen. «Eine extrem harte Erfahrung», sagt Perrig‑Chiello. Dennoch hatten beide eine positive Einstellung. «Die Gelassenheit und die soziale Intelligenz der Geschwister haben mich sehr beeindruckt.» Es gelang ihnen, ein stabiles Leben und Beziehungen aufzubauen.
«Prägend war damals eine verständnisvolle Nachbarin, die sie tröstete und kleine Gesten der Zuwendung zeigte», so Perrig-Chiello. Ebenso entscheidend: «Die Geschwister waren einander sehr zugewandt; der Bruder fühlte sich für die jüngere Schwester verantwortlich.» Sie hätten sich immer gegenseitig Halt gegeben. «Das bestätigt wissenschaftliche Befunde: Ein verlässlicher Mensch und gelebte Verbundenheit können widrige Umstände abpuffern und bis ins Alter tragend sein», sagt Perrig‑Chiello.
Resilienz nennen Fachleute die Fähigkeit, existenzbedrohende Situationen und extremen Stress zu bewältigen, sich zu erholen, sich anzupassen und sich möglicherweise neue psychische Instrumente anzueignen. Gemeint ist damit also nicht Härte um jeden Preis. «Es ist die Fähigkeit, Krisen mit persönlichen und sozialen Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen», fasst Perrig‑Chiello zusammen. Das Wort stammt vom lateinischen «resilire», zurückspringen, und wurde ursprünglich in der Physik verwendet. Dort beschreibt der Begriff die Eigenschaft eines Stoffes, nach einer Verformung in die Ursprungsform zurückzukehren. Von Resilienz wird etwa auch in Bezug auf lebenswichtige Infrastrukturen wie der Wasserversorgung gesprochen.
Optimieren statt überleben
In den vergangenen Jahren hat der Begriff in der Psychologie Karriere gemacht – weit über «Du schaffst das!»-Postkarten hinaus. Ob in Büchern, Podcasts oder Kursen: Resilienz erscheint mitunter wie ein Produkt, das man kaufen und anwenden kann. Allein bei grossen Onlinehändlern finden sich Zehntausende Treffer zum Stichwort; auf Instagram und Spotify kursieren unzählige Angebote. Die Populärliteratur arbeitet gerne mit allgemeinen Weisheiten, so heisst es in einem einschlägigen Ratgeber etwa: «Es kommt nicht darauf an, wie der Wind weht, sondern wie man die Segel setzt.» Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften bietet einen sechswöchigen Onlinekurs für Führungskräfte an, damit diese «handlungsfähig in der Achterbahn des Lebens bleiben». Die Dozierenden heissen «Reisebegleiter». Kostenfaktor: 2400 Franken. Vorausgesetzt wird «die Bereitschaft, an sich zu arbeiten».
In diesem Ratgeberdickicht ist nicht alles zu belächeln oder als unseriös zu betrachten. Vorsicht ist allerdings angebracht, wenn Patentlösungen versprochen werden. Denn bei Widerstandsfähigkeit und Selbstheilung spielen viele Faktoren eine Rolle, biologische, psychologische und psychosoziale. Resilienz ist also multidimensional zu betrachten. Und: Eine abschliessende Antwort, wie Resilienz angelegt ist und wie sie sich konkret weiterentwickelt, gibt es nicht.
Aus wissenschaftlicher Sicht werden die Wurzeln für Resilienz in den ersten Lebensjahren angelegt – und später durch Erfahrungen geformt. Zwar lassen sich die Kompetenzen, die eine starke Psyche ausmachen, auch später noch erlernen, allerdings ist es dann schwieriger.
