Flamingo-Revolution : Tausende Gründe für Protest
Es begann mit dem Widerstand gegen ein Luxusresort in einem Naturschutzgebiet. Inzwischen richten sich die Demonstrationen gegen die politische Kaste Albaniens. Auch in der Schweiz.
Es war ein Video, das die wohl grösste Protestbewegung lostrat, die Albanien seit dem Fall des sozialistischen Regimes Anfang der neunziger Jahre erlebt hat. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich die Bilder im Netz: Sie zeigen Sicherheitsleute, die einen Mann gewaltsam durch den Sand zerren. Mit anderen Umweltaktivist:innen und Anwohner:innen aus der Region protestierte er gegen ein geplantes Luxusresort.
Vier Milliarden US-Dollar soll das Projekt kosten, das an der Küste Südalbaniens gebaut werden soll. Genauer: auf der unbewohnten Insel Sazan sowie bei der gegenüberliegenden Lagune von Narta, etwa drei Autostunden von der Hauptstadt Tirana entfernt. Die Lagune ist Teil des letzten unberührten Flussdeltas im Mittelmeerraum. Die einzigartige Flora an Stränden, in Pinienwäldern und Feuchtgebieten ist von hoher ökologischer Bedeutung und Heimat für über 200 Vogelarten, darunter Pelikane und Flamingos.
Ausgerechnet hier wollen US-Investor:innen ein Feriendomizil für Superreiche bauen. Federführend in der Gruppe ist eine Firma von Jared Kushner, dem Ehemann von Donald Trumps Tochter Ivanka, die ebenfalls daran beteiligt ist.
Korruptes System
Ardian, der eigentlich anders heisst, aber wie alle hier Zitierten anonym bleiben möchte, war Anfang Mai bei den Protesten am Strand von Narta dabei. Dass nun, eineinhalb Monate später, so viele Menschen mit ihm in Tirana für die «Flamingo-Revolution» auf die Strasse gehen, das hätte er sich damals noch kaum vorstellen können. Es ist der 20. Juni, ein heisser Frühsommertag geht zu Ende. Von Erschöpfungserscheinungen bei den Protestierenden jedoch keine Spur: Zehntausende Menschen demonstrieren an diesem Samstag in der Hauptstadt, unter ihnen sind auch Albaner:innen aus Nordmazedonien und dem Kosovo, die extra übers Wochenende angereist sind.
Der 28-jährige Ardian, ausgelatschte Chucks und wuscheliger Dutt, ist Umweltaktivist. Er will, dass das Kushner-Bauvorhaben gestoppt wird. «Es ist ein Skandal, dass so ein Projekt ausgerechnet in einem Naturschutzgebiet entstehen soll», sagt er. Seit die Proteste nach Tirana übergeschwappt sind, steht er jeden Abend im Flamingo-Zug – die Aktivist:innen laufen bei den Demonstrationen mit Schaumstoffflamingos auf Besenstielen mit. «Wir sind hier, um für Umweltanliegen einzustehen. Aber nicht nur, inzwischen geht es um deutlich mehr», sagt Ardian.
Was als Kampf für ein Naturschutzgebiet und seine tierischen Bewohner:innen begann, entwickelte sich rasch zu einer Massenbewegung, die die Regierung und all ihre Verfehlungen ins Visier nimmt. Gleich mehrere Korruptionsskandale erschütterten Albanien in den letzten eineinhalb Jahren: Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass Belinda Balluku, Ministerin für Infrastruktur und Energie und stellvertretende Premierministerin, öffentliche Ausschreibungen manipuliert und bei der Vergabe von Grossaufträgen bestimmte Firmen bevorzugt haben soll. Tiranas Bürgermeister Erion Veliaj sitzt seit Februar 2025 im Gefängnis. Ihm werden gleich mehrere Delikte vorgeworfen: Amtsmissbrauch, passive Bestechung in mehreren Fällen, Geldwäsche und Vermögensverschleierung. Der Kushner-Deal ist für viele nur der sichtbarste Auswuchs eines korrupten Systems.
Die grosse Abwanderung
Was diese Proteste auszeichnet und sie für Premierminister Edi Rama so gefährlich macht: Es war für einmal nicht Oppositionsführer Sali Berisha, der sie ins Rollen brachte – sie richten sich diesmal ebenso gegen diesen. Es handelt sich um Bürger:innenproteste ohne Anführer:innen. Die Menschen rufen «Rama në Burg, Berisha në Burg» – Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis! Der Protest fordert das Ende der Vorherrschaft der immer gleichen zwei Parteien.
Die 59-jährige Drita und ihre 25-jährige Tochter Alisa aus Tirana haben ebenfalls noch keinen Protesttag verpasst. Auch am 20. Juni marschieren sie zielsicher über den Skanderbeg-Platz in Richtung Regierungsgebäude, wo die Demonstration inzwischen traditionell ihren Anfang nimmt.
«Es gibt nicht nur einen Grund, es gibt Tausende Gründe, um auf die Strasse zu gehen», sagt Drita. Edi Rama sei ein korrupter Politiker, der endlich abtreten müsse. «Ich wünsche mir ein funktionierendes Gesundheitssystem, besseren Zugang zu Bildung. Eine Regierung, die die Bedürfnisse der Bevölkerung ernst nimmt», sagt Drita. «Ich möchte endlich wieder mit meinem Mann und den drei Kindern in die Ferien fahren können. Aber das Leben in Tirana ist teuer geworden. Unser Einkommen reicht gerade mal für Lebensmittel und Sprit. Währenddessen wirtschaften unsere Politiker in die eigene Tasche», erzählt sie aufgebracht.
