Wetterleuchten : Neue Strategien gegen Lebenszeitbetrug
Daniel Hackbarth über Jobtrends und die Bewegung weg vom Primat des Broterwerbs
Social Media frisst unerbittlich Lebenszeit, und das manchmal auch noch auf geistreiche Weise. Gerade kursieren viele Memes zum schwer angesagten Popsong «Gut genug», darunter Clips, in denen sich User:innen beim lustvollen Faulenzen im «Homeoffice» (also im Park oder am See) filmen und dabei anstelle des eigentlichen Refrains das Wortungetüm «Arbeitszeitbetrug» über die Musik flöten. Das Lied – eigentlich eine Aufforderung zur Selbstakzeptanz in Zeiten des Optimierungswahns – wird dadurch zum Lobgesang darauf, sich der Zumutung zu widersetzen, einem Beruf nachgehen zu müssen.
Kürzlich widmete sich auch die NZZ Beispielen für «ehrenlosen Arbeitszeitbetrug» (steht wirklich so da). Man ist alarmiert: Da ist beispielsweise eine junge Frau, die online zum Schummeln anleitet, etwa mittels eines «mouse jiggler», der vortäuscht, die Maus am Laptop würde bewegt. Oder ein junger Mann, der seinen Job dank eines selbstgeschriebenen Programms «vor zwei Jahren» vollständig automatisiert haben will, sodass seine Arbeitswoche jetzt am Montag um neun Uhr beginnt und fünf Minuten später wieder endet («Den Rest der Zeit zock ich»).
«Weder eine Bagatelle noch ein Grund zur Bewunderung» sei das, so der kontrafaktische Befund der NZZ. Das Bürgertum sorgt sich um die Leistungsbereitschaft im Volk, wie auch die Kampagnen gegen die Teilzeitarbeit und gegen die mit dem Berufsleben fremdelnde Gen Z belegen. Zumal laut der Zeitung nicht nur das Homeoffice, sondern auch das Büro viele Möglichkeiten bietet: So kann man etwa die Tasche am Pult stehen und den Rechner laufen lassen, um Präsenz zu markieren, während man längst beim Bier am Tresen lümmelt.
Sollte die Bereitschaft, seine Existenz bedingungslos dem Broterwerb unterzuordnen, wirklich schwinden, wäre das eine gute Nachricht. Wo man in der Chefetage bloss Arbeitszeitbetrug wittert, kann man auch erfrischenden Widerstandsgeist ausmachen: Schliesslich handelt es sich bei der Lohnarbeit immer noch in erster Linie um Lebenszeitbetrug. Nicht von ungefähr kämpften Gewerkschaften von Anfang an für eine Begrenzung des Arbeitstages.
Der italienische Operaismus rückte später unkonventionellere Kampfformen, die subjektiv womöglich nicht mal als solche empfunden werden, in den Blick, etwa das Blaumachen oder das Bummeln. Während der Marxismus klassischerweise nach Gesetzmässigkeiten suchte, die den Kapitalismus kollabieren lassen würden, stellten die Operaist:innen eine andere Frage: Wie bewerkstelligt es das Kapital eigentlich, dass sich die Arbeiter:innen täglich aufs Neue zur Produktivkraft objektivieren lassen, statt sich dem einfach zu verweigern?
Dahinter stand der Gedanke, dass Menschen eben nicht Maschinen sind, sie deshalb auch nie ganz im Verwertungsprozess aufgehen. Deswegen steht das Kapital stets vor der Herausforderung, sein Menschenmaterial zu domestizieren, weil das nicht einfach von Haus aus immer schön funktioniert.
So gesehen wäre ein Ende des ganzen Elends zum Greifen nahe: Man müsste bloss aufhören, sich stets aufs Neue zu fügen. In der Praxis hat sich der Kapitalismus trotzdem als zählebig erwiesen. Zumindest aber lässt der Trend zur Abschaffung des eigenen Bullshitjobs bei vollem Lohnausgleich hoffen, dass er vielleicht doch nicht ganz so populär ist, wie es bisweilen scheint. ●
An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.