Fürsorgerische Zwangsmassnahmen : Zerstörte Lebensgeschichten

Nr. 27 –

Zwei Ausstellungen geben Betroffenen, die über Jahrzehnte weggesperrt wurden, eine Stimme und laden zum Nachdenken und Mitdiskutieren ein.

Karteikästen in der Ausstellung «Versorgt. Verdingt. Vergessen?»
Bitte in den Karteikästen stöbern! Das Herzstück der Ausstellung «Versorgt. Verdingt. Vergessen?» in Luzern. Emanuel Ammon, Aura

Das grosse hölzerne Regal mit zahlreichen Schubladen sticht beim Betreten des Raums direkt ins Auge: Die meisten Schubladen sind geschlossen. Zuschreibungen wie «arbeitsscheu», «geisteskrank» oder «lasterhaft» stehen darauf. Diejenigen Schubladen mit leuchtenden Namensschildern sind geöffnet und laden zum Hineinschauen ein. Darin befinden sich Karteikarten zu den jeweiligen Personen, Fotos und weitere Dokumente.

Zwölf Schubladen fehlen – in deren Lücke leuchtet jeweils ein Name: Irma Frei. Nelly Schenker. Ursula Biondi … Ihre Schubladen stehen auf Tischen in der Mitte des Raumes, wo man sich auch die Lebensgeschichten dieser Menschen anhören kann. Diese multimedialen Installationen und das Regal sind das Herzstück der Ausstellung «Versorgt. Verdingt. Vergessen?», die im Auftrag des Bundesamts für Justiz unter der Kuration von Detlef Vögeli realisiert wurde und zurzeit im Museum Luzern zu sehen ist.

Doppelt perfide

Sie ist eine von zwei aktuellen Wanderausstellungen, die von einem in der Schweiz begangenen systematischen Unrecht erzählen – den «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen». Bis in die achtziger Jahre wurden in der Schweiz Hunderttausende Menschen weggesperrt, ohne dass sie je eine Straftat begangen hatten, einfach weil ihre Lebensweise nicht den Vorstellungen von einem «normalen» oder «bürgerlichen» Leben entsprach. Gleichzeitig, und das ist das doppelt Perfide dieses Systems, profitierten Firmen und Landwirtschaft von den Weggesperrten, die zu Zwangsarbeit genötigt und auf Bauernhöfen verdingt wurden.

Im Zentrum sowohl dieser wie auch der zweiten, viel kleineren Ausstellung «Ich bin einfach niemand gewesen» stehen die erschütternden biografischen Erzählungen der Betroffenen, die den niederträchtigen Akteneinträgen gegenübergestellt werden. «Archiv. Räume der Erinnerung» heisst denn auch der erste, grosse Raum in Luzern, in dem sich das Schubladengestell und die Installationen befinden. Wir lauschen den Erzählungen der Betroffenen, während ihre Hände, die uns Akten, Fotos und weitere Dokumente präsentieren, auf den Tisch projiziert werden.

Irma Frei musste als junge Frau als Zwangsarbeiterin in einer Spinnerei des Waffenfabrikanten Emil Bührle arbeiten, Nelly Schenker wurde ihrer alleinerziehenden Mutter entrissen, in zahlreiche Heime abgeschoben und erhielt keine Schulbildung. Ursula Biondi steckten sie als minderjährige, alleinstehende Mutter ins Frauengefängnis Hindelbank. Im ersten Moment ist die kopflose Inszenierung irritierend: Warum gibt die Ausstellung den Betroffenen nur eine Stimme und kein Gesicht? Doch schnell gewöhnt man sich daran, lauscht den Geschichten und studiert die Hände, die stets in Bewegung sind, und stöbert in der danebenstehenden Schublade.

Im Obergeschoss ist das «Forum». Hier werden die Aufarbeitung und die Folgen thematisiert und mit den Besucher:innen diskutiert. Viele Betroffene haben in den nuller Jahren begonnen, ihre Stimme zu erheben und politische Konsequenzen zu fordern. Als wissenschaftliche Studien das Ausmass der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen aufzeigten, handelte die Politik. Die damalige Bundesrätin Simonetta Sommaruga entschuldigte sich 2013 bei den Opfern und versprach eine umfassende Aufarbeitung. Das «Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981», das auch den Solidaritätsbeitrag für die Opfer regelt, wurde ausgearbeitet. Doch Geld kann das Widerfahrene nicht wiedergutmachen – versehrt sind die Betroffenen und deren Nachfahr:innen für immer.

