Desertion in der Ukraine : In den Bus gezerrt

Nr. 27 –

Die ukrainische Armee mobilisiert auch im fünften Kriegsjahr, doch nicht alle wollen kämpfen. Über die Schwierigkeit, sich dem Dienst zu entziehen, und behördliche Massnahmen dagegen.

Aljona Derjabina hält ein Protestschild mit der Aufschrift «Soldaten brauchen klare Dienstzeiten und eine starke Heimatfront ohne Korruption», daneben steht ihr Sohn Maksim
«Soldaten brauchen klare Dienstzeiten und eine starke Heimatfront ohne Korruption», steht auf Aljona Derjabinas Protestschild. Ihr Mann Artem, der Vater des zweijährigen Maksim, ist seit Jahren im Krieg. Wann er aus der Armee entlassen wird, ist ungewiss.

Er sei immer vorsichtig gewesen, sagt Dmytro Kowalenko. Jedes Mal, bevor er das Haus verliess, überprüfte er die Telegram-Kanäle, auf denen Nutzer einander vor Kontrollen der Einberufungsbehörden warnen und über die Standorte jener berüchtigten Kleinbusse informieren, mit denen Männer im wehrfähigen Alter abgeholt werden. In der Ukraine gibt es für diese Praxis einen eigenen Begriff: «Busifizierung». Doch an einem Sonntagabend kurz vor Weihnachten half ihm auch diese Vorsicht nichts.

Kowalenko, der eigentlich anders heisst, war mit einem Freund auf dem Heimweg, die Strassen im historischen Zentrum von Odesa waren voller Menschen. Dann hielten zwei Kleinbusse und ein Polizeiauto neben ihnen. «Ich wusste sofort, was los war», sagt er am Telefon. «Also bin ich gerannt.» Weit kam er nicht. «Sie fuhren mich mit dem Auto an. Ich fiel zu Boden. Zehn Leute packten mich an Armen und Beinen und wollten mich in den Bus stossen», erzählt Kowalenko. Er habe sich gegen den Türrahmen gestemmt und versucht, sich zu wehren. «Ich schrie: ‹Leute, helft mir!› Dann warfen sie mich in den Bus.»

Hunderte Beschwerden

Die Erinnerungen brechen aus Dmytro Kowalenko heraus. Eine Stunde lang erzählt der junge Musiker beinahe ohne Unterbrechung von diesem Abend, der in eine mehrtägige Tortur mündete, die wiederum damit endete, dass er aus dem Ausbildungszentrum floh.

Mit seinen 26 Jahren liegt Kowalenko über dem offiziellen Einberufungsalter von 25 Jahren. Als die Männer bei seiner Festnahme nach den Personalien fragten, habe er darum zunächst die Daten seines 23-jährigen Neffen angegeben. Vergeblich. «Sie nahmen mir das Handy aus der Jacke, entsperrten es, indem sie es vor mein Gesicht hielten, und fanden die Informationen, die sie brauchten.» Dann hätten ihn die Beamten geschlagen und mit einer Waffe bedroht. Nach ihrer Darstellung habe bereits ein Einberufungsbescheid vorgelegen, deshalb werde er gesucht. Kowalenko widerspricht: Eine Vorladung habe er nie erhalten. Und er sagt, dass er sich grundsätzlich dazu entschieden habe, den Militärdienst zu vermeiden, aus Angst, als «Kanonenfutter» an der Front zu landen.

Später habe er seine Familie anrufen dürfen – allerdings nur unter Aufsicht. «Sie filmten mich während des Gesprächs. Ich konnte nicht sagen, dass sie mich geschlagen hatten, konnte nicht um Hilfe bitten. Ich musste sagen, dass alles in Ordnung sei.» Schliesslich brachte man ihn in den Keller des Rekrutierungszentrums, der bei Luftangriffen als Schutzraum dient. Etwa zwanzig Männer hätten sich dort fünfzehn Schlafplätze geteilt, erzählt Kowalenko. Manche hätten auf dem Boden gelegen, mit sichtbaren Prellungen und Blutergüssen.

