Ebolakrise : Im Ostkongo fehlt es an allem

Nr. 27 –

Die Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo führt die Auswirkungen von Donald Trumps Kürzungen bei Entwicklungs- und Hilfsgeldern vor Augen.

mehrere Personen stehen neben Personal in Schutzanzügen welche einen Sarg im Lager von Kigonze vorbereiten
Kein persönlicher Abschied: Personal in Schutzanzügen desinfiziert einen Sarg im Lager von Kigonze.  Gradel Muyisa Mumbere, Reuters

Ein Video der Nachrichtenagentur Reuters zeigt weisse Zelte mit dem Logo des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Kräftige junge Männer heben Gräber aus. Fast täglich müssen sie neue graben. Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde in weissen Schutzanzügen tragen Särge zu den ausgehobenen Gruben.

In den letzten Wochen ist bei der Zeltstadt des Vertriebenenlagers Kigonze in der Demokratischen Republik Kongo ein neuer Friedhof entstanden. Rund dreissig Menschen sind hier mutmasslich bereits an Ebola gestorben, darunter auch Kinder. Über 15 000 Kongoles:innen hausen im Lager, das sich am Stadtrand von Bunia befindet, der Hauptstadt der ostkongolesischen Provinz Ituri – wo seit Jahrzehnten Krieg herrscht. Manche leben schon seit Jahren hier, dicht an dicht. Sie wurden von Milizen aus ihren Dörfern vertrieben und suchen nahe der Provinzhauptstadt Schutz, wo Soldaten und Uno-Blauhelme stationiert sind.

Das Lager liegt mitten im Ebolagebiet. Laut Angaben des Gesundheitsministeriums sind nach aktuellem Stand bereits rund 1300 Menschen am gefährlichen Virus erkrankt; die meisten in der Provinz Ituri, wo das Epizentrum des Ausbruchs liegt. 360 Menschen sind bislang gestorben, 178 wurden geheilt aus den Kliniken entlassen.

UNHCR ist «zutiefst besorgt»

Die Todesrate ist bei dieser Ebolavariante mit dreissig bis fünfzig Prozent etwas niedriger als bei früheren Ausbrüchen. Doch gibt es bislang weder zugelassene Impfstoffe noch etablierte Therapien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Ausbruch im Ostkongo Mitte Mai als internationale Gesundheitsnotlage eingestuft. Sie warnt: Es sei bereits der drittgrösste Ebolaausbruch in der Geschichte. Wenn nicht schnell gehandelt werde, könnten die Todeszahlen demnächst weitaus höher liegen als beim Ausbruch in Westafrika 2014 bis 2016, als über 11 000 Menschen an der tödlichen Fieberkrankheit starben.

Das UNHCR erklärt sich «zutiefst besorgt» über das zunehmende Risiko, das das Virus für die Vertriebenen darstelle. Über zwei Millionen Menschen leben im Kriegsgebiet in überfüllten Lagern. Immer wieder werden auch die Camps von Milizen angegriffen, und die Menschen müssen weiterfliehen. Das erhöht das Risiko der Weiterverbreitung. Zudem gebe es in den Lagern kaum fliessend Wasser, Seife oder Desinfektionsmittel, sagte Desire Grodya Bapi, Sprecher des Lagers bei Kigonze, gegenüber Reuters. «Die Latrinen füllen sich sehr schnell, und die Menschen müssen sie selbst mit blossen Händen leeren.»

Die Versorgungsnotlage ist auch in den Behandlungszentren und Quarantänestationen akut. Internationale Hilfswerke berichten, dass immer wieder Ebolapatient:innen von dort ausbrechen würden, weil sie Hunger hätten und es an Essen fehle. Das Welternährungsprogramm meldet, dass im Ostkongo rund zehn Millionen Menschen ohne ausreichende Lebensmittelversorgung sind. Familien, die sich zu Hause isolieren sollten, hätten nicht genügend Vorräte. Überall seien Wasser und Seife Mangelware. «Lücken in der Wasser- und Sanitärinfrastruktur erschweren Präventionsmassnahmen», sagt Rose Tchwenko, Kongo-Landesdirektorin der nichtstaatlichen Hilfsorganisation Mercy Corps.

Aus Furcht vor Ebola trauen sich die Menschen in den betroffenen Gebieten nicht mehr in die Gesundheitsstationen. Viele sterben darum zu Hause an Malaria oder anderen Krankheiten. Gesundheitsminister Roger Kamba hat die Region Mitte Juni besucht. Er verkündete: «Unsere Regierung hat beschlossen, die Versorgung in den Gesundheitseinrichtungen der Provinz Ituri für die gesamte Dauer der Ebolaepidemie kostenlos anzubieten.»

Das Problem ist jedoch die Finanzierung: Bis Ende 2024 waren die USA der grösste Geber für Gesundheits- und Hygieneprogramme im Kongo. Die Entwicklungsagentur USAID hatte 2024 insgesamt rund 840 Millionen US-Dollar bereitgestellt, die Hälfte davon für Seife, Toiletten und Wasserversorgung in den Vertriebenenlagern im Kriegsgebiet. Im vergangenen Jahr schloss die Regierung von Präsident Donald Trump nicht nur USAID, sondern trat auch aus der WHO aus und kürzte Beitragszahlungen an Uno-Hilfswerke wie das UNHCR stark.

Auch europäische Regierungen reduzierten in den vergangenen Jahren ihre Entwicklungshilfebudgets drastisch (vgl. «Im Fahrwasser der Verrohung»), was sich vor dem Hintergrund des Ebolaausbruchs deutlich bemerkbar macht. Die Uno gibt an, dass in diesem Jahr rund 1,4 Milliarden Dollar für Hilfsmassnahmen im Kongo benötigt werden, davon seien bislang gerade einmal dreissig Prozent bereitgestellt worden. Anfang Juni hat die WHO einen Eindämmungsplan vorgestellt, für den insgesamt 518 Millionen Dollar benötigt werden.

Druck in Washington

Eine rasche Eindämmung sei notwendig, so die WHO. Denn die Region Ituri ist auch ein Handelsknotenpunkt für Kongos Rohstoffe wie Gold, die von dort in die Nachbarländer geschmuggelt werden. Aus Uganda werden bereits zwanzig Ebolafälle gemeldet. Die Regierung hat deswegen die Grenze zum Kongo geschlossen. Das Risiko, dass sich das Virus auch im benachbarten Südsudan ausbreite, sei hoch, warnt die WHO. In Frankreich wurde letzte Woche ein Arzt, der im Ostkongo Ebolapatient:innen behandelt hatte, bei seiner Rückkehr mit Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert. Ein US-Bürger, der sich als Arzt in einem Spital in Bunia angesteckt hatte, wurde im Mai in Deutschland behandelt, weil die US-Regierung das Risiko als zu hoch einstufte, ihn in US-Kliniken zu behandeln.

In Washington erhöhen Senator:innen nun den Druck auf die Regierung: Unter Federführung der demokratischen Senatorin Jeanne Shaheen wurde der Entwurf eines «Ebolagesetzes» eingebracht, das die Regierung verpflichten will, die Zusammenarbeit mit der WHO in den nächsten dreissig Tagen wieder aufzunehmen. Die Finanzkürzungen hätten «die Krise verschärft und die Amerikaner noch angreifbarer gemacht», so Senatorin Shaheen. Die US-amerikanische Seuchenexpertin Krutika Kuppalli, die beim Ebolaausbruch in Westafrika an vorderster Front im Einsatz war, warnt: «Ausbrüche werden an ihrem Ursprung gestoppt – nicht an unseren Grenzen.» ●