Wetterleuchten : Ventilatoren für alle

Nr. 27 –

Anna Jikhareva denkt über die Hitzewelle als Klassenfrage nach

Für einmal soll es an dieser Stelle tatsächlich ums Wetter gehen, schliesslich trägt die Kolumne dessen Leuchten schon im Namen. Genauer um die Hitzewelle, die die Temperaturen in Europa gerade in immer neue Rekordhöhen schnellen liess.

Die Tage las ich eine eindrückliche Reportage aus Paris, in der auch einmal jene ausführlich zu Wort kamen, die in der Berichterstattung über die Auswirkungen der Klimakrise in unseren Breitengraden so gerne vergessen gehen. Jene, die es sich nicht aussuchen können, in den kühleren, begrünten Quartieren zu leben. Die stattdessen in schlecht isolierten Wohnungen in versiegelten Betonsiedlungen vor sich hin schwitzen, um nach einer Nacht ohne Schlaf auf überhitzten Baustellen zu schuften oder in anderen exponierten Berufen. Jene, die aus Angst vor der nächsten Stromrechnung keinen Ventilator anschaffen und sich auch keinen erfrischenden Sommerurlaub leisten können.

Dass europäische Städte offensichtlich schlecht gegen die Hitze gewappnet sind, obwohl man seit Jahren um die Entwicklung weiss, dass prekarisierte Personen erst recht schlecht geschützt sind: Diese Erkenntnis gilt natürlich auch für die Schweiz. Zwar existieren kantonale und städtische Aktionspläne, verbindlich sind die allerdings meist nicht. Lieber appelliert man wie hierzulande üblich an die Eigenverantwortung: Viel trinken, Fenster schliessen, in der Wohnung bleiben. Aber was, wenn es dort unerträglich heiss ist? Ausreichenden Schutz für Kitas, Schulen oder Pflegeheime sucht man ebenso vergeblich wie eine nationale Strategie. Und wer erinnert sich noch an die Klimaseniorinnen, die zwar gerichtlich durchsetzten, dass ältere Menschen vor den Folgen der Klimaerhitzung zu schützen sind, dafür aber mit Häme übergossen wurden, während das Parlament das Urteil aus Strassburg aktiv hintertrieb? Daniel Jositsch, Andrea Caroni, wir erinnern uns.

Die Gewerkschaften fordern indes für besonders heisse Tage seit langem einen Arbeitsstopp bei Tätigkeiten im Freien. Während der Kanton Genf dem Anliegen kürzlich gefolgt ist, lehnt Zürich die Massnahme wegen «mangelnder gesetzlicher Grundlage» ab. «Ein Arbeitsstopp hätte erhebliche Auswirkungen auf Bauabläufe», lässt auch der Baumeisterverband verlauten. Sollen sie sich doch zu Tode schuften, Hauptsache, die Profite fliessen.

Dass jene, die vom Kapitalismus profitieren, sich auch am besten vor dessen Folgen schützen können, ist keine Überraschung. Und eigentlich wäre auch die Erkenntnis banal, dass die Superreichen die Hauptverantwortung für die Klimakrise tragen, während die Armen ihre Folgen am meisten spüren, ohne selbst zur Erhitzung beizutragen. Wäre da nicht die frappante Diskrepanz in der Wahrnehmung: Gemäss einer Studie von 2024, an der die Uni Basel mitarbeitete, unterschätzen nämlich viele die Emissionen der Reichen, während sie jene der Armen stark überschätzen.

Über eine Meldung aus dem Hitzekosmos habe ich mich indes gefreut: Der Eintritt in die kühlen Räume des Basler Museums der Kulturen ist bis auf Weiteres gratis. Kleine Gesten der Solidarität, die deshalb nicht weniger wichtig sind. Eigene Strukturen gegenseitiger Hilfe. Bei den Bewohner:innen der Betonsiedlungen vorbeischauen, sie nach ihren Bedürfnissen fragen, einen Pool aufstellen oder einen Ventilator. Dass der Staat auch schon mehr Verantwortung übernommen hat, zeigt übrigens eine Episode aus der Vergangenheit: Zürichs schönster Pool, das Max-Frisch-Bad, wurde seinerzeit speziell als «Volksbad» für die Erholung von Arbeiter:innen und ihren Familien gebaut. ●

An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.