An der Aussengrenze : Die unfrohe Botschaft von Lampedusa
Papst Leo XIV. reiste auf die italienische Insel, um die unmenschliche Flüchtlingspolitik anzuprangern. Dort kommen deutlich weniger Menschen an als in der Vergangenheit.
Seine Mutter starb auf der Überfahrt im Boot, Leonardo Derek Montana erreichte Lampedusa als Waise. Ein Jahr war er da alt. Heute, fast genau zehn Jahre später, steht der aus Ghana stammende Junge wieder an der Küste der Mittelmeerinsel. Die Ärmel seines blauen Hemdes hat er hochgekrempelt, er trägt eine weisse Hose und weisse Schuhe, in der Hand hält er einen Brief. Seine italienische Adoptivmutter steht hinter ihm, als Papst Leo XIV. seine Hand ergreift und sie lange schüttelt.
Leonardo faltet den Brief auseinander und liest vor. Auf Italienisch hat er darin seine Geschichte aufgeschrieben. Dann nimmt der Papst ihn und ein Mädchen bei der Hand. Ihr Name ist Maria, ihre aus Côte d’Ivoire stammende Mutter gebar sie direkt nach ihrer Ankunft mit einem Flüchtlingsboot auf Lampedusa. Gemeinsam schreiten die drei zur Porta d’Europa, einem Mahnmal für die Toten im Mittelmeer, das sich hier, am südlichsten Punkt Italiens, über der Steilküste erhebt.
Katholische Nächstenliebe
Die Porta d’Europa ist die erste Station des Oberhaupts der Katholiken auf der Mittelmeerinsel am vergangenen Samstag. Sieben von zehn Menschen, die Italien über das Meer aus Afrika erreichen, landen auf Lampedusa. Die Insel steht seit Jahren sowohl für die Hoffnung auf ein besseres Leben, die jedes Jahr Zehntausende über das Mittelmeer treibt, als auch für den tausendfachen Tod infolge der Abschottungspolitik.
Der halbjährige Youssef Ali Kanneh starb am 14. November 2020 an Bord eines Flüchtlingsboots nach Lampedusa. «Why so soon my dear» (Warum so früh, mein Liebling), steht heute über einem Foto des Babys auf dem Grab, an dem Papst Leo am Samstag einen Kranz ablegte. Allein in jener Woche, in der Youssef starb, gab es südlich von Lampedusa vier Schiffsunglücke mit insgesamt 140 Toten. Die Staatsanwaltschaft eröffnete damals ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf unterlassene Hilfeleistung. Eine spanische NGO hatte die Behörden schon früh auf die Notlage aufmerksam gemacht, in der sich das Boot von Youssef und seinen aus Gambia stammenden Eltern befunden hatte.
Dass der Papst sich für eine humanere Flüchtlingspolitik einsetzt, ist kein Novum. Leos Vorgänger Franziskus hatten Seenotrettungs-NGOs einst sogar gefragt, ob sie nicht unter der Flagge des Vatikans fahren könnten. Daraus wurde am Ende zwar nichts, aber die Idee war ihnen nicht von ungefähr gekommen: Deutlich hatte sich Franziskus an die Seite der Geflüchteten gestellt, seine erste Reise im Amt hatte ihn nach Lampedusa geführt.
Der aus Illinois stammende Leo XIV., bürgerlich Robert Francis Prevost, hatte den Besuch auf Lampedusa schon kurz nach seiner Amtsübernahme angekündigt. Dass er die Insel nun ausgerechnet am 4. Juli, dem 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der USA, besuchte, werteten viele als klares Statement gegen Donald Trump. Seine Konfrontationen mit dem Maga-Lager waren zuletzt immer schärfer geworden. So behauptete der rechte US-Milliardär Peter Thiel etwa vergangene Woche, Leo arbeite «für die chinesischen Kommunisten», weil er für KI-Regulierungen sei. Streit gab es auch, nachdem der konvertierte Katholik und Vizepräsident J. D. Vance behauptet hatte, die Bibel gebiete, zunächst die eigene Familie, dann das eigene Volk und erst dann die Schwachen im Rest der Welt zu lieben. Leo widersprach dem: «J. D. Vance liegt falsch: Jesus fordert uns nicht auf, unsere Liebe zu anderen abzustufen.»