Tochter Alisa studiert Ingenieurwissenschaft an der Universität von Tirana. Eigentlich hätte sie diesen Sommer ihren Bachelor abschliessen sollen. «Wegen der Proteste haben ein paar meiner Kommilitonen und ich uns jedoch von den Prüfungen abgemeldet. Ich hole meinen Abschluss im Winter nach. Mit meiner Mutter jeden Abend an der Kundgebung Präsenz zu zeigen, ist mir gerade wichtiger.»
Alisa beklagt die fehlenden beruflichen Perspektiven im Land: «Kein Wunder, wandern so viele Junge nach dem Studium aus», sagt sie. Der Tourismus boome zwar, aber: «Es wollen nun mal nicht alle in der Hotellerie oder im Gastronomiegewerbe arbeiten.» Obwohl die Arbeitslosenquote in Albanien in den vergangenen Jahren stetig gesunken ist, ist die Jugendarbeitslosigkeit mit etwa 25 Prozent überdurchschnittlich hoch. Der Braindrain ist beträchtlich: Seit 2011 ist die Bevölkerung laut offiziellen Statistiken von 2,8 auf 2,4 Millionen geschrumpft. In Wahrheit dürften noch weitaus mehr Menschen das Land verlassen haben. Allein von 2020 bis 2022 haben fast 198 000 Albaner:innen eine Aufenthaltsbewilligung in einem EU-Land beantragt, darunter viele Junge.
Von einer Protestbewegung der Gen Z zu sprechen, wie die Welt sie etwa in Nepal gesehen hat, greift jedoch zu kurz. Es sind Väter, die mit dem Nachwuchs im Kinderwagen an die Kundgebungen gehen, wütende Senior:innen, Aktivist:innen der Klimabewegung und des queerfeministischen Widerstands, Mütter mit ihren Töchtern, Studierende. Sie mögen nicht völlig deckungsgleiche Beweggründe haben, stellen sich jedoch geeint hinter Parolen wie «Rama, jepe dorëheqjen» – Rama, leg dein Amt nieder – oder auch «Shqipëria nuk është në shitje» – Albanien steht nicht zum Verkauf!
Regierungschef Edi Rama, seit 2013 im Amt und fest entschlossen, das Land bis 2030 in die EU zu führen, bewirbt Kushners Luxusprojekt als Wirtschaftsmotor. Vor internationalen Journalist:innen sagte er Anfang Juni: «Luxusresorts sollen volksfeindlich sein? Das ist eine der dümmsten Ansichten, die man verbreiten kann. Genau das Gegenteil ist der Fall. Es ist der High-End-Luxustourismus, der ein Land vor den Folgen des Massentourismus schützt.»
Der Druck auf die Regierung wächst
Rama sieht deshalb auch keinen Anlass, seinen politischen Kurs zu ändern. Von den Rücktrittsforderungen der Bevölkerung zeigt er sich bisher unbeeindruckt. Auf seinen Social-Media-Kanälen wendet er sich fast täglich an die Demonstrierenden – jedoch nicht mit versöhnlichen Worten oder Verständnis: Er begegnet ihnen mit Spott und Hohn, seine Postings wirken bisweilen auch bizarr. So hat Rama auf Facebook, wo ihm 1,6 Millionen Menschen folgen, sein Profilbild kürzlich in ein KI-generiertes Bild eines Flamingos geändert. Zynisch sprach er von sich selbst auch schon als «Flamingo-Killer».
Der Regierungschef ist bemüht, das Narrativ um die Proteste, die weltweit für Schlagzeilen sorgen, zu kontrollieren. Journalist:innen von albanischen, aber auch ausländischen Medien wirft er vor, Lügen zu verbreiten. Um die Glaubwürdigkeit der Protestierenden zu untergraben, behauptete er zudem, hinter der Widerstandsbewegung steckten ausländische Agenten. Iranische und russische Geheimdienstmitarbeitende sollen die Proteste angestachelt haben: Eine klassische Desinformationstaktik, wie man sie schon vom serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić im Umgang mit den Massenprotesten in Belgrad kennt.
Doch der Druck auf Ramas Regierung wächst. Weltweit solidarisiert sich die albanische Diaspora mit den Protesten: in Berlin, Wien, Rom, New York – und auch in Schweizer Städten. Etwa am vergangenen Samstag in Bern, wo etwa hundert Menschen bei sengender Hitze ihre Solidarität mit dem albanischen Widerstandskampf kundtaten. Während in Tirana Tausende protestierten, riefen auch in Bern die Menschen: «Rama, jepe dorëheqjen» – Rama, leg dein Amt nieder! Der Verein der Auslandalbaner:innen hatte zur Kundgebung vor dem Bundeshaus mobilisiert. Dem Ruf folgten auch der Klimastreik Bern und Mitglieder der Juso.
Die 34-jährige Entela, die für die Kundgebung extra aus Zürich angereist war, sagte, in ein T-Shirt mit einem rosa Flamingo gekleidet: «Wir haben hier im Ausland die Pflicht, für unsere Angehörigen in Albanien einzustehen.» Sie hoffe auf eine Revolution. «Es braucht einen Regierungswechsel, es braucht einen Neuanfang.» ●