Aus der Küche des Wahnsinns : Ein Foul ist kein Foul
Karin Hoffsten über menschengemachte Widersprüche
Ist doch super, sage ich zu Freundin E., dass sich fürs K.-o.-Runden-Spiel der Schweiz die Kinder morgens um fünf in der Schule treffen konnten! Was?, echauffiert die sich da: Das finden überhaupt nicht alle gut – bloss ein paar ballverrückte Lehrer (ungegendert!). Der aufgeblähte Nationalismus um die Fussball-WM sei das Allerletzte, die Geldmaschine habe doch mit Sport kaum mehr was zu tun – das müsse man nicht noch unterstützen! Auch, dass das mal eine tolle Jugenderinnerung sein wird – damals, als wir an einem Hochsommertag morgens um fünf in die Schule sind –, überzeugt sie nicht. Und sie hat ja recht. Die Männerfussball-WM ist eine nationalistische Orgie, die nur ein Ziel hat: für die Fifa möglichst viel Geld zu scheffeln.
Und dessen sind sich auch ganz viele bewusst, die jetzt am TV oder für überteuerte Tickets in den Stadien jubeln: Das Fussballfieber steckt an, auch wenn in ihm ein unaufhebbarer Widerspruch steckt. Manchmal gucke ich auch gern. Aber warum sollte ich jauchzen, nur weil junge athletische Männer oder Frauen, die gerade ein Tor geschossen haben, zufällig den gleichen Pass haben wie ich?
Wären Donald Trump und Gianni Infantino irgendwelche Typen am Spielfeldrand, spielte es keine Rolle, was sie miteinander treiben. Aber die Hanswurste sind der Fifa- und der US-Präsident, und es zeichnet sie eine exorbitante Machtgier aus. Denn wer glaubt, mit der Verhaftung des damaligen (inzwischen freigesprochenen) Fifa-Präsidenten Sepp Blatter 2015 sei für immer eine korrupte Schlangengrube ausgehoben worden, hat sich nie näher mit dessen Nachfolger befasst. Dass Infantinos Milliardenimperium im Mäntelchen eines «gemeinnützigen» Schweizer Vereins kaum Steuern zahlen muss, wirkt wie ein Aprilscherz.
Infantino liebt Autokraten. An der WM in Russland fühlte er sich zwischen Wladimir Putin und Saudi-Arabiens Muhammad Bin Salman, bekannt für den Befehl zur Abschlachtung eines Journalisten, pudelwohl. In Donald Trump hat Infantino seinen wahren Seelenbruder gefunden, für den er extra einen «Friedenspreis» erfand.
Dass Trump nun offen dazu steht, seinen Intimus Gianni gebeten zu haben, die Rote Karte für einen Stürmer im US-Team zurückzunehmen – er finde nicht, dass das ein Foul war –, macht die Verlogenheit des ständig abgesonderten Gewäschs von der völkerverbindenden, friedensfördernden Wirkung des Fussballs nur noch deutlicher.
Die USA haben dann auch mit entsperrtem Stürmer 1:4 gegen Belgien verloren. ●
In Karin Hoffstens fussballverachtender Familie galt Onkel Arthur als Lachnummer, weil er bei einem Spiel von Borussia Neunkirchen einen – nicht tödlichen – Herzinfarkt erlitten hatte.