Die Forschungsliteratur zum Thema wächst laufend. Eine aktuelle Studie wurde im Mai von Wissenschaftler:innen der Universität Kaiserslautern-Landau und der Universität Amsterdam veröffentlicht. Sie legt nahe, dass Resilienz nicht darauf beruht, negative Informationen auszublenden. Vielmehr hängt Widerstandskraft damit zusammen, wie negativ bewertete Reize verarbeitet und reguliert werden. An der Universität Zürich wird derzeit untersucht, wie sich chronischer Stress auswirkt – und wie man sich dagegen wappnen kann. Ebenfalls in Zürich steht auf dem Gelände der Psychiatrischen Universitätsklinik der «Lifegarden», ein Parcours aus fünf grossen, aus Holz gefertigten Installationen. Sie stehen allen offen, «die ihre Resilienz aktiv trainieren möchten». Eine davon, der «Decision Cocoon», soll etwa «klares Denken für gute Entscheidungen» unterstützen, wie es auf der Klinikwebsite heisst.
Wie ist das gestiegene Interesse an der Widerstandsfähigkeit zu erklären? «Die Gesellschaft hatte das Thema lange nicht im Blick», sagt Perrig‑Chiello. «Früher wurde Resilienz einfach vorausgesetzt – und oft extrem eingefordert. Strenge Erziehung war bis weit ins letzte Jahrhundert hinein gang und gäbe: Züchtigung, hohe Erwartungen daran, was ein Kind aushalten sollte.» Heute erkennt Perrig-Chiello den gegenteiligen Trend, vor allem mit Blick auf Kinder. «Eltern räumen ihnen vieles aus dem Weg. In der Wissenschaft sprechen wir nicht mehr nur von Helikopter‑, sondern auch von Schneepflugeltern: Alles, was dem Kind eine Hürde sein könnte, wird beseitigt, und es gibt bei den kleinsten Angelegenheiten ein Supportteam», so Perrig‑Chiello. Aber wenn man einem Kind alle Widrigkeiten und alles, was Stress verursachen könnte, aus dem Weg räume, könne dies nachweislich ebenfalls schädlich sein. «Diese Person lernt nicht, in schwierigen Situationen Selbstverantwortung zu übernehmen und sich zu fragen: Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich?»
Geprägt von Opfern der Nazis
Die Resilienzforschung gibt es seit etwa siebzig Jahren. In ihren Anfängen prägte sie der österreichische Psychiater und Neurologe Viktor E. Frankl, der vier Konzentrationslager überlebte. Wie ihm das gelang? Er habe ein klares Ziel vor Augen gehabt, schreibt Frankl in seinem 1946 veröffentlichten Weltbestseller «… trotzdem Ja zum Leben sagen». Im Lager habe er sich vorgestellt, wie er nach dem Krieg seinen Student:innen von seinen Erfahrungen erzähle. «Posttraumatisches Wachstum» wird dieser Umwandlungsprozess genannt, der Frankl gelungen ist. «Der Januskopf des Traumas erhält durch das posttraumatische Wachstum eine positive Kehrseite», schreibt Herbert Csef in seinem Buch «Trauma und Resilienz in der Psychoanalyse».
Eine der bekanntesten Studien zu Resilienz stammt von der Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Ihre Familie floh vor den Nazis in die USA. Für ihre 1977 veröffentlichte Langzeitstudie begleitete sie während mehrerer Jahrzehnte 698 Kinder des Jahrgangs 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai. Viele wuchsen in widrigen Umständen auf: Armut, Alkoholabhängigkeit der Eltern, häusliche Gewalt und geringe Bildungschancen. Bemerkenswert war, dass etwa ein Drittel der Kinder trotzdem zu psychisch stabilen und sozial erfolgreichen Erwachsenen heranwuchsen. Werner identifizierte Schutzfaktoren, die diese Entwicklung begünstigten. Dazu gehören verlässliche Beziehungen – auch ausserhalb der Familie –, ausgeprägte Problemlösefähigkeiten, ein stabiles Selbstwertgefühl, die Fähigkeit zur Selbstregulation sowie soziale Kompetenz und Offenheit.
Werners Forschung hat eine Suche nach «Resilienzgenen» ausgelöst. Die populäre Diskussion wurde auch an eindrücklichen Einzelgeschichten aufgehängt: Wie ist es beispielsweise der damals neunjährigen Kim Phúc, die während eines Napalmangriffs im Vietnamkrieg dreissig Prozent ihrer Haut verlor und durch ein Foto als «Napalmmädchen» bekannt wurde, gelungen weiterzuleben? Zu studieren und eine Familie zu gründen? Warum war der südafrikanische Freiheitskämpfer Nelson Mandela nach 27 Jahren im Gefängnis kein gebrochener Mann?
