Durch den Monat mit Marlene Engelhorn (Teil 1) : Schämen Sie sich für Ihr Geld?
Als Millionenerbin kennt sie keine Geldsorgen. Gerade deshalb spricht Marlene Engelhorn über Solidarität, Ungleichheit und politische Verantwortung.
WOZ: Marlene Engelhorn, Ihr Name ist vor allem in Verbindung mit Ihrem Erbe bekannt. Verraten Sie uns Ihren aktuellen Kontostand?
Marlene Engelhorn: Das ist eine indiskrete Frage. Würden Sie Ihren Kontostand veröffentlichen?
WOZ: Nein, aber Geld ist auch nicht mein Thema.
Marlene Engelhorn: Mein Thema ist nicht ausschliesslich Geld, sondern Ungerechtigkeit, Demokratie und Umverteilung. Damit einher geht die Machtfrage – wer überreich ist, kann mit einer Unterschrift, etwa bei einer Spende, das Leben vieler Menschen beeinflussen.
WOZ: Sie stammen aus einer der vermögendsten Familien der Welt. Mit Anfang dreissig haben Sie ein Multimillionenerbe erhalten – von dem Sie 25 Millionen Euro mit dem von Ihnen gegründeten «Guten Rat für Rückverteilung» an 77 Organisationen gespendet haben. Sind Sie noch reich, oder ist all das Geld schon weg?
Marlene Engelhorn: Ich halte «reich» für einen unscharfen Begriff. Hilfreicher finde ich den vom Ökonomen Martin Schürz geprägten Begriff «überreich». Ausgehend von der heutigen Vermögensverteilung, würde ich sagen, dass zum Kreis der Überreichen das reichste Prozent gehört. Dazu zähle ich auch mich. Die 25 Millionen Euro waren nur ein erster Teil meines Erbes, weil es sich um den Nachlass meiner Grossmutter handelte.
WOZ: Weil Sie die Belastung durch Geldsorgen nicht kennen, ist es eigentlich auch nicht möglich, ernsthaft mit Ihnen über Alltagsprobleme wie Stress bei der Arbeit oder Angst vor dem Wohnungsverlust zu reden – oder?
Marlene Engelhorn: Wenn ich sage, ich bin gestresst, und eine andere Person sagt das auch, dann muss ich mir bewusst machen: Diese Person trägt sehr wahrscheinlich zusätzlich finanzielle Sorgen mit sich herum. Mein Privileg macht mich hier ignorant, darum ist es wichtig, dass mir dieser grundlegende Unterschied zwischen mir und den meisten anderen Menschen bewusst bleibt. Aber auch ohne diese Sorgen und Erfahrungen kann ich gesellschaftliche Ungerechtigkeit politisch einordnen und solidarisch handeln.
WOZ: Sie haben einen privaten Kindergarten und eine Privatschule besucht. Wie nimmt man die eigenen Privilegien wahr, wenn man unter ähnlich privilegierten Menschen aufwächst?
Marlene Engelhorn: Das Gefälle wird erst im Kontakt mit Menschen aus anderen sozialen Klassen wirklich sichtbar. Ich bin in einer Villa in einem grossbürgerlichen Bezirk aufgewachsen, mein Kindergartenfreund in einer Mietwohnung im Arbeiter:innenbezirk. Aber ich musste nicht darüber nachdenken. Viele Überreiche schirmen sich ab: Wohnorte, Schulen, Reisen, Chauffeur – Berührung mit der Lebensrealität der übrigen Gesellschaft lässt sich weitgehend vermeiden. Auch ich war und bin in gewisser Weise Teil dieses strukturellen Problems.
WOZ: Gab es einen Moment, an dem Sie Ihre Politisierung festmachen können?
Marlene Engelhorn: Eher nicht. Es gibt nicht den einen Aha-Moment, sondern erst im Nachhinein wird klar, was alles dazugehört hat. Bei mir gab es viele kleine Erfahrungen. In meinen Zwanzigern habe ich mich intensiv mit Ungerechtigkeiten auseinandergesetzt. An der Uni habe ich beispielsweise gesehen, dass Mitstudierende arbeiten mussten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einmal hat mich ein Freund um Rat gebeten. Ich habe ihm gesagt, er solle doch einfach seinen Familienanwalt fragen – da hat er mich nur verwundert angeschaut.
WOZ: Wurden Sie je wegen Ihres Reichtums gehänselt?
Marlene Engelhorn: Ich halte nichts von der Vorstellung, Überreiche seien wegen ihres Reichtums «diskriminiert». Das ist peinlich und ignorant gegenüber Menschen, die tatsächlich Diskriminierung erfahren. Wenn jemand mal gemein zu mir war, ist das nicht strukturelle Benachteiligung.
WOZ: Haben Sie sich je wegen Ihres Reichtums geschämt?
Marlene Engelhorn: Natürlich ist dieses Thema schambesetzt. Mir wurde irgendwann klar, dass ein extremes Vermögen kein normaler Zustand ist, sondern die Ausnahme. Daraus entsteht Scham. Das Problem mit der Scham ist allerdings, dass sie mich nicht weiterbringt. Sie führt leicht in eine Egospirale, es geht nur noch um die Frage: Wie fühle ich mich wohler?
WOZ: Scham ist auch eine aussagekräftige Emotion.
Marlene Engelhorn: In ihr kann das Verständnis stecken, dass etwas nicht stimmt. Was dann passiert, ist die Projizierung auf andere, die vermeintlich böse und schuld sind am eigenen Gefühl: «Ich sollte mich gar nicht schämen müssen, ich kann ja nichts dafür.» Für mich ist die wichtigere Frage, was aus dieser Einsicht folgt. Scham kann auch eine Ausrede sein, um nichts verändern zu müssen. Wenn sich Reiche nicht mit Scham auseinandersetzen, wird die Schuldfrage schnell beiseitegeschoben. Stattdessen werden diejenigen zu den Bösen erklärt, die sie auslösen, um die eigene Position zu entlasten und zu verdrängen, dass extremer Reichtum nur möglich ist, weil andere Menschen von Armut betroffen sind.
WOZ: Auch Reiche haben Gefühle.
Marlene Engelhorn: Dafür gibt es sogar einen Begriff: «rich tears» – das Selbstmitleid der Überreichen. Ich habe wenig Geduld für diese Schleife des Selbstmitleids. ●
Marlene Engelhorn (34) lebt in Wien. Sie engagiert sich für Vermögenssteuern und Verteilungsgerechtigkeit. Die Aktivistin ist eine Enkelin von Peter Engelhorn, einem der Eigentümer des Pharmaunternehmens Boehringer Mannheim.