Durch den Monat mit Marlene Engelhorn (Teil 2) : Wollen Sie sich mit Ihren Thesen profilieren?

Nr. 28 –

Wieso Marlene Engelhorn darauf besteht, als Multimillionenerbin vorgestellt zu werden, und was sie zur Kritik an ihrem Palästinaengagement sagt.

Portraitfoto von Marlene Engelhorn
«Ich bin sehr reich, das macht mich für Medien interessant. Genau deshalb versuche ich, dieses Privileg nicht zu verschleiern, sondern sichtbar zu machen»: Marlene Engelhorn.

Frage: WOZ Marlene Engelhorn, bitte nehmen Sie es nicht persönlich, aber als Millionärin sind Sie in meinem Freund:innenkreis eher nicht willkommen. Wir sind Durchschnittsverdiener:innen, einige mit Existenzsorgen. Manche würden denken: Hoffentlich glaubt sie nicht, wir wollen sie um Geld bitten.

Marlene Engelhorn: Das verstehe ich absolut. Das Einzige, was man sich mit sehr viel Geld nicht kaufen kann, sind ehrliche Beziehungen. Gelegentlich wird gern behauptet, Überreichtum sei eine Art Gefängnis. Das ist Unsinn. Man kann sich damit aus vielen Zusammenhängen herauskaufen. So entsteht eine Komfortzone – und die verändert die eigene Wahrnehmung. Wer viel Geld und damit Macht hat, kann nie ganz sicher sein, warum andere Menschen Nähe suchen. Ungleichheit trennt Menschen voneinander.

Frage: Was tun Sie, um diese Distanz zu überwinden?

Marlene Engelhorn: Ich rede offen über mein Geld und die damit verbundene Macht. Dazu gehört auch, dass ich öffentlich dafür eintrete, Vermögen zu besteuern. Gleichzeitig sehe ich es als meine Aufgabe, anderen die Sicherheit zu geben, dass ich ihnen auf Augenhöhe begegne und nicht durch die Brille meines Vermögens auf sie blicke. Und selbst wenn jemand tatsächlich nur wegen meines Geldes mit mir spricht, ist das Worst-Case-Szenario überschaubar: Man merkt es irgendwann und trennt sich höflich. Aber auch ich musste erst lernen, damit umzugehen.

Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?

Marlene Engelhorn: Als ich begann, 25 Millionen meines Erbes zu spenden, sprach ich mit einem Freund darüber. Damals wollte ich vor allem nichts falsch machen. Irgendwann unterbrach er mich: «Marlene, wir gehören unterschiedlichen Klassen an. Eigentlich müssten wir uns hassen. Aber politisch sind wir auf derselben Wellenlänge. Und genau das fühlt sich seltsam an.» Er ging eine rauchen. Als er zurückkam, sagte er einen Satz, der mir geblieben ist: «Ich sehe, dass du aus einem Käfig ausbrechen willst. Aber vergiss nie: Dein Käfig ist aus Gold.»

Frage: Was war so prägend an diesem Satz?

Marlene Engelhorn: Anfangs habe ich die Rückverteilung meines Vermögens als nahezu unlösbare Herausforderung betrachtet. Dabei gibt es längst Menschen, die wissen, wie man das sinnvoll macht. Meine Aufgabe ist es, den Menschen das zu geben, was ihnen ohnehin zusteht – über faire und nachvollziehbare Verfahren.

Frage: Sie sind mit Ihren Themen medial sehr präsent, etwa mit der Forderung nach einer Reichensteuer. Dabei könnte der Eindruck entstehen, dass Sie sich mit Ihren Thesen profilieren wollen.

Marlene Engelhorn: Die Kritik ist wichtig. Tatsächlich werde ich nicht von Medien eingeladen, weil ich etwas sage, das sonst niemand sagt. Im Gegenteil: Viele Expert:innen aus Wissenschaft, Gewerkschaften oder NGOs vertreten ähnliche Positionen oft fundierter als ich, erhalten aber deutlich weniger Aufmerksamkeit. Der entscheidende Unterschied ist, dass ich sehr reich bin. Das macht mich für Medien interessant. Genau deshalb versuche ich, dieses Privileg nicht zu verschleiern, sondern sichtbar zu machen. Wenn ich in einer Fernsehsendung sitze, bestehe ich darauf, als Multimillionenerbin vorgestellt zu werden. Die Menschen sollen wissen, warum ich dort sitze.

Frage: Es ist auffällig, wie positiv die deutschsprachige Presse über Ihre Person berichtet. Lediglich zwei Medien haben sich dezidiert kritisch über Sie geäussert: die «Bild» und die «Jüdische Allgemeine». Anlass war ihre Ankündigung im August 2025, an der Gaza-Flotilla teilnehmen zu wollen. ­ «Die Familie der BASF-Erbin hat an der Ermordung von Juden mitverdient. Nun diffamiert sie den jüdischen Staat, um sich selbst im Gespräch zu halten», schrieb die «Jüdische Allgemeine».

Marlene Engelhorn: Nur weil Medien zionistische Positionen vertreten und daher ein Problem mit Antizionismus haben, bedeutet das nicht, dass es falsch ist, sich klar antizionistisch zu positionieren. Die Unterstützung der Palästinenser:innen und ihres Kampfes für Freiheit und Würde kann kein Fehler sein. Es ist vielmehr eine zutiefst menschliche Haltung, sich solidarisch mit Palästina zu zeigen und sich gegen den Völkermord zu stellen, den Israel dort begeht.

Frage: Können Sie nachvollziehen, dass viele jüdische Stimmen Ihre Position anders bewerten? Sie sind eine entfernte Nachfahrin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn. BASF ging 1925 in der IG Farben auf, die das Giftgas Zyklon B produziert hat.

Marlene Engelhorn: Zunächst einmal muss ich klarstellen: Ich bin keine BASF-Erbin. Die Distanz zu BASF ist mir wichtig. Denn was hier suggeriert wird, läuft auf die Logik hinaus: Einmal Nazi, immer Nazi. Das kann ich so nicht stehen lassen. Die Anteile an BASF wurden schon 1885 verkauft, aber meine Familie hat durch Boehringer Mannheim mit dem NS-Regime kollaboriert und davon profitiert. Gerade weil die Vernichtung von Menschen Teil der Vermögensgeschichte meiner Familie ist, ist es unerlässlich für mich, diese Logik nicht fortzuschreiben. Für mich bedeutet «nie wieder» tatsächlich nie wieder – für alle. Und das schliesst auch Palästinenser:innen mit ein. ●

Marlene Engelhorn (34) erzwang gegen die «Bild» eine Gegendarstellung. In einem Text des Boulevardblatts war sie des «Israel-Hasses» bezichtigt worden.