Thatchers Erbe
Resilienz hat zunächst eine positive Bedeutung. Wer möchte in schwierigen Situationen nicht stark bleiben? Mittlerweile wird der Begriff auch instrumentalisiert. In Wirtschaft und Politik geht es längst nicht mehr nur um persönliche Fähigkeiten, sondern auch um die gesellschaftliche Erwartung an den Einzelnen, unter widrigen Bedingungen leistungsfähig zu bleiben. Entsprechend wird Resilienz zur Schlüsselkompetenz einer Gegenwart, in der Instabilität als Normalzustand gilt.
Der deutsche Psychologe und Menschenrechtsaktivist Thomas Gebauer warnte 2016, wenn Resilienz eine Fähigkeit sei, die sich mit etwas Training verbessern lasse, könnten sich Regierungen ihrer Schutzpflichten entziehen. «Ein neues Staatsverständnis kann sich ausbreiten: Verantwortung für Armut, Klimafolgen, Gewalt wird an Familien, Kommunen, Unternehmen und schliesslich auf jeden Einzelnen abgewälzt», so Gebauer.
Eine Entwicklung mit Vorgeschichte. Stuart Hall, der 2014 verstorbene Soziologe und Begründer der Cultural Studies, beschrieb bereits in den siebziger und achtziger Jahren, wie der Thatcherismus einen neuen Gesellschaftsbegriff etablierte. Im Zentrum stand die Idee des selbstverantwortlichen Individuums. Demnach soll sich der Staat zurückziehen, während Eigeninitiative und Unternehmergeist gestärkt werden sollen. In dieser Logik des Neoliberalismus werden gesellschaftliche Probleme zu individuellen Herausforderungen umgedeutet. Arbeitslosigkeit, Armut und prekäre Lebensverhältnisse erscheinen weniger als Folge politischer oder wirtschaftlicher Entscheidungen, sondern als Aufgaben, die jede und jeder zu bewältigen hat. Dabei geht es um mehr als um das blosse Durchhalten. Erfolgreich ist, wer aus Krisen gestärkt hervorgeht. Rückschläge werden zu Chancen, Unsicherheit wird zur Gelegenheit für Wachstum. Darin liegt der ideologische Kern dieser Schablone: Durchsetzungsfähigkeit unter widrigen Bedingungen wird zur individuellen Leistung erklärt, während strukturelle Ursachen aus dem Blick geraten.
Stefanie Graefe, Soziologin aus Jena und Autorin des Buches «Resilienz im Krisenkapitalismus», beobachtete die Folgen davon in ihrer Forschung. In Gesprächen mit Menschen, die an einem Burn-out litten, tauche auch häufig eine internalisierte Schuldzuschreibung auf: «Was habe ich falsch gemacht?» Gleichzeitig würden Unternehmen ihren Fokus von Verhältnis‑ zu Verhaltensprävention verschieben, sagt die Soziologin: Statt Arbeitsbedingungen, Mitarbeiter:innenzahl oder die Organisation anzupassen, werden individuelle Techniken angeboten. Die implizite Botschaft: «Du kannst deinen Umgang mit Stress ändern, den Personalmangel oder die Arbeitsbelastung aber nicht.» Parallel dazu verschärft sich vor allem sozialpolitisch ein autoritärer Ton: «Ihr müsst euch anpassen, weil die Lage so ist, wie sie ist», sagt Graefe.