Kowalenkos Schilderungen lassen sich nur schwer unabhängig überprüfen. Eine schriftliche Anfrage, in der die Einberufungsbehörde in Odesa mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, blieb unbeantwortet. Doch die Erzählungen decken sich mit unzähligen Videos, die Nutzer seit Jahren ins Netz stellen, und mit Berichten von Misshandlungen, die den Kommissar für Menschenrechte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinets, erreichen. Allein aus der Region Odesa gingen im vergangenen Jahr Hunderte Beschwerden über mutmassliche Menschenrechtsverletzungen durch Mitarbeiter der Rekrutierungszentren ein. Im April dieses Jahres nahm der ukrainische Geheimdienst in Odesa vier Beamte eines Zentrums fest, weil sie unter Verdacht stehen, einen Mann entführt und 30 000 US-Dollar gefordert zu haben.

Kowalenko wurde nach den ersten Stunden im Rekrutierungszentrum mit Prellungen am ganzen Körper zu einer medizinischen Untersuchung gebracht. «Die Ärzte dort rieten mir, einfach abzuhauen», sagt er. Doch schon kurze Zeit später sass er erneut in einem Bus. Sieben Stunden dauerte die Fahrt zu einem Ausbildungszentrum in der Region Winnyzja. An jenem Dezembertag seien die Temperaturen bei knapp minus zehn Grad gelegen, schätzt Kowalenko. Der Schnee habe ihm bis zu den Knien gereicht. Stundenlang wartete er darauf, eingekleidet zu werden. «Aus irgendeinem Grund gaben sie mir Sommerstiefel mit Netzstoff.» Die Schuhe stehen noch heute in seiner Wohnung.

Von Winnyzja ging es weiter in eine Ausbildungsstätte in der Region Kirowohrad. Was folgte, bezeichnet Kowalenko als entwürdigend. Tagsüber wurden Märsche durch den Schnee und Schiessübungen abgehalten. «Wer zusammenbrach, musste weitermachen», sagt Kowalenko. «Alle waren krank.» Am 30. Dezember 2025, neun Tage nachdem er in Odesa aufgegriffen worden war, bot sich bei einem Arzttermin die Gelegenheit zur Flucht. «Ich bin einfach zur Tür hinausgegangen. Ohne Handy, ohne Geld, ohne Orientierung. Nur mit der Telefonnummer einer Freundin in der Tasche.» Kowalenko sprang in einen Bus. Auf einem Markt lieh ihm jemand ein Handy, mit dem er die Freundin anrief, die ihm Geld für seine Rückfahrt nach Odesa zukommen liess. Seitdem verlässt Kowalenko die Wohnung kaum noch. Er lebt in der ständigen Angst, auf der Strasse erneut von Mitarbeitern der Einberufungsbehörden aufgegriffen zu werden. Ein Psychologe, der ihm von einer Hilfsorganisation gestellt wurde, habe ihm mittlerweile eine Depression attestiert.

Keine klaren Dienstzeiten

Wie viele Männer sich in der Ukraine in einer ähnlichen Situation befinden, ist unklar. Offizielle Zahlen dazu veröffentlicht die Regierung nicht. Anfang Jahr erklärte der neue Verteidigungsminister Michailo Fedorow jedoch, dass rund 200 000 Soldaten ihre Einheit unerlaubt verlassen hätten. Dazu kommen rund zwei Millionen Ukrainer, die wegen Umgehung der Mobilisierung gesucht werden.

Die Regierung hat inzwischen reagiert und versucht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Vor kurzem präsentierte das Verteidigungsministerium ein Reformpaket mit angepassten Vertragsmodellen, höheren Zahlungen und einem vereinfachten Verfahren für Soldaten, die ihre Einheit unerlaubt verlassen haben und in den Militärdienst zurückkehren wollen. Kritik an der Reform bleibt jedoch nicht aus: So sollen mit den Massnahmen vor allem Zivilisten neu für die Armee angeworben werden. Wer jedoch seit Jahren kämpfe, profitiere kaum. Insbesondere gibt es nach wie vor keine Regelung, wann der Dienst in der Armee wirklich als beendet gilt.

Aljona Derjabina geht deshalb weiterhin protestieren. Die 44-Jährige lebt in einer Zweizimmerwohnung auf der linken Seite des Dnipro in Kyjiw. Im Wohnzimmer spielt ihr zweijähriger Sohn Maksim, an der Wand lehnen selbstgemalte Protestschilder. Auf einem steht: «Soldaten brauchen klare Dienstzeiten und eine starke Heimatfront ohne Korruption». Die Aktivist:innengruppe «Klare Dienstzeiten», der Derjabina angehört, fordert genau das: eine Demobilisierung von Soldaten, die seit Jahren kämpfen. Zu ihnen zählt auch Derjabinas Partner Artem, der bereits 2014 im Donbas diente. Nach Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 meldete er sich erneut freiwillig. Zunächst verteidigte er den Kyjiwer Vorort Irpin, danach diente er als Infanterist, als Mörserschütze, später als Fahrer. «Ich will nicht, dass Artem kämpft, bis er sechzig Jahre alt ist», sagt Derjabina. Artem habe sich verändert, er sei müde. «Ich kenne inzwischen jedes Krankenhaus in Kyjiw, weil er in fast allen behandelt wurde.»

