Sachbuch : Aufmüpfiger Architekt
Er ist Urheber einiger besonders lebensfroher Bauten: der Architekt Niklaus Fritschi. In seinem Buch «Über Leben und Bauen» erzählt der Achtzigjährige von seiner Kindheit in Rorschach, seinen Reisen, seinem Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf in den wilden siebziger Jahren – und natürlich von den Projekten, auf die er besonders stolz ist. Etwa die Gestaltung der Promenade am Rheinufer in der Düsseldorfer Altstadt. Seine Idee, wellenförmige blaue Steine zu verwenden, hatte genauso zu Protesten bei den Behörden geführt wie das Varieté-Theater «Apollo», das er unter eine Rheinbrücke baute, direkt neben den Landtag Nordrhein-Westfalen – eine Respektlosigkeit, hiess es.
An Widerstände war Fritschi gewöhnt. Schon seine Diplomarbeit an der Kunstakademie stiess auf Kritik. Er hatte die sozialverträgliche Sanierung einer Arbeiter:innensiedlung in Oberhausen geplant, gemeinsam mit dortigen Bewohner:innen. Das Prüfungsgremium befand, eine Diplomarbeit müsse «eigenständig» geleistet werden. Zum Glück setzte sich der renommierte Hans Hollein, damals Professor für Baukunst in Düsseldorf, für ihn ein.
Fritschis reich bebildertes Buch ist ein Stück Kulturgeschichte, beginnend mit der Schilderung des Alltags im Rorschach der Nachkriegszeit. Es war eine Industriestadt, der Vater arbeitete in der Kunstseidenfabrik Feldmühle und starb früh an einer Viskosevergiftung. Von der Mutter bekam Niklaus die Lebensfreude und den Sinn für Kunst mit. Seine detaillierte Schilderung von Bauten und Orten, die ihn inspirierten, öffnen auch unkundigen Leser:innen die Augen für die Architektur.
Fritschis Fantasie hat einen anarchistischen Zug. Seine Farbgebung überrascht bis heute die Betrachter:innen: Die Häuschen seiner Eigenheimsiedlung in Düsseldorf-Gerresheim leuchten schon von weitem in knalligem Rot, Grün und Blau. Leider macht ihm seit Jahren eine Augenkrankheit das Arbeiten unmöglich. Aber dieses lebendige Buch trotzte er ihr noch ab. ●