Alwa Alibi : Magische Hände und Schraubenzieher
Die Berner Rapperin erfindet sich laufend neu. Aktuell vergnügt sie sich damit, Männlichkeit zu spielen. Ironie, Provokation oder Begehren?
In der Musik, findet Estelle Plüss, gebe es gerade wenig Raum für Fiktion. Auch deswegen wird auf ihrer neusten EP ihr Alter Ego Alwa Alibi zum «Dreamgirl», auf das alle Frauen stehen und das in einer Garage mit anderen Lesben Autos flickt. Diese Garage aus dem gleichnamigen Lied ist die aktuell wohl coolste kleine Utopie in der Schweizer Musiklandschaft. Ein Ort, an dem Lesben ihre Liebe zueinander und zu Autos ausleben. «Du kannst einfach einen Song schreiben darüber, was du für eine geile Garage hast, und dann gibt es sie auf eine Art», sagt Plüss. Als Kunstfigur Alwa Alibi rappt die 24-Jährige seit vier Jahren, sie singt, rappt und schreibt aber schon, seit sie zwölf ist, auch literarisch.
«Mir hei Magic Hands, mir hei Schrubezieher / Mir wüsse, wie ine, wenn usezieh», singt Alwa Alibi: Wir haben magische Hände, wir haben Schraubenzieher, wir wissen, wie rein, wann rausziehen. Der Song trieft vor Anzüglichkeiten, das Musikvideo dazu ist ein Fest: Plüss hat ganz viele lesbische Menschen in eine Garage zum Herumschrauben und Tanzen eingeladen.
«Ich darf Pop machen»
Estelle Plüss sitzt mit Cap und Adiletten in dem Café im Berner Breitenrainquartier, das ihrer Meinung nach am wenigsten «gentri» ist, und trinkt ein Vivi-Kola zero. Mit dem Bild auf dem EP-Cover – auf dem sie in schwarzem Hemd in einem roten Cabrio posiert – hat ihr Auftritt wenig zu tun, abgesehen von der entspannten Nonchalance, die auch Alwa Alibi auf der Bühne ausstrahlt.
Für Alwa-Alibi-Hörer:innen der ersten Stunde ist die EP «Dreamgirl» eine Überraschung. Auf ihrem ersten Album, «Vo müede Fische und stiue Ching», rappt sie nahe am Spoken Word, findet träumerische Bilder, da ist viel Weltschmerz und Wut. Auf dem zweiten, «Pool», singt sie melodiöser, die Musik ist elektronischer, aber immer noch melancholisch. Auf «Dreamgirl» nun strotzen die Lyrics von überzogenem Selbstwert und wirken beim ersten Hören simpel. Dazu versprüht der polierte R-’n’-B-Sound, produziert von Ben Mühlethaler, vor allem viel Spass.
«Im Rap gibt es diesen Realness-Anspruch», sagt Plüss. Sie habe sich lange daran orientiert und fand, sie brauche «kein Autotune, ich mache keinen Pop, ich will nicht im Radio laufen» – obwohl sie selbst gerne Radio hört und geschliffene Produktionen liebt. Jetzt hat sie sich eingestanden: «Ich darf Pop machen.»
Textlich will sie so singen, wie sie auch ausserhalb der Kunstfigur spricht: mit vielen Anglizismen, geradlinig. «Manchmal hat man Angst davor, dass etwas zu einfach ist», sagt Plüss. Man werde dann schwammig. Dabei zähle nur die gute Story, die auch erst auf den zweiten Blick für mehr stehen könne. Dass Alwa nicht mehr so ernst ist, heisst nicht, dass Plüss ihre Kunst nicht ernst nimmt.
Wie beim Titelsong «Dreamgirl». Die Geschichte: Dein Girl verlässt dich für mich. Erst einmal klassisch und ein im Rap typisches Szenario: Das Gegenüber wird mit Worten fertiggemacht, seine Freundin objektiviert. Und doch ist das bei Alwa Alibi etwas anderes, als wenn es wie üblich ein Mann ist, der diese Geschichte erzählt: «I mache, dass si chunnt / U du machsch, dass si geit» – ich bringe sie zum Kommen, du bringst sie zum Gehen. Bei «Dreamgirl» schwingt mit, wie viele Frauen in heterosexuellen Beziehungen frustriert sind – und die lesbische Liebe wird im Song zu einem überlegenen Lebensentwurf. Plüss sagt: «Ich glaube, das ist das Wahrste an diesem Song: Viele meiner Heterofreundinnen lästern mit mir über ihre Jungs.» Natürlich teilt sie auch darüber hinaus einiges mit ihrer Kunstfigur, zum Beispiel die Freude am Queersein und die Liebe zu Autos.
Es geht um Erweiterung
Indem sie sich für «Dreamgirl» am männlich geprägten Disstrack orientiert, fordert sie gängige Stereotype heraus. Auch im Song «Garage» spielt die Aneignung von Männlichkeitssymbolen eine grosse Rolle. Männlichkeit und Männlichkeit spielen sind für sie «zwei Paar Schuhe». Was sie daran besonders interessiert: Wann ist dieses Nachspielen Provokation, wann ist es Ausdruck von lesbischem Begehren? Sie will mit der Ästhetik nicht nur Geschlechterbilder hinterfragen, sondern stellt sich bewusst auch in die lange Tradition von Butches, also sich maskulin präsentierenden queeren Menschen, oft lesbischen Frauen.
Am Schluss der EP klebt sich ein süsser Refrain ins Ohr, und das Selbstbewusstsein des Dreamgirls bricht: Im letzten Lied gibt Alwa Alibi zu, dass sie auch nicht immer nur traumhaft ist, aber: «O a de Bad Days» – auch an den schlechten Tagen – sei ihre Partnerin für sie da. In «Bad Days» parodiert Alwa Alibi vorgetäuschte Verletzlichkeit, indem sie die schlechten Tage – wie in vielen Popsongs – dann doch irgendwie schön klingen lässt. Für Plüss ist es das übertriebenste Lied von allen, auch wenn es scheinbar authentisch wirkt, denn: «An den Bad Days ist es einfach scheisse.» Und nicht noch ein bisschen schön dazu.
Trotz allen Wandels, der Mundart ist Plüss treu geblieben. Es sei die Sprache, die sie am besten könne, meint sie pragmatisch. «Mundart lebt davon, wie Leute sie benutzen. Es geht mir nicht ums Bewahren, im Gegenteil: Es geht um Erweiterung. Darum, dass es in der Mundart auch Platz für lesbisches Begehren gibt.» Im Herbst wird sie eine weitere EP veröffentlichen, in der sie noch einmal eine ganz andere Geschichte erzählt. ●
▶ Releaseshow: 22. Oktober 2026 im ISC in Bern.