Erfahrungsbericht : «Die Angst stand der Heilung im Weg»
Patricia Purtschert, Berner Professorin für Geschlechterforschung, erzählt von ihrer Genesung.
«Ich fand es sehr hilfreich, einen anderen Zugang zu dieser Krankheit zu finden – wegzukommen von der Idee, mein Körper sei kaputt. Zu jener Zeit lag ich im Berner Inselspital im Bett, hatte keine Kraft, mich zu bewegen. Ich konnte im Tag etwa hundert Meter gehen – schaffte es aufs WC und zurück. Das wars. Meine Grundfunktionen waren schwer beeinträchtigt: Atmung, Verdauung, Schlaf. Ich hatte den Eindruck, alles zerfällt. Und ich hatte Angst vor einer ME/CFS-Diagnose.
Dann las ich den Post einer Betroffenen, der es ähnlich schlecht gegangen und die gesund geworden war. Er war in einer Sprache verfasst, an die ich anknüpfen konnte, nahm Bezug auf wissenschaftliche Konzepte, vor allem solche aus der Forschung über chronische Schmerzen. Mir hat die Theorie eingeleuchtet: Nicht mein Körper ist geschädigt, sondern mein Nervensystem ist aus den Fugen geraten. Das kannte ich: Beim Impfen bin ich schon in Ohnmacht gefallen. Die Erfahrung, dass das Nervensystem wegen einer scheinbaren Kleinigkeit kollabieren kann, war mir vertraut.
Zuvor hatte ich Pacing gemacht bis zum Umfallen. Aber die im Gesundheitswesen verwendete Metapher, mein Körper sei wie ein Handy, das seine Batterien nicht mehr richtig aufladen könne, blieb mir suspekt. Mein Körper ist keine Maschine. Ich benötigte andere Erklärungen.
Mir half es, Genesungsgeschichten zu lesen. Ich verstand: Es geht darum, das Nervensystem aus diesem panischen Fight-or-Flight-Zustand in einen gesunden Zustand zu überführen. Das tönt simpel, ist aber vielleicht das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Es ist eine existenzielle Erfahrung, wenn man versucht, dem Körper beizubringen, dass er wieder in der Welt daheim sein kann. Dass er in Sicherheit ist, herunterfahren und in Ruhe existieren darf. Es geht darum, Angst und Verzweiflung loszulassen und ein körperlich verankertes Vertrauen wiederzugewinnen. Ich merkte: Die negativen Gefühle, die Angst vor Crashs, reproduzieren meinen Zustand. Ein Crash ist real und schlimm, ich habe das am eigenen Leib erfahren. Aber die dauernde Angst, sich zu überlasten, stand der Heilung im Weg.
Was wichtig ist: Es geht nicht um Druck, nicht darum, sich zu zwingen. Ich bin leistungsorientiert. In dieser Hinsicht musste ich viel verlernen. Denn sonst kann es kippen: Wer sich unter Druck setzt – ‹Heute muss ich 200 Meter gehen statt 100›, – läuft tatsächlich Gefahr, zu crashen.
Ich wurde auch psychiatrisiert, und ich teile die Kritik daran: Es ist falsch, Post-Covid als Depression oder Burn-out zu labeln. Diese Krankheit weist auf eine Schwachstelle unseres medizinischen Systems hin. Sie fällt zwischen Stuhl und Bank: Die einen wollen unbedingt Biomarker finden, die einen körperlichen Schaden beweisen; die anderen suchen den Ursprung in der Psyche. Dieses Entweder-oder ist irreführend.
Ich begann in der Reha, Treppen zu steigen, während ich mir beruhigend zusprach. Erst eine, dann zwei, dann drei Stufen. Ich versuchte, meinen Körper dazu zu bringen, in den Bewegungsmodus zu wechseln, den er kennt. Und so langsam zurück in die alte Körpererfahrung zu finden. Irgendwann schaffte ich die ganze Treppe. Nach vier Wochen wusste ich: Ich komme hier raus. Was mich zurückgeholt hat, ist die Liebe zu mir und zur Welt.
Heute mache ich wieder alles: Wandern, Velofahren, Joggen, Schwimmen, ins Gym. Und ich bin wieder hochtourig in einem dichten Alltag unterwegs.
Es ist schwierig, als Genesene zu sprechen. Für einige steht man fast als Verräterin da. Aber es ist absurd zu behaupten, wir Genesenen seien nicht wirklich krank gewesen, hätten alle eine ‹Spontanheilung› erfahren. Wir brauchen ein komplexeres Bild dieser Krankheit und ihrer vielen möglichen Verläufe. Und es ist fatal, wenn man denen, die krank bleiben, einen Vorwurf macht – wenn Kämpfe um IV-Renten und andere Formen der Unterstützung mit unserem Beispiel behindert werden. Unsere Genesungsgeschichten dürfen nicht dafür verwendet werden, die Solidarität mit an Long Covid Erkrankten zu kappen. Im Gegenteil. Es geht um eine Politik der Solidarität über unsere Differenzen hinweg.» ●
Aufgezeichnet von Bettina Dyttrich
In WOZ Nr. 7/25 hat Patricia Purtschert über ihre Erfahrung mit Post-Covid geschrieben.