Der Grosse Raub : Saure Tinte, süsse Lieder

Nr. 28 –

Enis Maci über Buchklubs und klandestine Druckereien

Ganz übler Laden, schwitziger Schinken und Aperol in bruchsicheren Gläsern, aber nichts zu machen, hier zeigen sie halt das Spiel. Blasse Sommernacht, und als Messi trifft, lehnt auch Juan sich zurück, beseelt erst, dann zucken die Nasenflügel. Ein saurer Geruch zieht auf. Ist es der Obdachlose, Strassenzeitung gereckt, oder doch der zu Sütterlinschleifen gekringelte Balsamicosirup auf der Mozzarellakreation am Nebentisch? «Nicht der Typ, die Zeitung. Druckerschwärze stinkt», sagt Juan, der das aus dem Roman weiss, den er gerade auf die Bühne bringt. In «La maison aux lapins» erinnert Laura Alcoba ihre Kindheit unter der argentinischen Militärdiktatur, als ihre Eltern hintenrum eine illegale Druckerei betrieben, vornerum aber das titelgebende, essigsaure Kaninchen verkauften, damit der Geruch der Tinte sie nicht verriete.

Laura und die Mutter entkommen ins Exil, von wo sie dem Vater Briefe ins Gefängnis schreiben. Der tintenblaue Kringel des kleinen l, Telefonkabel, Stacheldraht. Dass es das einmal gab: den Glauben, es würde sich was ändern, wenn die Aussenwelt nur Bescheid wüsste. Heute wissen nicht nur alle alles (wie eh und je), sie geben das auch unumwunden zu. Wenn der klandestine Bericht nun gar keine Konsequenzen hat – wozu mein Leben riskieren? Oder ist es umgekehrt: Ist das Erzählen der Wahrheit, da egal, endlich sicher geworden?

Vor einem Jahr, am US-Unabhängigkeitstag, wird das texanische Ehepaar Sotos am Rand einer Anti-ICE-Demo festgenommen. In ihrem Haus findet das FBI neben einem Drucker Geräte zum Papierschneiden und Buchbinden. Ausserdem sind die Sotos Mitglieder im Emma-Goldman-Buchklub. Die dort diskutierten Zines nimmt die Agentur trotz legaler Inhalte auch gleich mit. Weiters befragt sie die mit einem Sack überm Kopf aufs Revier gebrachten Kinder der Inhaftierten, was erst durch ihrerseits in einem Zine veröffentlichte Recherchen des anarchistischen Kollektivs Crimethinc ans Licht kommt. Mittlerweile wurden die Sotos aufgrund «materieller Unterstützung für Terrorismus» (der Drucker!) zu Jahrzehnten im Gefängnis verurteilt.

Das Spiegelbild der Druckerei ist das Antiquariat, wo nicht Marktgesetze, sondern Strömungen und Strudel herrschen. Wo Text rezirkuliert. Wie lange noch? Nachdem KI-Firmen alle online verfügbaren digitalisierten Bücher erfasst haben, wenden sie sich nun analogen Inhalten zu. Europäische Antiquarinnen, deren unbeliebteste Ware aus den vordigitalen siebziger, achtziger, neunziger Jahren massenweise online aufgekauft wurde, vermuten so etwas wie Anthropics «Project Panama» dahinter: Ein Hochgeschwindigkeitsscanner liest Bücher ein, die danach geschreddert werden. Laut Anfang des Jahres veröffentlichten Gerichtsakten schätzt Anthropic, dass 130 Millionen Bücher als Einzelexemplare existieren, darunter 40 Millionen noch käufliche. Die Firma gibt Millionen aus, um ebenso viele Büchern erst zu verschlingen und dann für immer zu vernichten.

Wir bestellen noch ein Bier. Offsetdruck, sagt Juan. Ja, sage ich, Text ohne Face ID oder Kreditkarte. Unpolizeilicher Text. Text, der ein Problem löst oder eines darstellt, je nachdem. To offset something, sagt Juan. Ja, sage ich, ausgleichen, wettmachen, aufwiegeln. Aufwiegellieder, sage ich. Genau, sagt Juan. Und Eric Schierloh schreibt: «Anyway, always buy as much paper as you can, and save it.» ●

Enis Maci ist Autorin und lebt in Berlin.

▶ Die Theaterproduktion «La maison aux lapins» läuft noch bis zum 24. Juli 2026 am Festival Off Avignon.