Rechtsaussen in Frankreich : Für einen Fascho «ganz nett»
Nächste Woche entscheidet sich, ob Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen antreten darf. Wenn nicht, steht Jordan Bardella bereit – der nicht minder radikal ist.
Jordan Bardella schüttelt in Warschau die Hand des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, schaut in die Kameras: zufrieden, bestimmt. Im Hintergrund die Flaggen Frankreichs und Polens. Es ist ein Auftritt, wie man ihn von Staatschefs kennt. Oder von solchen, die dies werden wollen. Noch ist Bardella nichts davon, zumindest nicht offiziell.
Der zweitägige Polenbesuch des Vorsitzenden des rechtsextremen Rassemblement National (RN) Mitte Juni sollte die europäischen Allianzen der Partei stärken. Doch besteht kein Zweifel daran, dass Bardella auch im Hinblick auf Frankreichs Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr sein internationales Netzwerk pflegt.
Seit Monaten präsentieren sich Bardella und seine Förderin Marine Le Pen als Duo mit klarer Rollenverteilung: Le Pen, die Frontfrau der populistischen Partei, die 2027 einen weiteren Anlauf nehmen will, um Präsidentin zu werden, Bardella, der künftige Premierminister – oder Präsidentschaftskandidat, falls seine Mentorin nicht antreten darf.
Ob es dazu kommt, wird sich in Kürze zeigen: Am 7. Juli urteilt ein Berufungsgericht darüber, ob sich Le Pen der Veruntreuung von EU-Geldern schuldig gemacht hat. Im März 2025 hatte die Justiz sie in erster Instanz verurteilt und unter anderem ein fünf Jahre währendes Verbot verhängt, für öffentliche Ämter zu kandidieren. Bei einer Bestätigung von Urteil und Strafmass wäre Le Pen von der anstehenden Präsidentschaftswahl ausgeschlossen. Zwar könnte sie das Urteil weiterziehen, würde aber wohl aus wahltaktischen Gründen auf eine Kandidatur verzichten.
Die Wahlkampfmaschine von Jordan Bardella läuft derweil schon lange auf Hochtouren. Im Winter resite er durch das Land, um sein zweites Buch, «Ce que veulent les Français», vorzustellen. Darin gibt er sich als Heilsbringer angesichts der Probleme, die zwanzig von ihm porträtierte Französ:innen beschäftigen. Während Le Pen sich rarer macht, ist er in Radio und Fernsehen Dauergast, reist nach Italien, Portugal, Brüssel. Zu gefühlt jedem grösseren Ereignis äussert er sich über Videos auf Social Media, in staatsmännischer Manier, an einem Schreibtisch sitzend, die französische Flagge im Hintergrund, stets im Anzug, die Frisur makellos.
Damit hat Bardella Erfolg. Umfragen zur Präsidentschaftswahl führt er seit geraumer Zeit deutlich an. Er schneidet darin auch besser ab als Le Pen. Könnte ihm im Fall einer Kandidatur gelingen, was seiner Förderin bereits dreimal versagt blieb?
Gefährliche «leere Hülle»
Am 1. Mai drängen sich im ostfranzösischen Mâcon Tausende in brütender Hitze durch die Sicherheitskontrollen der Mehrzweckhalle Le Spot. Wie jedes Jahr hält der RN an diesem Tag eine grosse Versammlung ab. Im Innern des Areals stehen Besucher:innen für Pommes frites, Hotdogs oder Glace Schlange, ein Stand bietet Fanartikel an – die Gesichter der Parteigrössen auf Kalendern und Kaffeetassen.