In Videoinstallationen diskutieren Expert:innen im «Forum» aus unterschiedlichen Perspektiven über Fürsorge und Zwang. Zwischendurch gibt es Fragen an die Besucher:innen, die per Knopfdruck reagieren können. Sowohl die Diskussionen als auch die Fragen tragen das Thema in die Gegenwart: Was können wir aus der Geschichte lernen? Wo findet heute Unrecht statt?

Wo sind die Täter:innen?

Dass die Willkür der Behörden und die Jagd auf die Ärmsten und Schwächsten in der Schweiz mit den neuen rechtlichen Grundlagen 1981 nicht einfach zu Ende waren, daran erinnert «Ich bin einfach niemand gewesen» explizit. Die von Andrea Gautschi, Marcel Hänggi, Peter Kuntner, Stephan Lichtensteiger, Jessica Lüscher und Basil Rogger konzipierte Wanderausstellung findet in drei thematischen Containern statt. Im dunkelblau angestrichenen Container hängen an der Decke Objekte wie ein Schlitten, eine Blockflöte oder ein Teddybär. Sie alle haben einen Bezug zu den sieben Betroffenen, deren Geschichten wir an Stationen hören, vorgetragen von Schauspieler:innen. Dass hier auch der Sohn von ehemaligen Saisonniers zu Wort kommt und ein Asylsuchender, der auf dem Polizeiposten massiver Behördenwillkür ausgesetzt war, veranschaulicht: Das Unrecht gegen die Schwächsten und Ärmsten findet nach wie vor statt, es hat sich einfach an einen anderen Ort verlagert.

In einem zweiten Container stehen die Akten im Zentrum: Die Wände sind tapeziert mit Rückseiten von Ordnern aus Institutionen verschiedenster Kantone. Schlicht wird so die schiere Menge an Informationen illustriert, die über die weggesperrten Menschen gesammelt wurden. Wie bösartig diese Einträge sind, kann nicht nur in einzeln ausgestellten Aktenauszügen gelesen, sondern auch in einer grossartigen filmischen Umsetzung erlebt werden: In vier kurzen Szenen spielt Schauspieler Patrick Slanzi den Vater eines verwahrten Jugendlichen, den Lehrer, den Heimleiter sowie den Gemeindeammann. Seine Monologe basieren teilweise wörtlich auf den Akteneinträgen und geben so den Tätern nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht.

Es ist einer der wenigen Orte, wo das passiert. Und tatsächlich drängt sich beim Besuch beider Ausstellungen immer wieder die Frage auf: Wo sind eigentlich all die Täter:innen oder deren Nachkommen? Warum klafft hier eine riesige Leerstelle? Wo sind zum Beispiel die Stimmen der Bäuer:innen, die zu den grossen Profiteuren dieser Geschichte gehören?

Noch nicht auserzählt

Dass die Betroffenen die Deutungshoheit über ihre Geschichte er- und behalten, ist zentral. Das wird beim Besuch beider sehr sehenswerten Ausstellungen offensichtlich. Den Ausstellungsmacher:innen von «Ich bin einfach niemand gewesen» ist nicht nur die Diskussion mit den Besucher:innen ein Anliegen – dafür ist der dritte Container eingerichtet –, sondern auch die Vernetzung der Betroffenen und von deren Nachkommen. An jedem Ort, wo die Ausstellung gastiert, findet ein Erzählcafé statt, moderiert von einer Fachperson. Und in einer dreiteiligen Geschichtswerkstatt unterstützen Fachpersonen die Teilnehmenden darin, Geschichten zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen zu erforschen.

Vielleicht fliessen diese Erzählungen in ein paar Jahren wieder in eine Ausstellung, ein Buch, einen Film oder ein Theater ein. Denn die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ist noch lange nicht auserzählt. ●

▶ «Versorgt. Verdingt. Vergessen?» im Museum Luzern, bis 23. Oktober 2026. museumluzern.ch

▶ «Ich bin einfach niemand gewesen» auf dem Bahnhofplatz in Buchs SG, bis Donnerstag, 9. Juli 2026; im Agrarmuseum Burgrain in Alberswil LU, 11. Juli bis 4. August 2026. Weitere Orte: ichbineinfachniemandgewesen.ch.