Speis und Kampf : Provence für alle
Wieso wir diesen Sommer (wieder) viel Rosé trinken
Es ist einer dieser Sätze, die den ganzen Habitus der Mittelschicht in sich tragen: «Das schmeckt gut, es ist nicht so süss.» Mässigung, differenzierte Aromen statt Zuckerbombe.
Kein Wunder also, dass Rosé, der Wein mit der lasziven rötlichen Farbe und den oft lieblichen Beerennoten, von Weinkenner:innen lange verschmäht wurde. Ein Getränk, das mit Eiswürfeln am Strand getrunken wird, hat in der Liga des guten Geschmacks nichts verloren.
Doch das ist Schnee von gestern. Weinkenner:innen wie Jon Bon Jovi oder Brad Pitt produzieren längst ihren eigenen Rosé. Pitts aus Südfrankreich stammender Miraval wurde vom US-Magazin «Wine Spectator» sogar einmal zum besten Rosé der Welt gekürt. Auch Kylie Minogue hat ihren eigenen, er prickelt, und seine Trauben werden nachts geerntet (manchmal ist Marketing einfach gelungen).
Hat es mit Asphalt zu tun, dass der Rosé zum Sinnbild des guten Lebens wurde? So mutmasst der Autor des kürzlich erschienenen Bändchens «Rosé. Das Buch zum Wein». 1936 wurde die «Ferienstrasse», die Route Nationale 7 von Paris in die Provence, eröffnet: «Familien aus dem Arbeitermilieu in Paris waren begeistert von der Leichtigkeit des Seins im Süden und diesen fröhlich schimmernden Rosés.» Keine Region der Welt wird so stark mit diesem Wein identifiziert wie die Provence, neunzig Prozent der dort produzierten Flaschen sind Rosés. Diese Region war es auch, in der die Winzerin Régine Sumeire 1985 mit der Direktpressung von Rotweintrauben den modernen Rosé erfunden hat. Wegen seiner charakteristischen blassrosa Farbe, die immer noch viele Weine im Südosten Frankreichs tragen, nannte sie ihren Wein «Pétale de Rose» (Rosenblatt).
Die rosa Farbe entsteht, wenn der Saft von Rotweintrauben bei der Herstellung nur für kurze Zeit mit der Schale in Kontakt kommt. Die Schale gibt so weniger Pigmente und für Rotwein typische schwere Tannine ab. Die provenzalische Methode prägt auch die Aromen: Im Vergleich zu vielen Rosés, bei denen die Süsse tatsächlich manchmal überhandnehmen kann, entstehen dabei eine erfrischende Säure und mineralische Noten.
Heute gibt es in vielen Regionen der Welt Rosé von hoher Qualität, auch weil eine Methode zurückgedrängt wurde, bei der dieser eine Art Abfallprodukt der Rotweinproduktion war. Er birgt heute vielleicht auch etwas Hoffnung für die Traditionsbranche, denn während der Umsatz von Weiss- und Schaumwein leicht und der von Rotwein stark zurückgeht, bleibt der von Rosé stabil. Es gibt mittlerweile auch Flaschen für 200 Franken.
Wer nun also die subversive Aneignung eines verschmähten Massengetränks im Sinn hat, ist ein bisschen spät dran. Aber das mit Rosé verbundene Lebensgefühl, das wünschen wir wirklich allen. ●