Erinnerungspolitik : Eine Gedenktafel und viele offene Fragen
Chur ehrt vier Tamil:innen, die 1989 bei einem wohl rechtsextremen Anschlag umkamen.
37 Jahre sollten vergehen, bis die offizielle Politik aktiv wurde. Am vergangenen Donnerstag hat die Stadt Chur mit einer hinduistischen Zeremonie feierlich eine Strasse eingeweiht: Der «Naanku Vilakkukal Viethi – Vier-Lichter-Weg» soll künftig an vier tamilische Asylsuchende erinnern, die am 2. Juli 1989 bei einem aller Wahrscheinlichkeit nach rechtsextremen Anschlag auf ein Haus in der Nähe getötet wurden.
Mit der Benennung der bisher namenlosen Gasse will der Stadtrat «ein sichtbares Zeichen des Erinnerns, der Würdigung und der Mahnung gegen Rassismus und Ausgrenzung» setzen, wie er in einer Mitteilung schreibt. Neben dem Weg wurde zudem eine Gedenktafel enthüllt. Der Anschlag sei «ein erschütterndes Kapitel der Churer Stadtgeschichte», sagte Stadtpräsident Hans Martin Meuli (FDP) gemäss der Mitteilung an der Zeremonie. Der Verdacht auf ein rechtsextremes Tatmotiv sei seinerzeit nicht konsequent genug verfolgt worden.
Die Asylbewegung kritisierte schon damals die mangelhafte Aufarbeitung des Falls. Im Januar 2025 enthüllte dann ein Artikel im «Magazin», dass die Polizei den zahlreichen Hinweisen auf eine Täterschaft aus der rechtsextremen Szene nicht nachging und nie nach den mutmasslichen Mördern fahndete.
Auch die anderen staatlichen Organe trugen damals nichts zur Aufklärung bei: Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren rasch ein, und das Kantonsgericht wies eine Beschwerde der Opferfamilien dagegen ab. Warum die neun- und zehnjährigen Brüder Balamugunthan und Balamurali Kandiah, der achtzehnjährige Saththivel Thambirajah und der vierzigjährige Thevarajah Sinnethamby sterben mussten, wird man also wohl nie erfahren. Und nach dreissig Jahren gilt Mord in der Schweiz als verjährt.
Noch 2024 hatte der Stadtrat die Errichtung einer Gedenktafel abgelehnt, «um keinen Präzedenzfall zu schaffen». Erst der Druck von Medien und lokalen Politiker:innen führte zu einem Umdenken. Eine politische Untersuchung des behördlichen Versagens von damals ist weiterhin nicht vorgesehen. ●