Aus der Küche des Wahnsinns : Sünnele auf dem Jungfraujoch

Nr. 27 –

Karin Hoffsten über Symptome des Klimawandels

Dass es gerade nicht nur heiss, sondern ungeheuer heiss war, haben sicher alle gemerkt. Nun gut, wer 24/7 seiner Zeit in einer klimatisierten Teppichetage verbringt, vielleicht nicht. Die andern teilen sich auf in die «Heiss wars schon immer, insbesondere 1947»- und die «Jetzt haben wir den Salat, aber ihr wollt es ja nicht hören»-Fraktion.

Auch sämtliche Ratschläge, wie das überlebbar ist, sind uns – da in Medien und auch amtlicherseits ständig wiederholt – bestens bekannt: kalte Fussbäder bis zur Schwimmhautbildung, tagsüber herabgelassene Storen und geschlossene Fenster, nachts weit geöffnete – was man sich bei nächtlichen 29 Grad auch schenken kann. Wer Zeit und Geld genug hat, ergreift die Flucht in kühlere Höhen, die allerdings immer höher zu liegen kommen. Auf dem Jungfraujoch (3500 Meter über Meer) mass man am letzten Samstag kuschlige 9,7 Grad.

Die 1300 Hitzetoten, die die WHO seit dem 21. Juni in Europa registriert hat, haben sich trotz Fussbädern einfach davongemacht, aber die oben genannte «Heiss wars schon immer»-Fraktion setzt ohnehin auf natürliche Auslese.

Nicht lebensbedrohlich, aber je nach Berufsfeld existenziell ist die Frage nach dem Dresscode bei Hitze, wozu Tamedia drei «Stilprofis» befragte. «Kaum steigen die Temperaturen über 30 Grad Celsius, verlieren viele ihre Contenance», klagt dort ein Altmeister der Stilkritik. Für die Modeberaterin ist das Midikleid «der perfekte Sommerbegleiter fürs Büro. Es ist luftig, elegant und vermittelt Professionalität.» Und der Stylist findet, Frau könne auch «ein Crop-Top oder sogar Bikini mit einem weissen Hemd kombinieren. Vielleicht nicht, wenn man bei einer Bank arbeitet, aber zum Beispiel in einer Bäckerei: warum nicht!» Auf zum nächsten Brotkauf!

Möglicherweise unter dem Einfluss von zu viel Hitze formulierte Markus Somm, Chefredaktor des «Nebelspalters», die Titelthese seiner aktuellen Kolumne für die «SonntagsZeitung»: «Wer keine Kinder zur Welt bringt, hat keine Zukunft mehr». Der Vater von fünf Kindern findet es «ironisch», dass manche ihre Kinderlosigkeit mit der «Weltlage» begründen: «Im Westen merken wir kaum etwas von den Kriegen, die anderswo wüten, und so schlecht liegen die Dinge wirtschaftlich nicht, vor allem in der Schweiz, dass die Jungen sich vorsehen müssten.» Also, haut rein, ihr Fruchtbaren! In der Schweiz, der neutralen Insel der Seligen, werden eure Nachkommen kühl und friedlich leben bis in alle Ewigkeit. ●

Karin Hoffsten findet die gehäuften Hitzewellen zwar bedrohlich, gönnt aber allen ihren Sprung in Flüsse und Seen. Bloss schwimmen sollten sie können.