Kultur und Hitze : Die Welt in scharf

Nr. 27 –

Kunst als Kühlschrank? Einsichten an einem der heissesten Orte Deutschlands.

Gemälde «Étretat» von Claude Monet
Immerhin ein imaginärer Fluchtweg: Claude Monets «Étretat» (1885) im Frankfurter Städel Museum. The Clark Institute

In der Abteilung «Alte Drucke» sei es am kühlsten, aus konservatorischen Gründen. So steht es sinngemäss auf einem Schild im Frankfurter Städel Museum. Man konnte den Hinweis leicht übersehen. Er sollte wohl nicht allzu offensiv suggerieren, dass man das Museum auch einfach wegen seiner klimatisierten Räume besuchen könnte. Die Leute hatten das inmitten all der gebrochenen «Hitzerekorde» von letzter Woche auch ohne Schild verstanden. In allen Ausstellungen sassen Besucher:innen erleichtert auf den wenigen Sitzgelegenheiten und schauten irgendwohin, oft nicht auf die Kunst.

Dabei hält diese immerhin imaginäre Fluchtwege parat, die über die banale Hitzeberichterstattung vieler Medien («Diese Orte sind bei Hitze spitze!») hinausragen. Die Ausstellung «Monets Küste» mit zahlreichen Darstellungen der berühmten Felsen von Étretat ist allein schon wegen der Vorstellung von Meeresnähe und dem, was man einst «Sommerfrische» nannte, sehenswert. Es soll ja auch Hitzegeplagte geben, die sich mit Gletscherbildern abkühlen.

Doch auch die schönste Aneinanderreihung von Küstenpanoramen schafft keine Kühlkette für den Weg zurück zum Bahnhof: über den braungrünen Fluss Main («kein Badegewässer», heissts lakonisch auf der Website der Stadt), durchs berüchtigte Frankfurter Bahnhofsviertel, einen der extremeren Orte in dieser europäischen Hitzewelle. Das Quartier ist zubetoniert, zugeteert, zugebaut. Geradezu stossend wirken darin die überdesignten Brunnen. Sie spenden gar nichts, weder Kühlung noch Wasser. Ein Rinnsal aus gechlorter Brühe überzieht Mosaikskulpturen. Auf verbrannten «Grünflächen», wo wenigstens der Boden keine zusätzliche Hitze abstrahlt, liegen Obdachlose und Junkies im Schatten dürrer Bäume, überragt von Wolkenkratzern der Deutschen Bahn und der Europäischen Zentralbank.

Wer nichts zum Kühlen dabei hat, ist verloren. Der Gang über die versiegelten Strassen und Plätze fühlt sich an wie das Umluftprogramm des Backofens. Klimatisierte Räume sind so notwendig wie unwirklich. Wer sich in angenehm temperierte Restaurants und Shops flüchtet, betritt auch eine Wahrnehmungsschule. Die Fenster rahmen den öffentlichen Raum zum Bild. Die Hitze draussen ist auf den ersten Blick kaum sichtbar. Und doch ist alles wieder mit Leuchtstift markiert – wie damals während der Pandemie: Ungleichheit und Privilegien treten unerbittlich zutage. Und wie bei Corona wirken viele Behördenratschläge hilflos: «Hände waschen» damals, «Wasser trinken» heute.

Und die alten Drucke? Spätestens im gänzlich ungekühlten Pandämonium Hauptbahnhof mit all seinen kaputten Anzeigetafeln, verspätet oder gar nicht fahrenden Zügen, verschwitzt herumhetzenden Reisenden denkt man zurück an die fantastischen Wimmelbilder von Bruegel aus dem 16. Jahrhundert. Der Niederländer zeichnete Todsünden und Versuchungen als Allegorieorgien. Die Welt als entfesselte Fantasie und überhitzte Baustelle – damals wie heute. Kühler wirds nicht, aber man kann darüber wenigstens diabolisch in sich hineinkichern. ●