Aus dieser Entwicklung entsteht, so Graefe, womöglich eine «Zweiklassenresilienz»: derjenigen, die das Konzept für eine Optimierung ihrer Performance nutzen können, und derjenigen, die sich mit schwierigen Bedingungen abfinden sollen. Resilienz dient einerseits der Selbstoptimierung mithilfe von psychologischen Techniken, wird aber auch zum Anpassungsimperativ für diejenigen mit schwierigen Bedingungen, verbunden mit der Botschaft, Ansprüche zu senken und die gegebene Situation auszuhalten. So wird Resilienz als Fähigkeit verstanden, verfügbare Ressourcen zu mobilisieren, um Risiken zu bewältigen. Wer Netzwerke nutzt und flexibel auf wechselnde Marktbedingungen reagiert, gilt dabei als vorbildlich – er zeigt Eigenverantwortung und Anpassungsfähigkeit. Graefe sagt jedoch: «Resilienz als Verhaltensprävention im Betrieb – der berühmte Obstteller, arbeitgeberfinanzierte Yoga- oder Stressbewältigungsworkshops – darf nicht ersetzen, was Verhältnisprävention leisten muss: ausreichende Personaldecken, realistische Leistungsvorgaben, planbare Arbeitszeiten, faire Entlohnung und Mitsprache.»
Jenseits der vertrauten Netze
Politische Verantwortung wird noch viel nebliger, wenn es um Personen geht, denen die genannten Schutzmechanismen durch die Flucht aus ihrer Heimat verloren gegangen sind. Was hält der Resilienzdiskurs für Menschen bereit, die weder auf etablierte Problemlösungsmöglichkeiten zurückgreifen können noch die Strukturen des Systems, in dem sie sich befinden, massgeblich beeinflussen können? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Psychologin und Traumatherapeutin Sarah Michalik. Im Kompetenzzentrum für psychische Gesundheit und Migration in Aarau begleitet sie diejenigen, die Krieg, Verfolgung, Flucht und oft jahrelange Unsicherheit erlebt haben.
Viele ihrer Klient:innen leiden unter Traumafolgestörungen, Schlafproblemen, Ängsten oder Depressionen. «Ich bin immer wieder überrascht, wie resilient meine Klienten:innen, die sehr viel Belastung erlebt haben, trotz allem sind», sagt Michalik. Verletzlichkeit und Stärke seien keine Gegensätze, im Gegenteil: «Menschen können belastet und gleichzeitig handlungsfähig sein.»
Die Psychologin beobachtet, dass Personen, die gezwungen waren, sich anzupassen, neu anzufangen oder existenzielle Herausforderungen zu bewältigen, Fähigkeiten entwickeln, die ihnen später helfen. Sie lernen, mit Unsicherheit umzugehen, Rückschläge auszuhalten und nach neuen Lösungen zu suchen. «Man entwickelt eine Kompetenz, nicht zu verzweifeln, sondern weiterzugehen», sagt Michalik. Daraus dürfe aber keinesfalls der Schluss gezogen werden, Krisen seien grundsätzlich etwas Positives. «Niemand sollte absichtlich Belastungen ausgesetzt werden, um daran zu wachsen», betont sie. Entscheidend sei vielmehr, was Menschen während und nach einer Krise erlebten: ob sie Unterstützung erhalten, ob sie Orientierung finden, ob sie trotz allem das Gefühl haben, ihr Leben beeinflussen zu können. Wenn Michalik ihre Klient:innen fragt, was ihnen in den schwierigsten Momenten geholfen habe, erzählt kaum jemand von Therapiekonzepten. Stattdessen berichten viele von einzelnen Begegnungen: von einer Nachbarin, die einfach nur zuhörte; oder von einer Lehrperson, die an sie glaubte.
So ging es auch einem jungen Mann aus Afghanistan, den Michalik lange begleitet hat. Er kam als Minderjähriger allein in die Schweiz, hatte Gewalt erlebt und eine jahrelange Flucht voller Unsicherheiten durchgemacht. Vor einigen Jahren brachte er seiner ehemaligen Therapeutin voller Stolz sein Lehrabschlusszeugnis vorbei – als Jahrgangsbester. Das Unternehmen, in dem er seine Ausbildung gemacht hatte, hatte ihn gefördert, ohne ihn wegen seines Aufenthaltstitels oder mangelnder Sprachkenntnisse zu hinterfragen. «Das Gefühl, gesehen zu werden, macht oft den entscheidenden Unterschied», sagt die Traumatherapeutin. ●