Ein Sommerreisli : Störung im Normalbetrieb
Bundesrat Albert Rösti hat die Medien nach Luzern ins Verkehrshaus eingeladen. Die Inszenierung ging gehörig schief.
Irgendwann lässt die Sprecherin von Bundesrat Albert Rösti den Blick über die Uferpromenade, den See und das Bergpanorama dahinter schweifen und sagt konsterniert: «Eigentlich wärs schön do.» Es ist ein Moment der Einsicht. Darüber, dass diese ganze Veranstaltung aus den Fugen geraten ist. Dass das hier definitiv nicht so läuft, wie sich das der Bundesrat und seine Entourage ausgemalt hatten. Die ganze Inszenierung im Eimer.
Dabei hatte alles so gut begonnen: Als Albert Rösti vergangene Woche am Mittwochmorgen in Luzern aus dem Zug steigt, begleitet ihn ein ganzer Tross williger Bundeshausjournalist:innen durch die Bahnhofshalle. Rösti hat zum «Sommergespräch» geladen. Auf dem Programm steht ein Spaziergang entlang der Seepromenade bis zum Verkehrshaus. Die Medienleute sind bereitwillig angereist, um dem jovialen SVP-Magistraten ihre Mikrofone hinzuhalten. Rösti grinst in die Kameras. Rösti schreitet selbstgewiss durch den Bahnhof, während die Pendler:innen und Tourist:innen den Kopf nach dieser seltsamen Prozession umdrehen.
Es ist nicht das erste Mal, dass SVP-Bundesrat Rösti die für Regierungsmitglieder üblichen Austauschtreffen mit Journalist:innen besonders öffentlichkeitswirksam inszeniert: Letztes Jahr erklärte der Umwelt- und Energieminister den Medien auf dem Moléson in den Freiburger Voralpen, dass die Versorgungssicherheit der Schweiz langfristig nur mit der Option neuer AKWs garantiert sei. Und dieses Mal also: Verkehrshaus. Rösti will sein Projekt «Verkehr ’45» verkaufen, das er gerade in die Vernehmlassung geschickt hat und mit dem er den Autobahnausbau – obwohl die Stimmbevölkerung diesen 2024 ablehnte – weiter vorantreiben will. Vor allem aber will der Bundesrat mit diesem Auftritt kurz nach der frühesten und intensivsten Hitzewelle, die die Schweiz je erlebt hat, demonstrieren: In diesem Land herrscht weiter Courant normal. Kein Notstand nirgends. Alles auf Kurs.
Demonstrative Nettigkeit
Die Störung erfolgt direkt nach Verlassen des Bahnhofgebäudes, als Albert Rösti zur Begrüssungsrede ansetzen will – und sofort von Klimaaktivist:innen niedergebrüllt wird. «Rösti ist nur unser Lockvogel!», ruft eine Aktivistin des «Drop Kollektivs», das sich mit einem Banner neben dem Bundesrat aufgebaut hat. «Seine scheiss Umweltpolitik verstösst gegen das Menschen- und das Völkerrecht!» Rösti, dessen stärkste Waffe seine demonstrative Nettigkeit ist, versucht, die Aktivist:innen zu besänftigen. «Das ist ja das Schöne an der Demokratie», sagt er, «dass Sie hier auch Ihre Meinung äussern können. Ich sage dann gerne ein paar Worte dazu im Verkehrshaus. Sie können auch mitkommen und zuhören …» Weiter kommt Rösti nicht. An die Medienvertreter:innen gerichtet, rufen die Klimaaktivist:innen: «Hören Sie ihm nicht mehr zu! Er ist ein Klimaleugner par excellence! Fordern Sie seinen Rücktritt!» Trillerpfeifen. Der Bundesrat muss die Begrüssungsrede abbrechen. Begleitet von Parolen setzt sich der Geleitzug in Bewegung: «Rösti, Rösti, mir lönd ois nöd röschte!»
In dem Moment, in dem die Bundesratssprecherin konsterniert auf den See blickt, hat sich der Spaziergang längst zu einem absurden Rennen entwickelt. Vorneweg Albert Rösti, der im Laufschritt vor den pfeifenden Aktivist:innen flieht, während ihm die Journalist:innen und die Fotograf:innen nachrennen. Dazwischen: eilig aufgebotene Polizist:innen. Und als wäre das nicht genug, drängt sich auch der klimatische Ausnahmezustand immer plakativer ins Bild: Am Boden liegen noch die beim letzten Hitzegewitter abgebrochenen Äste, während sich das nächste schon mit lautem Donnergrollen ankündigt – bis es sich kurz vor Ankunft beim Verkehrshaus in Starkregen entlädt.
Versprechen an die Autofahrer:innen
Drinnen, im trockenen Verkehrshaus, braucht Albert Rösti einen Moment, bis sein Lächeln wieder richtig sitzt. Vor einer alten Lok spricht er über den geplanten Ausbau des Bahnhofs Luzern. Den brauche es, sagt er, damit weiter «Normalbetrieb herrscht». Dass ein solcher auch im Verkehrshaus langsam wieder einkehrt, dafür sorgen die mitgereisten Journalist:innen. Dominik Feusi, der Bundeshausleiter des «Nebelspalters», lässt seinen Gesinnungsgenossen unwidersprochen ausführen, dass die Schweiz mehr als genug tue für das Klima. «Wir müssen sicher nicht den Weltpolizisten spielen», sagt Rösti. Den staugeplagten Autofahrer:innen verspricht er im Interview Besserung. «Dann müsst ihr das nächste Mal aber auch abstimmen gehen.»
Den Steilpass der inzwischen ausgesperrten Klimaaktivist:innen nehmen auch die anderen Journalist:innen kaum auf. In zahlreiche Kameras sagt Rösti, der derzeit etwa gerade darauf hinarbeitet, die CO₂-Abgabe auf fossile Brennstoffe abzuschaffen, unwidersprochen: Die Klimaktivist:innen wüssten wohl einfach nicht, «was wir alles tun für die Dekarbonisierung».
Nach dem Mittagessen schliesslich hält Rösti eine Rede, die noch einmal deutlich macht, wie dieser Anlass hier eigentlich hätte laufen sollen. Den Klimawandel nämlich erwähnt er bei seinem Überblick über die Geschäfte seines Departements kein einziges Mal. Geht es um Massnahmen dagegen, spricht er verklausuliert vom «Themenbereich Schutz und Nutzen». Fast so, als fürchte er insgeheim doch, dass schon eine klare Benennung der Dinge den Normalzustand ins Wanken bringen könne. ●