Wenig Begegnung mit der Bevölkerung
Der Besuch des Papstes am 4. Juli sei «seine Antwort auf Trumps grauenhafte Migrationspolitik», glaubt Giusi Nicolini, die linke Exbürgermeisterin von Lampedusa. Diese wollten heute auch viele in Europa kopieren. «Der Aufstieg der extremen Rechten, die überall auf der Welt von ‹Remigration› reden – das ist sehr gefährlich.» Sie hoffe, dass die Worte des Papstes zumindest die Katholik:innen erreichen. Viele in Italien seien sehr gläubig, aber auch sehr rechts. «Doch sie müssen verstehen, dass die Politik der Zurückweisung auch bedeutet, Menschen zu töten.»
Die Bevölkerung Lampedusas hatte sich lange Zeit bei der Versorgung der Menschen stark engagiert. Das sei heute anders, sagt Nicolini. In den Strassen Lampedusas sehe man heute keine einzige Migrant:in mehr. «Sie sind unsichtbar gemacht worden.» Während sich Geflüchtete einst frei auf der Insel hätten bewegen können, seien sie heute im «Hotspot» genannten Lager des Roten Kreuzes interniert und würden beschleunigt abgefertigt, erzählt Edoardo Avio, der Koordinator der NGO Maldusa. Es gehe in erster Linie darum, ihre Fluchtroute auszuleuchten. Vor allem aber fehle es so an Möglichkeiten zur Begegnung: «Die Menschen werden von der Bevölkerung ferngehalten.»
Italienische Betroffenheit
137 Menschen sind an diesem Wochenende im Lager mit 600 Plätzen, das lange restlos überfüllt war. Einer der Gründe für den Rückgang sei, dass das zentrale Mittelmeer heute «hochmilitarisiert» sei, sagt Avio. So setzten Grenzschützer:innen etwa Drohnen ein, um die Flüchtlingsboote auf dem Meer zu identifizieren. «Sie geben ihre Koordinaten an die libysche Küstenwache weiter, die sie einfängt und zurückbringt.» 27 000 Menschen wurden so nach Uno-Angaben allein 2025 nach Libyen zurückgeholt.
Was ihnen dort angetan wird, davon berichten die Aktivist:innen der Gruppe Refugees in Libya. Eine ihrer Gründer:innen ist Naeima Yaqoub. Fünf Mal, so berichtet die junge Frau, habe sie versucht, mit dem Boot Lampedusa zu erreichen. Der Gedanke an das Leid, das Migrant:innen in Libyen systematisch angetan werde, «lässt meinen Körper jetzt noch beben», sagt Yaqoub. Den Europäer:innen sei lange immer nur ein abgeschwächtes Bild dieser Brutalität vermittelt worden, die mit ihrem Geld finanziert werde. «Wir haben die Nase voll davon, dass man die Realität so schönredet.» Am Samstag nimmt die Gruppe ein Video an der Porta d’Europa auf: «Papst Leo, schau durch dieses Tor auf die libysche Hölle, durch die wir auf diese Insel gekommen sind», sagen die Aktivist:innen darin.
Im Stadion, wo Papst Leo nach dem Besuch der Porta d’Europa auftritt, tragen fast alle Besucher:innen gelbe und weisse Vatikan-Käppis, viele haben sich T-Shirts mit dem Bibelzitat «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen» aus dem Matthäus-Evangelium angezogen. Der mit Unterstützung der rechtsextremen Lega ins Amt gebrachte unabhängige Bürgermeister Filippo Mannino darf die Messe eröffnen. «Das Mittelmeer ist hier nicht nur Freude und Schönheit, sondern auch Schmerz und Tod. Manche kommen nie am Ende ihrer Reise an, wir tragen sie alle in unserem Herzen», sagt er, während im nahen Hafen die Schiffe der Küstenwache am Quai liegen.
Dann spricht Leo, und sein zentraler Satz lautet: «Die Toten in diesem Meer sind sowohl Opfer getroffener als auch ausgebliebener Entscheidungen.» Er erinnert damit auch daran, dass die Regierung von Giorgia Meloni heute NGO-Rettungsschiffe per Gesetz zwingt, Gerettete nach Norditalien zu bringen, statt sie direkt in Sizilien an Land zu lassen, und die Schiffe so teils für Wochen ausschaltet. Auch das «globale Wirtschaftssystem, das Armut und Ausgrenzung verursacht», sei Ergebnis aktiver Entscheidungen, so der Papst weiter. Er kritisiert jene, die «Vorurteile und Verachtung schüren», und die Gleichgültigkeit jener, die glauben, «dass uns diese Probleme nichts angehen». Es braucht nicht viel, um das als Kritik an den Populist:innen, Rechtsextremen und ihrer Gefolgschaft zu verstehen. ●