Das gute Leben : Undav unser

Nr. 27 –

Deniz Undav als Lichtfigur – trotz des verkorksten WM-Turniers der Deutschen

«Deniz Undav schreibt als Kurde und Jeside Fussballgeschichte. Für uns ist es ein Moment, der weit über den Sport hinausgeht», schreibt die deutsche Autorin und Journalistin Düzen Tekkal auf Instagram. Auch mein zehnjähriger Neffe, Undavs Namensvetter, ist begeistert: «Er heisst wie ich, spielt Fussball, ist Kurde. Er ist genau wie ich!»

Beim überraschenden Ausscheiden seines Teams gegen Paraguay blieb auch Undav blass. Dennoch: Seine vielen Goals, der Torjubel in Form des Volkstanzes Govend, das klare Bekenntnis «Ich bin Kurde, und ich bin Jeside»: Dafür wird er von der kurdischen und jesidischen Community weltweit gefeiert. Und sie ist damit nicht allein. «Undav, Undav, Undav», skandierten deutsche Fans bei fast jedem Spiel und forderten seine Einwechslung. Zu Recht: Gegen Curaçao traf er nach seiner Einwechslung und bereitete einen weiteren Treffer vor; gegen Côte d’Ivoire kam er beim Stand von 0 : 1 aufs Feld, erzielte zwei Tore und drehte die Partie.

Nach seinen Treffern verschwindet er jeweils unter seinen Mitspielern – sie begraben ihn unter sich, alle wollen ein Stück von ihm. Selbst Bundestrainer Julian Nagelsmann, der sich in der Vergangenheit kritisch über Undav geäussert hatte, kann sich dem Hype nicht entziehen. «Tief im Herzen ist er, glaube ich, mit dieser Rolle gut zufrieden», sagt Nagelsmann über die Jokerrolle, die er ihm zugewiesen hat.

Dabei verlief Undavs Weg zum Profifussball alles andere als geradlinig: In der Jugend von Werder Bremen aussortiert, kämpft er sich über die Regionalliga und den SV Meppen nach Belgien, weiter nach Brighton und schliesslich zum VfB Stuttgart hoch. Von dort wird er 2024 erstmals in die Nationalmannschaft berufen. Inzwischen vergleicht ihn Lothar Matthäus gar mit Gerd Müller: «Wir haben einen neuen ‹Bomber der Nation›.»

Dass der Fussballer inzwischen endgültig in seinem Geburtsland angekommen ist, vermutete vergangene Woche auch der «Spiegel» vorsichtig: «Wahrscheinlich gibt es viele, die sagen: Der ist einer von uns.»

Als 2025 in Deutschland eine Debatte über das luxuriöse Leben einiger Nationalspieler entbrennt, reist Deniz Undav zu einem Zusammenzug der Nationalmannschaft lediglich mit einem Plastiksack der Drogeriekette dm an. Ob das ein Statement sei, will ein Journalist wissen. «Nicht unbedingt. Es könnte auch eine Aldi-Tüte sein. Oder eine von Rewe», antwortet er schlitzohrig und mit feinem Klassenbewusstsein.

Wenn Undav also auch in Zukunft zu seinem Govend-Torjubel ansetzt, kann es im Kontext der von martialischem Nationalismus triefenden Länderspiele eigentlich keinen Interpretationsspielraum geben: Undav erklärt den Nationalstaat für gescheitert und feiert stattdessen den demokratischen Konföderalismus. Da bin ich mir ganz sicher. ●