Best Western : Improvisationen auf Kupfer

Nr. 27 –

Dorothee Elmiger lehnt mit Paria Ahmadi an einen Brunnen von Meret Oppenheim

Es muss ein Sommerabend gewesen sein. Wir standen auf einem Dach im East Village gegen den Rand von Meret Oppenheims Hermes-Brunnen mit seinem geflügelten, von Schlangen umwundenen Caduceus gelehnt, als ein Unbekannter auf uns zutrat und uns darauf hinwies, es handle sich hierbei um Kunst, wir sollten uns entfernen. Später lachten wir darüber: Der Mann war kein Mitarbeiter gewesen, er hatte sich einfach so dazu berufen gefühlt, die beiden erwachsenen Frauen, die wir waren, für ihre Überschreitung zu tadeln.

Vermutlich hatten wir dort, am Hermes-Brunnen, über Kunst gesprochen, über Hunde oder Gedichte, György Ligeti, Visumsanträge. Die erste Arbeit, die ich von Paria Ahmadi gesehen hatte, war ein Siebdruck gewesen, kaum grösser als eine Briefmarke: das Bild einer Flamme, auf Filz gedruckt. Später sah ich das Bild auf dem Fussboden ihres Studios wieder, in dutzend-, ja hundertfacher Ausführung. Seit 2023 druckt sie das Motiv mit der immer gleichen Farbe, demselben Sieb. «Die einzige Variable ist mein Körper, der sich bewegt, beeinflusst von meiner Stimmung.» Eine tägliche Aufzeichnung, ein Archiv. «Die brennende Kerze stammt aus einem Musikvideo des iranischen Sängers Dariush – ein Held für die Generation meiner Eltern und auch für mich und meine Generation.» Dariushs Lied erzähle von einer Person, der er sein Leben verdanke – und von der Sehnsucht nach dieser Person. Es habe sie an ihren Hund Pika erinnert. «Seit fünf Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen, weil ich nicht reisen kann.» Jeder Druck eine Nachricht an den Hund.

Damals, im Studio, auch ihre Radierungen – kleinformatige Zeichnungen, Skizzen, die sich aus wiederkehrenden Elementen immer neu konstituieren. Punkt, Punkt, Strich, hie und da ein Wort: bicycle, خوبم. «In der Radierung hinterliess ich eine physische Spur, statt nur bestehende Informationen zusammenzuführen. Das war befreiend. Ich hatte aufgrund der Weltpolitik die Kontrolle über viele Aspekte meines Lebens verloren. Das Zeichnen auf der Radierplatte gab mir das Gefühl völliger Freiheit und Kontrolle. Paradoxerweise wollte ich dann aber doch nicht alles kontrollieren; ich wollte Raum für Improvisation auf dem Kupfer.»

Ob ich ein Kino namens Xenix kenne, fragte sie, dort werde eine Filmarbeit von ihr gezeigt, gedreht 2023, nach den «Jin, Jiyan, Azadî»-Protesten, die sie aus der Ferne mitverfolgt habe. «Es ist beinahe kein Film. Grösstenteils besteht er nur aus Stille und Dunkelheit.» Die Arbeit beginne mit drei Anmerkungen zu Samad Behrangi, dem iranischen Schriftsteller und Pädagogen. Ihre Mutter habe ihr seine Geschichten vorgelesen, eines seiner Bücher habe sie nach New York mitgenommen. 2025 erliess Trump Einreiseverbote für Menschen aus 39 Ländern, Visumsanträge wurden nicht länger bearbeitet. Im Januar publizierte die Regierung eine neue Liste mit 75 Ländern. «Es ist traurig und schön zugleich, dass meine Arbeit mir vorausgeht und über meinen Körper hinausreicht, während ich physisch hier verbleibe.» Vielleicht haben wir damals, am Hermes-Brunnen, auch über die Bäume in Teheran gesprochen. Über Sprachen. Wenn sie arbeite und denke, tue sie das meist auf Farsi, manchmal auf Englisch, auf Deutsch. «Aber die Sprache, von der ich am meisten gelernt habe, die Sprache, die mich durch die Welt führt, ist die, die ich zusammen mit meinem Hund erfunden habe.» ●

Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.

▶ Paria Ahmadis «Everytime I Caused a Flame, It Left an Ugly Mark» läuft im Rahmen des Antenna Festival am Dienstag, 7. Juli 2026, im Kino Xenix in Zürich.