Pop : Bellen, Fauchen, Wimmern
YHWH Nailgun ist eine der aufregendsten Indiebands. Nur die Lyrics nerven.
Wann ist etwas kurz genug? Die besten Konzerte zum Beispiel dauern oft nicht länger als 35, 40, allerhöchstens 50 Minuten, nicht nur im Punk oder im Hardcore. Kein ewiger Aufbau, keine Zugabe und zu Ende, solange es noch gut ist.
Und Alben? «Magazine» von YHWH Nailgun wäre sogar für Hardcore-Verhältnisse kurz, dabei ist die New Yorker Band eher im experimentellen Rockbereich zu verorten, wo es unter Umständen auch mal lang dauern kann. Dieses Album aber: zehn Tracks in elf Minuten und neun Sekunden, nochmals zehn Minuten kürzer also als der Vorgänger «45 Pounds» – das Debütalbum vom letzten Jahr kam auf satte zwanzig Minuten. «Magazine» nun ist schon fast eine Frechheit, weil das gar keine fertigen Songs sind, sondern Anfänge, Rümpfe, Splitter, die mal ausfaden, mal einfach abbrechen, schon wird man vom nächsten Track durchgeschüttelt, der, wie etwa beim Titelsong, auch nur 35 Sekunden dauern kann.
Eher Explosionen
Das nervt, auf eine gute Art. Auch weil das zehn ziemlich tolle Ideen sind, die hier versammelt und ein weiterer Beweis dafür sind, wie diese Band innert kürzester Zeit an Tempo und Intensität gewinnen kann. Keine Songs, eher Explosionen. Das liegt nicht nur, aber auch am so präsenten Schlagzeug von Sam Pickard, der sportlich-wild, aber nie angestrengt spielt: Es gibt diesen eigentlich düsteren, immer wieder auch an Industrial mahnenden Tracks eine unerwartete Leichtigkeit.
Wie aussergewöhnlich diese Band klingt, liegt ebenfalls nicht nur, aber auch an Sänger Zack Borzone, dessen Bellen, Growlen, Fauchen, Wimmern (und ab und zu Singen) neu ohne Effekte auf der Stimme daherkommt und immer noch hinreissend ist. Borzone ist gut darin, nicht nur seine Stimme, sondern seinen ganzen Körper als Instrument zu benutzen. Live sieht das manchmal beinahe besorgniserregend aus, wie er zuckt und zappelt, sich verrenkt und sich kontrolliert-unkontrolliert in die Musik hineinwirft, mit irrem, bestimmtem, dann wieder leerem Blick ins Publikum starrt. Vielleicht hat er Schauspiel gelernt oder Clown. Sowieso ist YHWH Nailgun live eine umwerfende Band. Vor zwei Jahren an der Bad Bonn Kilbi, zur undankbaren Zeit um vier Uhr nachmittags auf der taghellen Hauptbühne, ebenso anderthalb Jahre später drinnen im Club: beides tolle Konzerte, hochkonzentriert und explosiv, mit einem aufmerksamen Publikum. Und, ja, kurz genug waren sie auch.
Düstere Männerfantasien
Weniger hinreissend, leider: die Texte, die beim ersten und auch beim zweiten Hören wegen Borzones Art, zu singen, nicht im Vordergrund stehen – auch die Songtextwebsite Genius stösst da und dort an ihre Grenzen. Überall Fragezeichen, fehlende Lyrics. Wenn man aber genau hinhört oder, besser gesagt, nachlesen geht: Ojemine. Da ist viel Dunkles, christlich Symbolisches (Opferlämmer in «Magazine», Dämonenkinder in «Sewer Tree», blutige Augen und Hände in «Give Blood») – nichts Neues, erwartbar bei dem Bandnamen und als Metalanleihe auch in Ordnung.
Da sind aber auch düstere Männerfantasien wie aus den schlechtesten Zeiten der Beat Generation, etwa jene vom Gaspedal, das einen zum Teufel ebenso wie in den Frieden bringt («To the Devil»). Sänger Borzone ist auch Lyriker, er würde es lieber sein lassen. Ein problematisches Verhältnis zu Frauen schimmerte schon auf dem Debütalbum «45 Pounds» durch, leider wird es auf «Magazine» nicht besser (am schlimmsten auf «Ballerina», wo Borzone der Tänzerin droht, sie komme ihm nicht davon).
Das nervt, auf eine schlechte Art. So aufregend diese Band musikalisch ist, so wenig originell sind diese Lyrics in ihrem dummen, verletzten männlichen Stolz. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen. Immerhin kann man von Glück reden, dass sie vor lauter Fauchen und Wimmern kaum verständlich sind. ●