Digitalisierung : «Sie trinken unser Wasser»
«Aufstände der Allmende» wollte bei Schaffhausen gegen Datencenter protestieren und durfte nicht. Der Protest wirft ein Schlaglicht auf einen Boom, der dringend reguliert werden müsste.
Die Baustelle ist nicht zu übersehen: ein dunkler Klotz, flankiert von vier knallroten Kränen. Die US-Firma Stack Infrastructure baut hier, in Beringen im Schaffhauser Klettgau, ein Datencenter. 2028 soll es in Betrieb gehen und den Stromverbrauch im Kanton fast verdoppeln.
«Spätestens gestern hat der weltweite Widerstand gegen KI-Infrastruktur die Schweiz erreicht», sagt eine junge Frau, die sich Patrizia nennt, vor laufenden Kameras. Der junge Mann neben ihr stellt sich als Laurent vor. Beide tragen Masken aus zusammengebasteltem Computerschrott. Sie gehören zur Bewegung Aufstände der Allmende (AdA) – und wollten eigentlich hier, in Beringen, in einem Protestcamp eine Woche lang «Raum für Austausch und den Aufbau einer Bewegung schaffen». Ein wichtiger Bezugspunkt für AdA sind die Zapatistas in Chiapas.
Nachdem Beringen die Bewilligung verweigert hatte, baute AdA ihre Zelte am 2. Juli im nahen Benken ZH auf. Doch die Polizei räumte das Camp «mit Drohnen und Sprengstoffspürhunden» – ohne Einwilligung des Landwirts, der das Gelände zur Verfügung gestellt hatte.
Kritische Infrastruktur
Für die Pressekonferenz vom 3. Juli hat AdA nun doch nach Beringen geladen. Die Wiesen sind vertrocknet, Mauersegler rufen in der Luft. Vom Bahnhof ist ein Tross von rund zehn Aktivist:innen und einem Dutzend Journalist:innen zu einem Hang gezogen, «wo man gute Bilder machen kann», wie Patrizia versprochen hat. «Die Polizei hat das Camp gestern vermummt betreten, wir werden zu unserem Schutz auch nur vermummt auftreten.» Laut Tamedia wird AdA vom Fedpol beobachtet: Datencenter gelten als kritische Infrastruktur. Sie hätten sofort eine Drohne am Hals gehabt, als sie vorhin bei der Baustelle gefilmt hätten, erzählt ein SRF-Journalist.
Mit Aussicht auf den dunklen Klotz erläutern Laurent und Patrizia die Gründe für den Widerstand von AdA: «Datencenter trinken uns das Wasser weg und befeuern die Klimakrise weiter.» KI sei eng verknüpft mit Aufrüstung und Ausbeutung: «Mit dem Genozid testet Israel KI-Infrastruktur an der palästinensischen Bevölkerung.» Auch die «ghost workers», die in Ländern des Globalen Südens verstörende Inhalte sichten und löschen müssen, kommen zur Sprache. Auf den Einwand eines RTS-Journalisten, Handys benutzten aber doch alle, kontern die beiden: «Unsere Kritik richtet sich gegen die Techoligarchen. Ihre Infrastruktur kommt nicht uns zugute.» Auch das Argument, die Schweiz brauche für ihre Datensouveränität Rechencenter, lassen sie nicht gelten: «Uns ist es egal, ob wir von Palantir oder von einer Schweizer Firma überwacht werden.»
Ein Franzose überbringt Grüsse aus Grenoble, wo sich eine lokale Bewegung gegen eine ebenfalls sehr «durstige» Mikrochipfabrik wehrt. Patrizia und Laurent verlesen auch eine Botschaft von Eva Neumann. Die Schaffhauser SP-Kantonsrätin ist eine der grössten Kritiker:innen des Beringer Datencenters. Sie weilt gerade in den Ferien. «Ich freue mich, dass junge Leute das Thema aufnehmen», sagt sie am Telefon. «Das Datencenter braucht enorme Mengen Wasser, Strom und Platz. Sollen wir für US-Bigtechfirmen unsere letzten Ressourcen hergeben? Der Klettgau ist eines der trockensten Gebiete der Schweiz!» Auch die Intransparenz von Stack stört Neumann: «Niemand weiss, welche Daten da gespeichert werden.» An einer Podiumsdiskussion, die sie organisierte, fragte sie die Firma direkt. «Das Einzige, was sie sagten, war: Bitcoin ist nicht drin.»
Seit Februar ist klar: Gleich neben der jetzigen Baustelle soll ein zweites Datencenter entstehen. Und im März haben sich laut «Schaffhauser Nachrichten» «die Hinweise verdichtet», dass am Rand der Stadt Schaffhausen, neben dem Fussballstadion, eine unbekannte Firma ein drittes bauen will, das noch viel grösser werden soll.
Datencenter brauchen nicht nur sehr viel Strom und Wasser – sie verursachen auch Abwärme. Man könnte sie zum Heizen verwenden. Im Kanton gilt heute: Mindestens die Hälfte der Abwärme eines Centers muss genutzt werden. In Beringen allerdings nicht: Die Baubewilligung war schon vor der Regelung da. Sie hält bloss fest, dass Stack zehn Megawatt Wärmeleistung liefern muss. Während man im Kanton noch diskutierte, ob sich mit dem zweiten Beringer Datencenter eine Fernwärmeleitung in die Stadt lohnen würde, wurden diese Pläne mit dem Gerücht eines dritten, näher gelegenen Centers schon wieder obsolet. Es würde wohl allein mehr Wärme liefern, als Schaffhausen brauchen kann.
Nötig sei eine Grundsatzdiskussion, sagt Eva Neumann: «Was hat Vorrang? Die Datencenter oder die Bedürfnisse der Bevölkerung? Muss die Bevölkerung mit Wasserengpässen rechnen, während für die Techfirmen der Nachschub gewährleistet ist?» Auf Nachfrage der WOZ heisst es beim Kanton bloss: «Die Wasserversorgung ist durch die Gemeinde sicherzustellen.» Neumann fordert, der Bau von Datencentern müsse gesamtschweizerisch geplant und reguliert werden. Doch es gibt nicht einmal die Pflicht, eine Umweltverträglichkeitsprüfung zu machen – anders als etwa beim Bau von Windparks, Einkaufszentren oder grossen Mastställen.
Die Schweiz hinkt hinterher
Im Bundeshaus beginne die Diskussion über Datencenter gerade erst, sagt die grüne Zürcher Nationalrätin Marionna Schlatter. «Die Raumplanung gilt als Sache der Kantone, darum wird über nationale Regelungen noch kaum gesprochen.» Sie halte das für falsch: «Nur schon wegen ihres Energieverbrauchs haben Datencenter eine nationale Dimension.» Ausserdem sei in der EU die Diskussion über Regulierungen schon weiter fortgeschritten. «Da besteht die Gefahr, dass die Schweiz zum Sammelbecken für Firmen wird, die Vorschriften umgehen wollen.» Zu diesem Thema und zu mit der Datenspeicherung verbundenen Ressourcenfragen hat Schlatter in der Sommersession eine Interpellation eingereicht. Für sie ist klar: Für Datencenter sollte eine Umweltverträglichkeitsprüfung Pflicht sein. «Das würde auch helfen, Transparenz über den Strom- und Wasserverbrauch zu bekommen.»
Aufstände der Allmende hat ihr Camp schliesslich hinter der Grenze aufgebaut, beim deutschen Dorf Tengen. Bis Redaktionsschluss blieben die Aktivist:innen dort unbehelligt. ●