Auf allen Kanälen : Mustergültige Marzili-Spirale

Nr. 28 –

Die Reaktionen auf einen Vorfall in einer Berner Badi waren zwar haarsträubend, aber auch erwartbar.

Am letzten Sonntag im Juni wollte eine Frau in der Marzili-Badi an der Aare – unweit der Berner Altstadt und mit Postkartenblick auf das Bundeshaus – den letzten Tag der vergangenen Hitzewelle verbringen. Was so weit sommerlich normal klingt, entwickelte sich innert kürzester Zeit zum «Fall Marzili» und füllt als solcher seither die Zeitungen des Landes.

Denn die Frau ist trans und der Teil des Bades, in den sie sich legen wollte, ist das «Paradiesli», ein Frauen vorbehaltener freiwilliger FKK-Bereich. Einzelne andere Besucherinnen beschwerten sich beim Badipersonal über ihre Anwesenheit und lösten damit eine Kette von Überreaktionen aus: Die Badileitung rief die Polizei, diese führte die betroffene Person in Handschellen ab. Irgendein Vergehen hatte der Frau niemand unterstellt. Die Stadt Bern hat sich mittlerweile für das Vorgehen entschuldigt.

Auch die Medien reagierten masslos. Sofort eilten Kommentator:innen herbei, um Meinungen, die längst eine breite Öffentlichkeit haben, als mutig zu verkaufen, und sich selbst als Hüter:innen der Vernunft darzustellen. Der «Tages-Anzeiger» titelte «Nacktheit im öffentlichen Raum ist kein Menschenrecht» und behauptete damit, eine simple, aber unbequeme Antwort gefunden zu haben. Offenbar wurden diese Artikel gut geklickt, denn danach nahm die Berichterstattung erst richtig Fahrt auf, mittlerweile sind in der ganzen Schweiz über 200 Beiträge zum Vorfall erschienen.

Der Kreis der befragten Personen wurde immer grösser: Tamedia liess zum Beispiel die Zürcher SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel zu Wort kommen; ihre Partei forderte denn auch gleich, die Bedingungen für eine offizielle Geschlechtsänderung wieder zu verschärfen. Der «Blick» sparte Spesenkosten, indem er vor der eigenen Haustür am Stadtzürcher Seebecken zufällig ausgewählten Frauen ein Mikrofon ins Gesicht streckte. Auf nau.ch konnten Leser:innen abstimmen: «Hast du Respekt vor Schutzräumen?» Die Antwortmöglichkeiten waren «Ja klar» oder «Nein, ist mir egal».

Die Berichterstattung zum «Fall Marzili» folgt den erprobten Etappen dessen, was der Kulturtheoretiker Stuart Hall als «moralische Panik» bezeichnete. Ein Feindbild wird konstruiert, einzelne Ereignisse erhalten überproportional viel Aufmerksamkeit und werden als Beweis für eine angebliche allgemeine Bedrohungslage herangezogen. Basierend darauf werden politische Forderungen nach mehr Kontrolle geäussert. Eine «Signifikationsspirale» beginnt zu drehen – immer weitere und weiter hergeholte Themen werden mit dem konstruierten Feindbild verknüpft.

In den ersten Tagen post «Fall Marzili» wurde selbst in den schrillsten Kommentaren noch die Wichtigkeit weiblicher Schutzräume betont. Aber dann drehte die Spirale eben weiter und einmal mehr dahin, dass sich ein männliches «Urgestein» – in diesem Fall der ehemalige Fribourger SP-Stadtpräsident Thierry Steiert – beschweren durfte. Darüber, dass seine Partei die eigentlichen sozialdemokratischen Themen aus den Augen verloren habe, zugunsten «einer Überhöhung solcher Themen». Sprich «Genderthemen». Das Interview der CH-Media-Mantelredaktion mit Steiert erschien in verschiedenen Zeitungen in der ganzen Deutschschweiz. Darin setzte der Fribourger zu einem Rundumschlag an. Er nutzte die Debatte als Anlass, um sich auch gleich über Menstruationsurlaub («Symbolpolitik»), Regenbogenflaggen («Präzedenzfall») und Forderungen nach mehr Vaterschaftsurlaub zu beklagen.

Steiert lieferte damit unfreiwillig ein Anschauungsbeispiel für einen wichtigen queerfeministischen Punkt: Werden trans Personen öffentlich attackiert, ist es bloss eine Frage der Zeit – eine Frage davon, wie lange die Spirale gedreht wird –, bis nicht einmal mehr vordergründig der Schutz von Frauen gefordert wird. Sondern ganz im Gegenteil breit auf queere und feministische, eben «solche Themen», geschossen wird. ●