Literatur : Im Gefängnis der Freiheit
Der neue Roman von Catalin Dorian Florescu mündet in einen irritierenden Akt der Selbstjustiz.
Matei Munteanu sitzt seinem früheren Peiniger buchstäblich im Nacken: «Das erste Mal, als ich meinen Henker wiedersah, war in einem schäbigen Bukarester Bus.» Der neue Roman von Catalin Dorian Florescu beginnt mit einer vielversprechenden Irritation. Weil dieser Henker, Leutnant Pană, Matei «nur» im übertragenen Sinn hingerichtet hat, kann der Gefolterte seinem Folterer Jahrzehnte später wieder begegnen. Und er beschliesst, sich an ihm zu rächen.
«Matei entdeckt die Freiheit» ist ein historischer Roman über das Schicksal eines Mannes in und am Ausgang der kommunistischen Diktatur Rumäniens und handelt von Menschlichkeit und Schuld, von Rachegelüsten und der Frage, ob es die Freiheit, eine von Diktatur geprägte Vergangenheit hinter sich zu lassen, überhaupt geben kann.
«Mit Gott an der Spitze»
Als junger Erwachsener wird Matei wegen seiner politischen Gedichte inhaftiert, gefoltert und ins Arbeitslager an der Donau verfrachtet, wo er ganze sieben Jahre schuftet, hungert und Mithäftlinge sterben sieht. Kommandant Pană, Repräsentant des repressiven Regimes ab den fünfziger Jahren, erstickt bei Matei jede Aussicht auf ein unbelastetes Leben: Er bestimmte, so Matei, «über mein ganzes Leben, allmächtig wie Gott». Diese Beschreibung des Regimes als Religion zieht sich durch den Roman – und führt trotz der brutalen Erzählung zwischendurch zu einer gewissen Situationskomik. Ein anderer Kommandant zum Beispiel, der die Gefangenen im Straflager abliefern soll, will als Gott bezeichnet werden. Nach einem Schlag in die Magengrube antwortet Matei: «Jawohl, Genosse … Gott.»
Florescu inszeniert das Regime als eine Art Ersatzreligion, als nicht zu hinterfragende Autorität, die absoluten Glauben und Folgsamkeit verlangt. Derweil müssen Kirchen, einst Zufluchtsstätten, dieser «Religion für den täglichen Gebrauch» weichen und werden buchstäblich niedergemäht: «Er stieg auf einen Bulldozer und fuhr auf den Altar zu. Wir alle schauten zu, bis von diesem nichts mehr übrig geblieben war.»
Neben diesen religiösen Anspielungen zeigen sich im Roman auch zyklische Entwicklungen. So wurde bereits Mateis Vater als sogenannter Volksfeind inhaftiert, ausserdem muss der Protagonist im Verlauf seines Lebens immer wieder seine Habseligkeiten verkaufen, um über die Runden zu kommen. «Im Café und im Kino folgte eine Generation auf die nächste, nur die Diktatur blieb dieselbe», heisst es einmal treffend.
Der selbst in Rumänien geborene Schweizer Autor und Psychologe Florescu legt mit «Matei entdeckt die Freiheit» seinen achten Roman vor. Knapp, aber mit beeindruckender Lebendigkeit beschreibt er das Leben in Bukarest in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beispielsweise in Form der besonderen Beziehung der Menschen zu ihrer Einkaufstasche: Sie ist immer dabei, falls es entgegen der Erwartung etwas zu kaufen gibt.
Was bedeutet Freiheit?
Beim zentralen Thema des Romans, der Freiheit, interessiert sich Florescu vor allem für die Frage, was dieser Begriff überhaupt bedeutet und ob Freiheit nicht, wie Matei einmal hört, immer «eine Frage der Perspektive» ist. Klar, es gibt Abgrenzungen: Am offensichtlichsten zeigt sich die Abwesenheit von Selbstbestimmung bei Matei im Arbeitslager. Aber in anderer Form fühlt er sich auch später unfrei. Nach seiner Begnadigung stellt er fest, dass «das ganze Land sich in eine Zelle verwandelt hatte» und er mit seiner Entlassung überfordert ist. In der Kolonie sei «alles klar gewesen, die Seiten eindeutig», nun hingegen steht er «ohne Gebrauchsanweisung für die Freiheit da». Umgekehrt scheint Ende der achtziger Jahre mit der Öffnung Rumäniens zum kapitalistischen Westen eine neue Freiheit gewonnen zu sein, etwa in Form von Getränkeautomaten: «Die ersten Jahre der Freiheit schmeckten nach Kiwi und Mango», doch auch diese Freiheit wird sich als Täuschung herausstellen.
Zu dieser Zeit begegnet Matei Leutnant Pană im Bus – und entschliesst sich, seine Rachegelüste in die Tat umzusetzen. Denn von den Schergen des Regimes scheint niemand zur Rechenschaft gezogen zu werden. So findet Matei in der Rache Sinn. Sein Plan scheint sogar «entzündungshemmend, schmerzstillend und muskelstärkend» zu sein. Zumindest vorerst. Denn er kapselt sich von seinem Leben und seiner Familie ab und zieht im Grunde eigenhändig die Mauern zu einem neuen Gefängnis.
Doch gerade in Mateis Akt der Selbstjustiz liegt ein grosser Reiz dieses Romans. Die Freiheit, eigenständig Entscheidungen zu treffen, heisst auch, Verantwortung für diese übernehmen zu müssen. Indem er sich rächt, überschreitet Matei eine moralische Grenze. Das erzeugt beim Lesen eine Reibung. Zugleich besteht ein gewisses, wenn auch mulmiges, Verständnis für Mateis Wunsch nach Vergeltung und Gerechtigkeit. Aber «Matei entdeckt die Freiheit» zeigt eben auch, dass weder Rache noch Reue menschliche Gräueltaten ungeschehen machen können. ●