Benin-Bronzen : «Lebendiges Erbe, bitte berühren»

Nr. 28 –

Ein vorläufiger Abschluss: Achtzehn Kulturgüter aus dem Königreich Benin wurden an Nigeria zurückgegeben. Die Direktorin des Völkerkundemuseums der Uni Zürich, Alice Hertzog, hat diese Restitution eng begleitet.

Alice Hertzog hält eine Ansprache bei der Rückgabe der Benin-Bronzen in Lagos
«Wir haben Nigeria nicht mehr dreinzureden»: Alice Hertzog, hier bei der Rückgabe der Benin-Bronzen in Lagos. Anthony Anex, Keystone

WOZ: Frau Hertzog, Sie sind gerade erst aus Lagos zurückgekehrt, wo die Bronzen aus der Schweiz im National Museum feierlich an Nigeria zurückgegeben wurden. Was waren Ihre ersten Eindrücke vor Ort?

Alice Hertzog:In diesem Museum sind bereits andere restituierte Bronzen ausgestellt. Als ich zufällig beobachtete, wie dort eine Schulklasse mit diesem Kulturerbe umging, wurde mir noch vor der Übergabezeremonie klar, wie sinnvoll diese Restitution ist. Die Kinder verstehen die von Kurator und Lehrerin erzählten Geschichten unmittelbar, die Objekte sind ihnen vertraut, sie kennen Sprichwörter, die sich auf sie beziehen.

WOZ: Hatten Sie denn Zweifel gehabt, dass die Rückgabe Sinn ergibt?

Alice Hertzog: Keine Zweifel. Aber ich hatte mich gefragt: Sind diese Objekte im Museum wirklich am richtigen Ort, oder sind das nicht primär spirituelle Gegenstände? Ist das Ausstellen im Museum nicht ein sehr europäischer Gedanke? Aber als ich gesehen habe, wie anders sich die Kinder auf ihrem Rundgang verhielten, verflogen die Bedenken.

WOZ: Wie haben sich die Kinder verhalten?

Alice Hertzog: Es waren etwa Elfenbeinzähne ausgestellt, dazu ein Schild mit der Aufschrift: «Lebendiges Erbe, bitte berühren». Wir würden das Schulkindern ja nie erlauben. Aber das Berühren schafft eindeutig eine andere Form des Zugangs. Das war ein Aha-Moment. Eindrücklich war auch, wie viele Menschen sich vor dem Palast des Oba in Benin City versammelt hatten. Das ist der König von Benin, aus dessen Besitz die Bronzen einst geraubt worden waren und der die zurückgekehrten Objekte gesegnet hat, bevor sie zurück ins Museum gingen.

WOZ: Der Oba war also bei der Rückgabe beteiligt, aber in einer separaten Zeremonie?

Alice Hertzog: Wir wussten, dass der Oba nicht zur offiziellen Feier ins Museum nach Lagos kommen würde, weil er seinen Palast nur selten verlässt. Was auch wichtig zu verstehen ist: Es ist eine Folge der Kolonialzeit, dass es diese unterschiedlichen Regierungssysteme gibt, die koexistieren. Es gibt einen Nationalstaat – und es gibt traditionelle Anführer. So ist es nun einmal in der westafrikanischen Politik. Damit muss man umzugehen wissen.

WOZ: Auch die Schweizer Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider ist extra nach Lagos gereist. Ist die Restitution von kolonialem Raubgut nun eine wichtige Bundesangelegenheit?

Alice Hertzog: Der Bund war von Anfang an in das Projekt involviert, er hat es auch mitfinanziert. Entscheidend ist, dass solche Restitutionen nun ganz selbstverständlich in die diplomatischen Beziehungen eingebunden sind. Sie werden zu einem normalen Teil von bilateralen Abkommen und der internationalen Beziehungen. Im Zuge dieser Restitution haben die Bundesrätin und die nigerianische Kulturministerin auch eine bilaterale Vereinbarung zur Prävention von rechtswidrigem Handel mit Kulturgütern unterzeichnet.

WOZ: Ein Kommentar in CH-Media-Titeln vertrat die These, die Rückgabe der Objekte ohne weitere Bedingungen sei «naiv».

Alice Hertzog: Ich habe länger über das Wort nachgedacht. Tatsächlich war diese Rückgabe ohne daran geknüpfte Bedingungen genau das Gegenteil von naiv. Wir haben sehr genaue Informationen zur Situation in Nigeria. Ich selber mache seit 2016 Feldarbeit in Westafrika, habe dort gelebt und Archivarbeit in verschiedenen Museen geleistet.

Eine Restitution ist eine bedingungslose Übertragung von Eigentumsrechten. Das entspricht einer international anerkannten Best Practice. Es bedeutet auch, dass nun Nigeria allein für sein Kulturerbe verantwortlich ist. Es kann damit tun und lassen, was es will. Wir haben hier schlicht nicht mehr dreinzureden.

WOZ: Was ebenfalls oft zu hören ist: Die Objekte drohten nun in Privatbesitz zu verschwinden und nicht mehr ausgestellt zu werden.

Alice Hertzog: Wenn die Leute wüssten, wie viele Museumsobjekte weltweit nicht ausgestellt sind, sondern in Depots gelagert werden. Auch in europäischen Museen kann es Diebstahl und Korruption geben. Ich erinnere nur an den Fall eines Kurators im British Museum in London, der Juwelen aus dem Museum auf Ebay verkauft hat. Wir sollten keine Lektionen erteilen.

WOZ: Die Benin-Bronzen sind ein eindeutiger Fall, niemand bestreitet, dass sie koloniales Raubgut sind. Droht ihre Prominenz andere, weniger bekannte und weniger eindeutige Restitutionsbemühungen zu verdrängen?

Alice Hertzog: Die Gefahr besteht. Aber es ist auch positiv, dass die Bronzen so viel Aufmerksamkeit generieren. Die relative Klarheit des Falls erlaubt es, unsere Kategorien zu schärfen: zwischen Raubgut und wahrscheinlichem Raubgut – oder eher unwahrscheinlichem. Im Sinne der Restitutionsexpert:innen Felwine Sarr und Bénédicte Savoy muss man in Zukunft auch über eine Umverteilung der Beweislast nachdenken. Sollten Gemeinschaften beweisen müssen, dass ihre Objekte geplündert wurden – oder ist es an den Museen, zu belegen, dass die Objekte einvernehmlich beschafft wurden? ●