Leser:innenbriefe

Nr. 27 –

Risiko des GAU

«Atomausstieg: Es geht ums Geschäftsmodell», WOZ Nr. 26/26

Dass ein AKW in jeglicher Hinsicht das diametrale Gegenteil einer Solarenergieanlage ist, stellt der Redaktor zu Recht fest: Ein AKW ist ein Klumpenrisiko, während PV-Anlagen dezentral und von menschlichem Mass sind. Dass Energiekonzerne, von EDF über Axpo bis zu Alpiq, lieber Grosskraftwerke in ihrem Portfolio haben, als sich mit dem von Kleinproduzenten eingespeisten erneuerbaren Strom herumschlagen zu müssen, ist sicher eine Tatsache. Das hindert sie aber nicht, in die Errichtung von Windanlagen, Solarkraftwerken und Batteriespeichern zu investieren. Energiekonzerne fahren also zumindest zweigleisig.

Warum unterstützen dann (staatskritische) Parteien wie SVP und FDP Atomkraftwerke? Warum ist für die deutsche AfD eine Windkraftanlage zum Feindbild geworden? Ich meine, das hat bei den Parteien nichts mit «Geschäftsmodell» im monetären Sinn zu tun, sondern kommt Wählenden entgegen, die genug haben von allem «Neumodischen», die keine Veränderung wollen, sogar wenn sie riskieren, dass ihr Verhalten – im wörtlichen Sinn – zum GAU führt.

Dieter Kuhn, per E-Mail

Selbstbezogenheit

«Achtsamkeit: Weltvergessen im Bewusstseinsbunker», WOZ Nr. 25/26

Die grossartige Überschrift versprach mehr, als der Artikel einlöste – insbesondere in der Besprechung des ersten Buchs von Matthias Hammer. Zwar dekonstruiert Hammer das klassische Zeitmanagement, nutzt aber exakt dessen Mechanismen. Sein Buch ist ein «Ratgeber gegen Ratgeber». Es liefert Werkzeuge, um die «richtigen» Prioritäten zu setzen, und bleibt damit letztlich ein Instrument zur Selbstoptimierung – nur mit dem Ziel der Sinnstiftung statt der Profitmaximierung. Der Markt ist inzwischen überschwemmt mit Wohlfühlratgebern dieser Art. Sie gehen von der neoliberalen Prämisse aus, dass das Leben in «wertvolle» und «weniger wertvolle» Zeit eingeteilt werden kann.

Erfrischend anders ist der frühere WOZ-Kolumnist Stefan Gärtner in einem Beitrag für die «Titanic» («Friss oder stirb», 2021) das Thema Achtsamkeit angegangen. Unter der Voraussetzung, Freiheit und Selbstbestimmung als Funktion von Selbstoptimierung zu verstehen, könne das Achtsamkeitsarschwort «bewusst» letztlich nur noch das Gegenteil von dem bedeuten, was es vorgebe. Das, was als Achtsamkeit zelebriert werde, legitimiere in der Praxis vor allem eines: Selbstbezogenheit. Sie diene weniger der Verbundenheit mit anderen als der moralischen Absicherung von Rücksichtslosigkeit. «Paradox, aber wahr, dass das Ich, das man nicht hat, alles ist, was einem übrig bleibt, und wer den Eindruck gewinnen muss, dass es nichts bringt, sich um anderes zu kümmern als um sich, der kümmert sich, indem ihn nichts kümmert, sehr schön um jenes Ganze, dem Gleichheit und das gute Leben für alle nur mehr eine kuriose Vorstellung sind.»

Andreas Huber, Zürich

Richtige Fakten

«Spatzen auf Kanonen: Bis zum bitteren Ende», WOZ Nr. 25/26

Über die musikalische wie politische Entwicklung der Toten Hosen und ihr Selbstbild kann man sich bekanntlich streiten. Aber wenn man schon einen eher spöttischen Text zum geplanten Abschied der Band schreibt, dann doch bitte mit den richtigen Fakten. Zumal man extra noch auf den «vollkommen objektiven», aber offenbar nicht gut genug recherchierten Text hinweist.

Die Toten Hosen haben diesen Juni lediglich in Zürich gespielt. In Bern waren sie nicht. Bern wird zwar die (vermutlich) letzte Show in der Schweiz sein, aber erst 2027! Und auf der Coverplatte des neuen Doppelalbums ist Bettina Wegner nicht die einzige Frau; Vicky Leandros und Beki Bondage sind auch mit dabei. Es grüsst eine Leserin, die viele Jahre lang glühender DTH-Fan war.

Katharina Knecht, per E-Mail

Länger leben bei Maximalrente

«13. AHV-Rente: Abbruchtruppe unterwegs», WOZ Nr. 26/26

Vielen Dank für den Rückblick auf die bürgerliche Zwängerei, die AHV-Finanzierung schlecht darzustellen. Diese begann schon im Abstimmungskampf zur Gründung der AHV. Praktisch alle Abstimmungen zur «Sanierung der AHV» verloren sie, und dennoch legen sie für jede AHV-Abstimmung die gleiche Platte auf. Ein Hauptgrund dürfte sein, dass der maximale versicherte Lohn über keinen Lohndeckel verfügt – obwohl die AHV-Rente plafoniert ist. Diese sinnvolle Umverteilung der AHV-Beiträge von hohen zu tiefen Löhnen wird als toxisch wahrgenommen, obwohl sie hilft, den sozialen Frieden zu wahren.

Verschwiegen – und in allen Debatten auch von der linken Ratsseite noch nicht wahrgenommen – wird der Umstand, dass gerade Versicherte aus höhergestellten Berufen länger AHV-Renten beziehen, im Regelfall die Maximalrente. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Gesundheit, sicherem Job, hoher beruflicher Position und einer überdurchschnittlich hohen Lebenserwartung. Wer in bescheideneren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen lebt, stirbt im Durchschnitt früher als Bessergestellte. Das belegt eine Studie nun erstmalig auf einer sehr breiten Datenbasis für Männer (Hans-Böckler-Stiftung). Ab Erreichen des Rentenalters dreht die Umverteilung durch die AHV wieder von oben nach unten.

Michel Baudois, per E-Mail