Zürcher Konzertreihe : Im lebendigen Winkel
Die Boschbar bespielt seit dreissig Jahren eine der besten Nischen der Stadt. Wie hat sie das geschafft?
«Gehen wir noch in die Bosch?» Wenn jemand diesen Satz sagt, ist es vermutlich ein guter Montagabend. Wer um 22 Uhr noch parat ist, sich ein Konzert anzuhören, muss am Dienstag eher nicht früh raus. Aber vor allem gibt es in diesem toten Winkel der Woche aufregende Musik zu hören – es ist kaum ein Risiko, das Programm vorher nicht zu studieren. Auf die Boschbar ist Verlass, jeden Montagabend, seit unglaublichen dreissig Jahren.
Die Bosch, heute im Provitreff im Zürcher Kreis 5 einquartiert, ist ein Fels in der Brandung von Kommerz und Eventkultur. Geld verdient hier niemand, die Konzertreihe gibt es dank Freiwilligenarbeit. Der Eintritt von fünf Franken geht an die Bands. Deko gibt es kaum, an der Bar eine kleine Getränkeauswahl. Die Bands spielen meist am Boden vor dem Publikum, das von Abend zu Abend stark variiert. Man weiss nie, wen man in der Bosch antrifft. Das Programm ist konstant gut, reicht von angesagten jungen Bands über diverse Nischen bis zu Undergroundlegenden. Die Bands kommen gern; hier zu spielen, ist unvergleichbar. Manche verzichten sogar auf eine Gage.
Die Leuchtreklame weist den Weg
Wie schafft man es, eine Konzertreihe über eine so lange Zeit lebendig zu halten? Auskunft geben Nina Seiler, die schon lange Gast in der Bosch gewesen war, bevor sie vor drei Jahren Teil des Kollektivs wurde, und Thomas Tobler, seit der Anfangszeit dabei. Entscheidend sei die Organisation, sagt Seiler. Vier Gruppen von je vier bis acht Leuten mit breitem Altersspektrum programmieren je einen Montag pro Monat. «So bleiben wir offen für viele musikalische Einflüsse, die Gruppen buchen autonom und reden sich auch nicht rein.» Seit der Anfangszeit machen sie es so. «Es geht auch darum, dass wir nicht ausbrennen – zwölf Konzerte pro Jahr organisieren, das geht gerade noch als Hobby durch», sagt Tobler.
Die Boschbar geht auf die illegale Barszene im Zürich der neunziger Jahre zurück. Vor der Liberalisierung des Gastgewerbes 1998 florieren diese Bars und Kulturlokale, von den Behörden toleriert, weil das legale Angebot nicht reicht. In einem Gebäude an der Geroldstrasse, wo heute der Club Hive ist, betreibt der Kurier Veloblitz ein Büro mit Küche. Dort laufen 1996 Spiele der Fussball-EM. Bald ist in der Küche auch Kultur zu geniessen, Lesungen, DJ-Sets, etwas später Konzerte.
Die illegalen Bars verteilen ihre Aktivitäten auf die Woche, an der Geroldstrasse einigt man sich auf den Montag. Anfangs kommen viele, die in der Gastro arbeiten, oder auch solche, die einen Bogen ums Wochenende machen. Bald kommt der Name hinzu, damals auch Orientierungshilfe: Wer zum Lokal gelangen will, passiert eine Badmintonhalle, die noch heute dort steht, und blickt an ihr vorbei übers Gleisfeld auf die Leuchtreklame eines Werkzeugherstellers, die den Weg weist: «Bosch».
Über die Jahre ändert sich wenig. Bald zieht der Veloblitz aus, die Boschbar übernimmt als Verein die Räume, baut eine Bühne, mittlerweile laufen vor allem Konzerte. Das Jahr 2005 ist eine Zäsur: Die Polizei fährt mit einer riesigen Razzia auf dem Areal ein, sie richtet sich vor allem gegen die Technoclubs Spidergalaxy und Stoffwechsel, wo viele Drogen gefunden werden, aber auch gegen die Boschbar. Nach der Razzia kann sie die strengen Auflagen der Stadt nicht erfüllen, ist ein Jahr lang obdachlos und organisiert Konzerte in Lokalen wie der Dachkantine oder der Totalbar. Danach mietet sie sich im Provitreff am Sihlquai ein. Der Mehrzweckraum ist nicht das charmanteste Lokal der Stadt, doch der schmucklose Minimalismus passt zur Bosch.
Auch eine grossartige Disco
Gerade wird eine Erhöhung des Eintrittspreises diskutiert, den sinkenden Alkoholkonsum spürt auch die Boschbar. Seit drei Jahren wird sie darum von der Stadt mit einem kleinen Beitrag unterstützt. Und: «Wir haben nicht weniger Publikum als vor zehn, fünfzehn Jahren, aber die Leute kommen früher und gehen früher», sagt Tobler. Seiler erinnert sich: «Vor der Pandemie war es für viele üblich, erst um zwei noch in die Bosch zu kommen, heute sind viele um halb eins schon weg.»
An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die Bosch nicht zuletzt auch eine grossartige Disco ist. Die DJs legen nach dem Konzert so lange auf, wie es Publikum hat. Der Stadt würde es guttun, auch am Montag wieder mehr zu tanzen. ●
▶ Jubiläumsfest mit Mouche-Miel und None Of Them und anderen: Zürich, Provitreff, Sa, 27. Juni 2026, 21 Uhr.