Die Menge ist bunt: junge Männer mit Hemden, Frauen in Glitzertops, vereinzelt auch Familien mit kleinen Kindern. Viele geben bereitwillig Interviews. «Die Franzosen zuerst!», ruft eine Frau in den Sechzigern. Andere sind zurückhaltender. Er sei nicht unbedingt RN-Anhänger, sagt ein Pensionär mit gestreiftem T-Shirt und Kappe, aber er wolle sich ein Bild von der Partei machen. Die Zeiten, in denen es schambehaftet war, Le Pen zu wählen, sind vorbei. «Der RN ist zunehmend eine Partei wie jede andere», sagt der Rentner. Es ist das Ergebnis von Marine Le Pens «Entdiabolisierungs»-Strategie. Seit Jahren setzt sie alles daran, die von ihrem offen antisemitischen Vater Jean-Marie Le Pen geerbte Partei aus der rechten Schmuddelecke zu führen. In Bardella scheint sie dafür die passende Figur gefunden zu haben.
Die Geschichte vom Aufstieg des Dreissigjährigen ist auch die eines sorgfältig gepflegten Images. Bardella wuchs in einer Einwander:innenfamilie mit italienischen und algerischen Wurzeln in der nordöstlichen Banlieue von Paris auf. Die Eltern trennten sich früh, die Mutter, eine Kindergartenassistentin, zog ihn in einem Sozialwohnbau in bescheidenen Verhältnissen gross. Wenn Bardella von seiner Herkunft spricht, erzählt er diese Geschichte. Eine, in der er gelernt habe, was es heisse, zum hart arbeitenden Teil der Bevölkerung zu gehören, in der Kriminalität, Unsicherheit und der radikale Islam allgegenwärtig gewesen seien. Von seinem Vater, einem Unternehmer, der ihm den Besuch einer Privatschule, eine Reise in die USA, ein Auto und später eine Wohnung zahlte, spricht er kaum.
Als er beginnt, sich beim RN zu engagieren, der damals noch Front National heisst, ist Bardella sechzehn Jahre alt. 2015 wird er Abgeordneter im Regionalparlament der Region Île-de-France. 2018 macht ihn Marine Le Pen zum Leiter der Jugendorganisation der Partei, ein Jahr später, mit 23, zum Spitzenkandidaten bei den Europawahlen. Zu dieser Zeit beginnt er, mit dem Medientrainer Pascal Humeau zu arbeiten. Seine Aufgabe habe darin bestanden, «eine leere Hülle» in einen Politprofi zu verwandeln, sagt dieser später in einer Dokumentation. Der dereinst steife junge Mann sollte zum Charismatiker werden. «Damit die Leute, die ihn schon von vornherein nicht ausstehen können, sich wenigstens sagen: Für einen Fascho wirkt er ganz nett.»
Wie sehr Bardella das heute beherrscht, zeigt sich in Mâcon. Unter Jubelrufen bahnt er sich den Weg zur Bühne, schüttelt Hände, posiert für Selfies. Er spricht vom hart arbeitenden Frankreich, das im Stich gelassen werde, von Präsident Emmanuel Macrons «desaströser Bilanz», von seinem Land, das «kein Hotel» sei «und auch keine Sozialhilfestelle». Stärker als Le Pen interagiert er mit dem Publikum, geht auf Zwischenrufe ein, scherzt.
2022, mit gerade einmal 27 Jahren, wurde Bardella Parteichef. «Ich mache Politik nicht mit Blick in den Rückspiegel», sagte er 2025 bei einem Besuch in Israel, dem ersten überhaupt für einen Vorsitzenden seiner Partei, die 1972 von ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS mitgegründet worden war. Anders gesagt: Der Antisemitismus, der offene Rassismus, die Skandale, das war vor seiner Zeit.
Plötzlich in der High Society
Bardella mag sich elegant kleiden und smart geben, gemässigt ist er in seinen Positionen aber keineswegs. Le Pens radikale Linie in Einwanderungsfragen – die Partei will etwa eine «nationale Präferenz» einführen, um französische Staatsbürger:innen bei Sozialleistungen zu bevorzugen – trägt er überzeugt mit. 2023 behauptete er in einem Interview, der mehrfach verurteilte Holocaustleugner Jean-Marie Le Pen sei kein Antisemit gewesen. Zu Beginn seiner politischen Karriere war Bardella mit einer Rechtsextremistin liiert, deren Vater, der Neofaschist Frédéric Chatillon, in seiner Jugend die gewalttätige, rechtsradikale Gruppe GUD geleitet hatte.