Währenddessen kümmert sie sich um ihren zweijährigen Sohn. Er musste nach der Geburt reanimiert werden; eine bakterielle Sepsis hinterliess bleibende motorische und kognitive Beeinträchtigungen. Artem musste drei Tage nach der Geburt wieder in den Dienst zurück. Derjabina blieb mit ihrem Sohn wochenlang allein.

Fünf bis zehn Jahre Haft

Die Frage, was gerecht ist und wer die Last des Kämpfens tragen soll, beschäftigt die gesamte Gesellschaft. Trotzdem gibt es für Dienstverweigerer wie Dmytro Kowalenko keine breite Akzeptanz, solange das Land von Russland angegriffen wird.

Anfang Jahr erklärte Präsident Selenski, dass die Ukraine monatlich 30 000 bis 34 000 Männer mobilisiere, um den russischen Angriffen standzuhalten. Doch der Soldatenmangel bleibt hoch. Deshalb könnten auch wehrfähige Ukrainer, die sich im EU-Ausland befinden, künftig unter Druck geraten. So bat die ukrainische Regierung die EU-Kommission, den vereinfachten Schutzstatus für ukrainische Männer zu beenden, um Anreize für eine Rückkehr zu schaffen. Der Vorschlag muss noch von den EU-Mitgliedstaaten beschlossen werden. In der Schweiz erwägt der Bundesrat ein ähnliches Vorgehen.

Marija Kaminska ist eine jener Anwält:innen, bei denen inzwischen immer häufiger Soldaten oder deren Angehörige Rat suchen. Seit mehr als zehn Jahren vertritt die Strafverteidigerin Menschen, denen schwere Straftaten vorgeworfen werden: Mord, Raub, schwere Körperverletzung. «Ich habe die Taten meiner Mandanten nie gerechtfertigt», sagt Kaminska. «Aber jeder Mensch hat Anspruch auf Schutz.»

Wer seine Einheit oder ein Ausbildungslager unerlaubt verlässt, begeht nach ukrainischem Kriegsrecht grundsätzlich eine Straftat, die eine Haftstrafe von fünf bis zehn Jahren nach sich ziehen kann. Kaminska betont aber, dass sich die Fälle stark unterscheiden. Manche Soldaten hätten gravierende gesundheitliche Probleme oder seien nachweislich nicht mehr einsatzfähig. Andere wollten ihre Einheit verlassen, weil sie sich vom Kommando misshandelt oder im Stich gelassen fühlten. Manche der Männer, die sich an sie wenden, wollen nach einer unerlaubten Abwesenheit in den Militärdienst zurückkehren. Andere hoffen, einen Weg zu finden, einer Strafverfolgung zu entgehen.

Männern wie Dmytro Kowalenko, die nicht vorhaben, in die Armee zurückzukehren, macht Kaminska keine falschen Hoffnungen. «Früher oder später wird man gegen ihn Anklage erheben, und es wird ein Gerichtsurteil geben. Man kann sich nicht ewig verstecken.» Der russische Angriffskrieg habe dazu geführt, dass es in der Ukraine unter dem Kriegsrecht im Einzelfall oft keine Gerechtigkeit gebe, sagt Kaminska.

Wer sich freiwillig zum Militär melde, könne seine Kenntnisse aus dem zivilen Berufsleben häufig weiter nutzen und die Einheit selbst wählen, heisst es auf den offiziellen Mobilisierungsportalen des Verteidigungsministeriums. Besonders Drohneneinheiten gelten unter jungen Männern als vergleichsweise attraktiv. Doch Dmytro Kowalenko sagt, dass die Armee eben auch Sturmtruppen und Infanteristen brauche. Er selbst sei dafür nicht bereit. Obwohl er letztlich nie in der Armee ankam, ist sein Vertrauen in das System aufgrund seiner Erfahrungen erschüttert. Zurückkehren werde er nicht. Lieber verstecke er sich weiter. ●