Den Ausdruck «grand remplacement», der sich auf die Verschwörungstheorie eines orchestrierten Austauschs der weissen Französ:innen durch Einwander:innen aus nichteuropäischen Ländern bezieht, meidet Bardella zwar – sagt in Interviews aber, dass solche Verhältnisse in Teilen Frankreichs existierten. Vor wenigen Tagen zeigte das Onlinemedium «Mediapart» zudem eine Verbindung zur Neonaziszene in der Schweiz auf: Anfang Jahr heuerte der Thinktank der Patrioten für Europa, eine rechtsextreme Fraktion im EU-Parlament, der Bardella vorsteht, den Schweizer Manuel Corchia, Neonazi und Mitgründer der Gruppe Junge Tat, für die Kommunikation bei zwei ihrer Events an.
Bardellas Popularität scheint all das nicht zu schaden. Auch Vorwürfe von Kritiker:innen, er sei nur eine Marionette Le Pens, sind verstummt, seit er sich politisch von ihr abhebt. Etwa in der EU-Politik: Während Le Pen im letzten Wahlkampf bei jeder Gelegenheit gegen den deutschen Nachbarn wetterte, gibt sich Bardella versöhnlich. Wirtschaftspolitisch tritt er liberaler auf, geht auf Verbände und Unternehmer:innen zu, die dem RN lange skeptisch gegenüberstanden.
Womöglich hat er damit etwas in Bewegung gesetzt: Im April traf sich auch Le Pen mit einem Dutzend einflussreicher Unternehmer, darunter der Milliardär Bernard Arnault, Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH. Das lässt sich als Zeichen einer fortlaufenden Annäherung der Wirtschaftselite an die extreme Rechte des Landes lesen. Und als Strategie Bardellas, dort Wähler:innen zu gewinnen, wo die Partei bisher wenig Erfolg hatte: in den grossen Städten, bei den Eliten, die traditionell die Rechten wählten.
Gerade im eigenen Lager gibt es aber auch Befürchtungen, so Stammwähler:innen zu vergraulen. Als Bardella im Frühjahr seine Beziehung zu einer italienischen Adligen, der 23-jährigen Maria Carolina von Bourbon-Zwei-Sizilien, öffentlich machte, wurden ebenfalls Fragen laut: Leidet die Glaubwürdigkeit eines Mannes, der seinen Ruf auf seiner einfachen Herkunft gebaut hat, wenn er nun in Kreisen der High Society verkehrt? Vor allem, wenn dieser sich, wie Anfang Juni, lieber mit seiner Partnerin am Grand Prix von Monaco zeigt, anstatt am Gedenkmarsch für ein elfjähriges Mädchen teilzunehmen, das Ende Mai in Südfrankreich entführt, vergewaltigt und ermordet wurde? Der Fall hatte schwere Versäumnisse der Justiz zutage gefördert und das ganze Land erschüttert.
«Er datet, wen er will», sagt eine junge Frau in Mâcon. «Seine Beziehung stört mich überhaupt nicht», eine andere. Dennoch: Womöglich könnte Bardella im Fall einer Kandidatur gerade die Nähe zum «System», gegen das seine Partei bei jeder Gelegenheit wettert, zum Verhängnis werden.
In Mâcon jedenfalls scheint die Mehrheit der Besucher:innen nach Ende der Veranstaltung zufrieden. «Marine hat etwas technisch gesprochen», sagt eine ältere Frau zu ihrem Begleiter, «anders als Jordan. Er hat alle wichtigen Themen benannt, da war alles da.» Für sie ist die Frage, wer der bessere Kandidat wäre, schon beantwortet. ●